text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Was der Tag mir zuträgt Herausgegeben von Karl Kraus von Altenberg, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.02.2015
  • Verlag: Edition Erdmann in der marixverlag GmbH
eBook (ePUB)
10,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Was der Tag mir zuträgt

Der exzentrische Altenberg: Bohemien, Mitglied des Literatenzirkels Jung-Wien, Kaffeehausliterat. Seine impressionistischen Skizzen und ironischen Aphorismen, ja Gedankensplitter, sind noch heute unübertroffen. In den Mittelpunkt seiner Kurzprosa stellt er das subjektive Erleben und teilt im Plauderton Augenblicke aus dem Alltagsleben der Großstadt um die Jahrhundertwende mit - dabei beschönigt er nie. Dieser Band enthält eine Auswahl aus folgenden Büchern: Wie ich es sehe, Was der Tag mir zuträgt, Pròdromos, Märchen des Lebens, Bilderbögen des kleinen Lebens, Neues Altes, Semmerling, Fechsung, Nachfechsung, Vita Ipsa, Mein Lebensabend, Der Nachlass.

Peter Altenberg 1859-1909, dessen bürgerlicher Name Richard Engländer lautete, entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie. Nach dem Scheitern eines Medizin- und Jurastudiums und einer Buchhändlerlehre attestiert ihm ein vom Vater gerufener Arzt 'Überempfindlichkeit des Nervensystems' und 'Berufsunfähigkeit'. Unter der Adresse 'Café Central, Wien I' führt er nun in Kaffeehäusern und billigen Absteigen das Leben eines Bohèmiens, immer wieder unterstützt von Karl Kraus, Alfred Polgar, Arthur Schnitzler, Egon Friedell und anderen Freunden des 'Jungen Wien'. 1896 veröffentlicht er die erste Sammlung seiner literarischen Skizzen. Trotz literarischer Erfolge führt er ein gebrochenes Leben, das von Krankheit, Alkohol und finanzieller Not geprägt ist. Nach mehreren Aufenthalten in Nervenheilanstalten und gezeichnet von Alkoholismus und Schlafmittelmissbrauch stirbt er 1919 in Wien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 20.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843800204
    Verlag: Edition Erdmann in der marixverlag GmbH
    Größe: 1979 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Was der Tag mir zuträgt

Wie ich es sehe

Neun und elf

Margueritta stand nahe bei ihm.

Sie lehnte sich an ihn.

Sie nahm seine Hand in ihre kleinen Hände und hielt sie fest. Manches Mal drückte sie sie sanft an ihre Brust.

Und doch war sie erst elf Jahre alt.

"Margueritta ist die Menschenfreundin", sagte die Mutter zu dem jungen Manne, "Rositta ist anders - -. Sie liebt die Einsamkeit, die Natur und die Tiere. Jetzt hat sie ihr Herz einem gelben Dachshund geschenkt, Herrn von Bergmann. Sie hatte das Glück, ihm gestern vorgestellt zu werden. Sie hat heute die Taschen voll Würfelzucker für ihn - - -, aber es ist eine unglückliche Liebe."

"Wieso unglücklich - -?!", sagte das Kind, "ich liebe ihn ja! Ich denke immer an ihn - -. Das macht mich doch glücklich?!"

Rositta war neun Jahre alt, zart und bleich.

Margueritta sagte: "O, Rositta ist übertrieben -!"

"Wieso?!", fragte die Schwester und erbleichte -.

"Ja, du bist übertrieben - -! Sie will Sennin werden am Patscherkofl und Zither lernen!"

Rositta: "Der Wirt in Igls hat so schön Zither gespielt und gesungen! Und er hat gar nicht gewusst, dass er schön singt - -! Er ist dagesessen und hat gesungen - - -."

Margueritta: "Rosie hat eine Altstimme und dichtet sich selber die Lieder. In der Früh singt sie manchmal: ,O, meine Berge, meine Berge - -!' Aber übertrieben ist sie doch - - -!"

Die Mutter sagte: "Das ist doch kein Lied: ,O meine Berge - -!?'"

Rosie sah ihre Schwester an. Sie war erstaunt, verlegen.

Margit sagte: "O ja, das ist ein Lied - -! Mama, das verstehst du nicht, das verstehen nur wir. Ein Lied ist es, nicht wahr, Herr - - -?!"

Der junge Mann sagte: "Ja!"

Er dachte: "Es ist eine tönende Menschenseele - - ein Lied!"

Er blickte in die Welt zweier Kinderseelen. Margueritta war die rosige Morgenröte - - man konnte es nicht anders sagen.

Aber die andere, die Sennin am Patscherkofl, die bleiche zarte, die Zither lernen wollte und die mit einer Altstimme sang: "O meine Berge, meine Berge" - -?!

Es wurde Abend.

Er saß zwischen den beiden Kindern auf einer Bank an der Esplanade.

Margueritta legte ihr blondes Köpfchen auf seinen Schoß und schlief ein - -.

Rosie saß da und blickte auf den See hinaus - -.

Beide weißen süßen Kinderseelen waren ihm zugeflogen.

Aber wirklich liebte ihn nur Margueritta und wirklich liebte er nur sie.

Was ist das "wirklich"?!

über der anderen schwebte das Schicksal. In ihr sang es: "O, meine Berge - - -". Und doch küsste sie ihn so sanft und sagte: "Du, Herr Albert - - -"

Aber den Herrn von Bergmann mit dem gelben Fellchen und den krummen Beinchen und den riesigen Ohren - - - den liebte sie "wirklich"!

Wenn er vorüberwatschelte, hatte sie eine tiefe Sehnsucht - - -. Sie stand da mit ihren verschmähten Zuckerstückchen und warf sie ins Wasser - -

Der junge Mann fühlte die Tiefe.

Die Mutter sagte einfach: "Rositta ist schwer zu behandeln. Ich sehe darauf, dass sie viel schläft. Ich möchte Aufregungen von ihr ferne halten - - -."

Auch das Mutterherz fühlte das "schwebende Schicksal".

Der junge Mann behandelte beide gleich. Beide küsste er, mit beiden ging er Hand in Hand über die Esplanade, mit beiden ruderte er in den Abendstunden langsam auf und ab - - -. Beiden schenkte er zum Abschied, im Herbst, zwei goldene Kuhglöckchen als Brosche, mit dem eingeätzten Worte "See-Ufer".

Rositta sang am nächsten Morgen in der Stadt mit ihrer Altstimme: "O meine Berge, meine Berge -!"

Es war doch ein Lied - - ein Lied!

Margueritta hörte zu und dachte: "Du Dichterin, du Sängerin - - -!"

Dann sagte sie einfach: "Rosie, du bist übertrieben - - -!"
Quartett-Soirée

Der Saal ist viereckig, schneeweiß, überhaupt wie eine riesige Pappendeckelschachtel. Die durchscheinenden Kugeln aus dickem welligem Gla

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen