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Was ich euch nicht erzählte Roman von Ng, Celeste (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.05.2016
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Was ich euch nicht erzählte

Von den Verheerungen, die wir einander zufügen "Lydia ist tot." Der erste Satz, ein Schlag, eine Katastrophe. Am Morgen des 3. Mai 1977 erscheint sie nicht zum Frühstück. Am folgenden Tag findet die Polizei Lydias Leiche. Mord oder Selbstmord? Die Lieblingstochter von James und Marilyn Leewar ein ruhiges, strebsames und intelligentes Mädchen. Für den älteren Bruder Nathan steht fest, dass der gutaussehende Jack an Lydias Tod Schuld hat. Marilyn, die ehrgeizige Mutter, geht manisch auf Spurensuche. James, Sohn chinesischer Einwanderer, bricht vor Trauer um die Tochter das Herz. Allein die stille Hannah ahnt etwas von den Problemen der großen Schwester. Was bedeutet es, sein Leben in die Hand zu nehmen? Welche Kraft hat all das Ungesagte, das Menschen oft in einem privaten Abgrund gefangen hält? Nur der Leser erfährt am Ende, was sich in jener Nacht wirklich ereignet hat. Celeste Ng (sprich: Ing) wuchs auf in Pittsburgh, Pennsylvania und in Shaker Heights, Ohio. Ng studierte in Harvard und machte ihren Master an der University of Michigan. Sie schrieb Erzählungen und Essays, die in verschiedenen literarischen Magazinen erschienen und mit dem Hopwood Award und dem Pushcart Prize ausgezeichnet wurden. 'Was ich euch nicht erzählte', ihr erster Roman, war ein New York Times-Bestseller, der, vielfach prämiert, in 20 Sprachen übersetzt wurde und auch verfilmt wird.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 27.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423429603
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Originaltitel: Everything I Never Told You
    Größe: 847 kBytes
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Was ich euch nicht erzählte

eins

Lydia ist tot. Aber das wissen sie noch nicht. Am 3 . Mai 1977 um halb sieben Uhr morgens weiß niemand etwas außer der harmlosen Tatsache: Lydia kommt zu spät zum Frühstück. Ihre Mutter hat wie immer neben die Müslischale einen angespitzten Bleistift gelegt und Lydias Physiksachen, sechs Aufgaben markiert mit kleinen Häkchen. Ihr Vater, der gerade zur Arbeit fährt, dreht den Wählerknopf auf WXKP , den besten Nachrichtensender in Nordwest-Ohio, und ärgert sich über das statische Rauschen. Lydias Bruder, noch immer verstrickt in das Ende seines Traums, gähnt auf der Treppe. Und auf einem Stuhl in der Küchenecke kauert Lydias Schwester, noch müde, über ihren Cornflakes, lutscht sie einzeln zu Matsch und wartet auf ihre große Schwester. Sie ist es schließlich, die sagt: "Heute braucht Lydia aber lang."

Oben öffnet Marilyn die Zimmertür ihrer Tochter und sieht das unberührte Bett: die Laken unter der Tagesdecke ordentlich eingeschlagen, das Kissen noch aufgeschüttelt und rund. Alles an seinem Platz. Auf dem Boden eine zerknäulte senffarbene Cordhose, daneben eine einzelne geringelte Socke. An der Wand mehrere Schleifen von Wissenschaftsprojekten und eine Postkarte von Einstein. Lydias Reisetasche zerknautscht auf dem Schrankboden. Lydias grüne Schultasche an den Schreibtisch gelehnt. Lydias Mädchenparfum auf der Kommode, der süße, pudrige Babyduft hängt noch in der Luft. Aber keine Lydia.

Marilyn schließt die Augen. Vielleicht ist Lydia da, wenn sie sie wieder öffnet, die Decke wie gewohnt über den Kopf gezogen, eine Haarsträhne, die darunter vorlugt. Ein mürrischer, eingerollter Haufen, den sie vorher übersehen hat. Ich war im Bad, Mom. Ich war unten und wollte Wasser trinken. Ich hab die ganze Zeit hier gelegen. Natürlich ist alles unverändert, als sie wieder hinsieht. Die geschlossenen Vorhänge leuchten wie ein leerer Fernsehbildschirm.

Unten bleibt sie in der Küchentür stehen, eine Hand auf jeder Seite des Rahmens. Ihr Schweigen sagt alles. "Ich seh mal draußen nach", meint sie schließlich. "Vielleicht ist sie aus irgendeinem Grund -" Auf dem Weg zur Haustür richtet sie den Blick auf den Boden, als könnten Lydias Fußabdrücke im Flurläufer erkennbar sein.

Nath sagt zu Hannah: "Gestern Abend war sie in ihrem Zimmer. Ich hab das Radio gehört. Um halb zwölf." Er hält inne und erinnert sich, dass er nicht Gute Nacht gesagt hat.

"Kann man mit sechzehn entführt werden?", fragt Hannah.

Nath stößt seinen Löffel in die Schale. Die Cornflakes tauchen unter und versinken in der schimmernden Milch.

Ihre Mutter kommt wieder in die Küche, und für den wunderbaren Bruchteil einer Sekunde seufzt Nath erleichtert: Da ist Lydia ja. Manchmal passiert das - ihre Gesichter sind einander so ähnlich, dass man die eine aus dem Augenwinkel sieht und sie mit der anderen verwechselt: das gleiche elfenhafte Kinn, hohe Wangenknochen und ein Grübchen in der linken Wange, die gleiche schmale Statur. Nur die Haarfarbe ist anders, Lydias ist pechschwarz, das ihrer Mutter honigblond. Er und Hannah geraten nach ihrem Vater - einmal wurden sie im Supermarkt von einer Frau gefragt: "Seid ihr Chinesen?", und als sie ja sagten, weil sie die Sache nicht vertiefen wollten, nickte die Frau beflissen und meinte: "Ich wusste es. Wegen der Augen." Dann zog sie ihre Augenwinkel mit den Fingerspitzen nach außen. Lydia dagegen hat der Genetik getrotzt und die blauen Augen ihrer Mutter geerbt, noch ein Grund, wie Nath und seine kleine Schwester wissen, warum sie das Lieblingskind ihrer Mutter ist. Und auch das ihres Vaters.

Dann legt Lydia eine Hand an die Stirn und wird wieder zu seiner Mutter.

"Das Auto ist noch da", sagt sie, doch das wusste Nath schon vorher. Lydia kann nicht fahren; sie hat noch nicht mal eine Lernerzulassung. Zur Überraschung aller war sie letzte Woche durch die Prüfung gefallen, und ohne

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