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Was man unter Wasser sehen kann Roman von Dyckerhoff, Henriette (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.02.2019
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)

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Was man unter Wasser sehen kann

Damals, im Tal. Als ihre Mutter verschwindet, kehrt die junge Luca in ihre Heimat zurück, nach Ronnbach, jenen kleinen Ort zwischen waldigen Hügeln und tiefhängendem Himmel, wo sie zwischen Mutter und Großmutter aufwuchs, zwischen zwei Frauen, die einander das Leben schwermachten. Luca verstand nie, warum, doch nun sucht sie nach Antworten, und bald erkennt sie, dass die Geschichte ihrer Familie ihren Anfang nahm, als das Ronnetal in den Sechzigern gegen den Willen einiger geflutet werden und ein ganzes Dorf versinken sollte ... Henriette Dyckerhoff erzählt von drei Frauengenerationen und einer Liebe zwischen zwei Heimatlosen und lässt dabei ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden - klug, berührend, eigenwillig.

Henriette Dyckerhoff, geboren 1977 im Sauerland, studierte Philosophie und Soziologie und arbeitete bei einem Hamburger Verlag. Heute ist sie freie Lektorin und schreibt Sachbücher. Für Was man unter Wasser sehen kann , ihren ersten Roman, erhielt sie ein Stipendium des Landes Niedersachsen. Sie lebt in Oldenburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 15.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841217332
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 2004 kBytes
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Was man unter Wasser sehen kann

Montag, 14. September 2015

Unwahrscheinlich, dass sie noch kommt. Sie war ja nie groß weg aus Ronnbach. Sonst schickt meine Mutter höchstens mal eine Nachricht, letzte Woche dann der Anruf: »Hallo Luca, Montag komm ich nach Berlin.«

Montag hat Marion frei. Sie fragte nicht, ob ich auch freihabe, als wäre es ein Riesengefallen von ihr, mich zu besuchen. Hätte ich es ihr doch ausgeredet. Dann hätte ich jetzt nicht dieses irre Kribbeln in den Armen, dieses Sirren im Ohr. Bei jedem Türbimmeln zucke ich zusammen, und das, obwohl meine Mutter sich bisher schön rausgehalten hat aus meinem Leben.

Von Ronnbach hierher sind es ungefähr fünfhundertsechzig Kilometer. So wie Marion fährt, hätte sie längst hier sein können, spätestens abends wollte sie kommen. Noch ist es hell, aber die Sonne ist schon hinter den Häusern auf der anderen Straßenseite verschwunden. Das sieht man auch von hier drinnen, trotz der gestapelten Ware und der Markise vorm Schaufenster. Bald wird das Licht seine Farbe verlieren, die Dinge werden grau, dann bläulich. Ich werde die Beleuchtung einschalten müssen. Und noch immer kein Wort von Marion.

Wenn ich hinterm Tresen stehe, kann ich von den Leuten draußen nur die Köpfe sehen: gebleichtes Blond, halblanges Braun, akkurates Schwarz, Kopftuch, rasiert und tätowiert - schrilles Rot. Aber nicht Marions Rot. Meine Mutter färbt es dunkler, ihre Tönungen heißen »Wilde Kirsche« oder »Aubergine«. Oma Grete hätte mir erzählt, wenn Marion das geändert hätte. Früher trug sie das Haar zur Mähne auftoupiert, jetzt reicht es nicht mal mehr bis zur Schulter. Es wippt beim Gehen, und das Klacken ihrer Stiefel müsste man bis in den Laden hören. In Ronnbach weiß der ganze Ort Bescheid, wenn meine Mutter zur Arbeit geht. Auch hier in Neukölln würde sie ihre Schritte auf den Gehweg hämmern. Da kennt sie nichts. Sie würde sich nicht anmerken lassen, dass sie das nicht gewohnt ist: die breiten Bürgersteige, die Menschen, das Sprachgewirr, die Luft schwer von Abgasen, der bittere Atem der U-Bahn, der süße Qualm aus Ahmeds Shisha-Bar. Ich bin nicht mal sicher, ob sie das alles überhaupt mitkriegen würde. Oft ist Marions Blick wie versiegelt. Sie wirkt dann auch ohne Sonnenbrille so, als würde sie eine tragen.

»Komm direkt in den Laden«, hab ich ihr gesagt, »nicht in die Wohnung.«

Bevor ich eingezogen bin, hießen die zwei Zimmer im Hinterhaus »Lager«, in das eine konntest du gar nicht reingehen, da stand die Ware bis an die Tür. Ich hab ein bisschen Ordnung gemacht und eine Schlafecke eingerichtet. Wir haben gar nicht besprochen, wo sie übernachten wird.

Achtzehn Uhr. Noch immer keine Nachricht, auch nicht von Vinz. Sonst fragt er wenigstens, ob alles in Ordnung ist, wenn er nicht mehr in den Laden kommt. Ich könnte Marion anrufen, aber sie soll einfach so kommen, durch die Tür, und mich hier sehen. Ihre Schuld, dass ich mich den ganzen Tag schon fühle, als wäre eine versteckte Kamera auf mich gerichtet. Ich sortiere Nudeln in die Regale und stelle mir vor, sie kommt gerade rein. Ich kassiere, packe die Äpfel, Nüsse, Olivenöl in eine Tüte, und fühle ihren Blick. Dabei ist alles wie immer. Marion ist nicht da. Und draußen verliert das Licht seine Farbe.

Sie wollte sich nur kurz hinlegen nach der Schicht im Frizz. »Sobald es hell wird, setze ich mich ins Auto«, sagte sie. Selbst wenn sie erst später los ist, müsste sie langsam da sein. Sonntags kann sie meistens schon um Mitternacht zumachen, hat sie mal erzählt. Von Ronnbach nach Berlin sind es fünf Stunden, von mir aus auch sechs. In der richtigen Laune würde sie einfach losfahren, gleich nach der Arbeit, die paar Bier - kein Problem.

Neunzehn Uhr. Sie wird keinen Parkplatz finden, dazu der Feierabendverkehr. Das kann dauern. Vielleicht dreht sie schon eine Weile ihre Runden, vielleicht fährt sie immer wieder am Laden vorbei und kann nur nicht halten. Zeit, die Kisten von draußen reinz

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