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Was wir zu hoffen wagten Roman von Saalfeld, Michaela (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.07.2018
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Was wir zu hoffen wagten

Berlin, 1912: Felice träumt davon, Jura zu studieren, das aber ist Frauen im Kaiserreich verwehrt. Ihren Bruder Willi fasziniert die Welt des Films, doch er muss das väterliche Bankgeschäft übernehmen. Die Jüngste schließlich, Ille, ist in einer Ehe mit einem brutalen Mann gefangen. Drei Geschwister, drei Hoffnungen, drei Lebensentwürfe, die bei Ausbruch des großen Kriegs völlig auf den Kopf gestellt werden. Werden sich die Geschwister in den Trümmern ihrer Heimat neu finden? Ist die junge Republik auch für sie der Weg in eine neue Zeit?

Als Autorin und Historikerin hat sich Michaela Saalfeld ganz der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschrieben. Mit ihrem Roman über die Anfänge der ersten deutschen Demokratie hat sie sich einen lebenslangen Wunsch erfüllt. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 570
    Erscheinungsdatum: 27.07.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732555789
    Verlag: Bastei Lübbe AG
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Was wir zu hoffen wagten

1

Über der Stadt hing ein Himmel aus Eisen. Darunter aber, in den Schluchten zwischen den Häusern, gerieten Ströme in Bewegung, die nichts und niemand hätte aufhalten können. Flüssiges Blei. Wen diese Wogen aus Menschen erfassten, den rissen sie mit, und was immer sie niederwalzten, konnte sich unmöglich wieder erheben.

Hier, hinter dem Hochbahnhof Prinzenstraße, wo sich eine Fabrik an die andere reihte, füllten die Straßen sich im Handumdrehen. Felice, die sich anders als ihre Geschwister nichts aus Kino machte, hatte das Gefühl, in einem Film zu sitzen, der durch technische Tricks für unwirkliches Grauen sorgte: Beim Anblick der endlosen Kolonnen, die aus Türen, Toren und Portalen quollen, fiel es schwer zu glauben, dass die Stadt so vielen Menschen Platz bot, geschweige denn, dass ihr die jungen Männer fehlten, dass unzählige nicht zurückkommen würden.

Hatten all diese Leute - aus den Stahlgießereien, den Pulverfabriken - ihre Arbeit niedergelegt? Standen jetzt wahrhaftig die Räder des gewaltigen Mahlwerks, der Kriegsmaschinerie still?

Felice versuchte, sich durch die wogende Masse zum Eingang des Fabrikhofs durchzuschlagen, wo Recha noch immer in der Wohnung hauste, die ihr Liebhaber ihr eingerichtet hatte. Ihr Atem ging keuchend. Vom Savignyplatz bis hierher war sie ohne Pause gerannt, während Bilder an ihr vorbeifluteten: Menschen, die alles stehen und liegen ließen und aus Häusern, Hallen und Fabriken, aus Geschäften, Schulen und Lokalen auf die Straßen eilten. Seit Wochen hatten sie starr vor Spannung auf ihre Nachricht gewartet - war sie an diesem Morgen endlich eingetroffen?

Selbst wenn es so war, stand Felices Nachricht noch immer aus, und in ihrer Bauchhöhle rumorte blanke Angst.

Gesichter glitten an ihr vorüber, leichenblass, ausgemergelt, die Augen in Höhlen. Zwischen Köpfen blitzte das Rot von Fahnen, die feuchter Wind zum Knattern brachte. Felice hatte sich bis zur Litfaßsäule vorgekämpft, wo Zeitungsjungen ihre Blätter anpriesen, als sie Recha in einem Strom von Arbeitern auf sich zutreiben sah.

" BZ am Mittag", brüllte ein drahtiger Bursche ohne Mütze, "schneller weg als warme Semmeln! Schnappt euch eene, oder wollt ihr eure Zukunft verpennen? Der Kaiser hat abjedankt!"

"Recha!" Felice schrie, dass ihr die Lunge schmerzte. Groß genug war sie. Wenn sie sich reckte, hallte ihr Ruf über Köpfe hinweg. "Recha, warten Sie, ich muss mit Ihnen sprechen!"

Im Gegensatz zu Felice war Recha klein und kompakt. Ihr Kopf mit den dichten, in sämtliche Richtungen strebenden Locken tauchte alle paar Schritte in der Menge unter. Würde mit ihr zu reden sein, so vertrackt die Dinge auch zwischen ihnen standen? Sie mochten sonst nichts gemeinsam haben, doch sie waren beide Schwestern. Ältere Schwestern, denen irgendwann einmal eingeschärft worden war, auf ihre kleinen Brüder zu achten.

"Felice, halt Wilhelm an der Hand! Das Kindermädchen ist eine Schlampe, wenn dem Kleinen etwas zustößt, ist es deine Schuld."

Recha würde das kennen. Sie musste um Gabriel gebangt haben, wie Felice um Willi bangte, und wenn sie Nachricht von ihm hatte, würde sie nicht so grausam sein, sie ihr vorzuenthalten.

Alle hier haben Brüder, durchfuhr es Felice. Alle Frauen. Und eine, die keinen Bruder hat, hat einen Vater, Söhne, einen Bräutigam, ist Witwe, bevor sie verheiratet war. Wir sitzen im selben gottverdammten Boot, aber wie so oft habe ich nichts davon bemerkt. Wind zerrte an ihrem Haar, und ihr Gedankenfluss stockte. Außer ihr schien jeder jemanden bei sich zu haben, der ihn bei der Hand nahm oder ihm den Arm zum Unterhaken reichte. Allein war nur Felice, die still und in verkehrter Richtung stand.

"Ebert ist Reichskanzler!", schrie der Junge an der Säule. "Gerade erst aus der Reichskanzlei verkündet, und die BZ ist wie immer mittenma

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