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Weihnachten Ein Roman von Paschen, Maruan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.08.2018
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Weihnachten

Ein Weihnachtsfest, das Fest der Liebe - oder aber das Fest der Tragödien, der Einsamkeit und der (Selbst-)Morde. Der Erzähler in Maruan Paschens rasantem und pointenreichem tragikomischen Familienroman berichtet einem Therapeuten vom letzten Weihnachtsfest mit seiner Familie: seine alleinerziehende Mutter und ihre Brüder. Voll abgründigem Witz kommt Paschen schnell zur Sache, da geht es um das Fondue, das in Handschellen zu sich genommen wird, um eine Liebesbeziehung im Kaufhaus, den kranken Onkel Art, der einen Weihnachtsbaum samt Auto klaut, Onkel Tarzan, der Araber hasst und von seiner Familie verlassen wurde, und Onkel Berti, der beim Versuch, das Weihnachtskonzert zu dirigieren, den Fonduetopf umwirft. Immer wilder werden die Geschichten und immer mehr erfährt man vom Leben des Erzählers und seiner Familie. In Erinnerungen an frühere Weihnachtsfeste und die Familiengeschichte tritt die Vergangenheit wieder hervor. Alte Kränkungen und dunkle Geheimnisse, die über Generationen weitergegeben werden und das Leben schleichend vergiften, kommen ans Tageslicht. Aber wer tötete wen? Und wer war der Therapeut? Maruan Paschen, 1984 geboren, wuchs in Hamburg auf. Nach einer Ausbildung zum Koch absolvierte er ein Studium am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Paschen lebt in Leipzig. Nach 'Kai. Eine Internatsgeschichte' ist 'Weihnachten' sein zweiter Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 31.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957576705
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 539 kBytes
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Weihnachten

1.

Von Geschenken und Schweigepflicht

Schleswig-Holstein ist am Fenster vorbeigefahren und der Schnee kam von vorne, also quasi aus Dänemark, wie eine Million kleine Pfeile. Ich habe geraucht und das Fenster deshalb einen Spalt offen gehabt, tausend dieser kleinen Pfeile sind mir von der Seite ins Gesicht geflogen. Ich bin einfach den roten Lichtern von meiner Mutter hinterhergefahren, und die ist vermutlich den roten Lichtern von meinem Onkel hinterhergefahren. Davor saß noch ein Onkel in einem silbernen Skoda und davor zwei Onkel zusammen in einem roten Mercedes. Und hinter mir fuhr noch ein Onkel. Ich sehe die Familie eigentlich nur zu Weihnachten. Und zu Weihnachten treffen wir uns am See.

Dr. Gänsehaupt, ich komme nicht zu Ihnen für eine Therapie. Ich komme zu Ihnen, weil Sie doch Schweigepflicht haben. Haben Sie? Ich möchte Ihnen erzählen, warum meine Familie nach diesem Weihnachtsfest sterben musste. Und natürlich auch, was ich dabei für eine Rolle gespielt habe, jetzt mal ohne das Wort "Mörder" gesprochen. Und deshalb möchte ich Ihnen von meiner Familie erzählen. Und am Ende wüsste ich gerne, ob es Ihnen in meinem Fall eigentlich eher leicht fällt, sich an Ihre Schweigepflicht zu halten (Sie haben jetzt noch gar nicht geantwortet. Sie haben ja eine, oder?) oder ob Sie eigentlich gerne jemandem von meiner Familie und meiner Rolle bei ihrem Ableben berichten würden, um mal ohne das Wort "sterben" zu sprechen. Nun, wie gesagt, wir treffen uns zu Weihnachten. Obwohl: Ich weiß nicht, ob wir uns treffen. Ich weiß nicht, ob sich zwei wirklich treffen können. Aber sieben sicher nicht. Ich weiß nicht, warum das so schwer ist. Wir treffen uns Heiligabend und essen Fondue. Meine Mutter ist meine Mutter. Und die anderen sind ihre Brüder. Ich bin ein Einzelkind. Vielleicht liegt es ja daran. Vielleicht weiß ich es einfach nicht besser. Wir reden über alte Zeiten. Älter als wir.

Es gab viele Hallos und alle sagten, wie es ihnen geht.

Meine Mutter fragte, wie es sei.

Tarzan sagte: "Muss ja."

Otto fragte meine Mutter: "Und?" Und meine Mutter sagte: "Hach ja."

Art nickte zu Berti und Berti kniff die Lippen zusammen.

Ich schwitzte, Otto freute sich, alle zu sehen.

Jemand sagte: "Brr, kalt."

Dann tranken wir ein Glas Sekt.

Tarzan sagte: "Es ist ja hier nicht wie bei anderen armen Leuten." Meine Mutter hörte zu.

Onkel Otto band Schleifen in die Schnürsenkel der Schuhe, die wir an der Tür ausgezogen hatten.

Wir schwiegen einen Moment und schauten auf die Terrasse, auf den See, leise rieselt der Schnee.

Finden Sie das auch komisch? Dass alle sagen, wie es ihnen geht? Ich meine, gleich am Anfang? Man hat ja noch den ganzen Abend, um herauszufinden, wie es den anderen geht! Eigentlich hätten wir dann ja nach Hause fahren können. Wie geht's? Gut, danke. Dir? Auch. Tschüss. Tschüss.

Ich sag Ihnen was: Ich mache es Ihnen nicht kaputt. Ich verrate Ihnen jetzt noch nicht, wie es allen wirklich geht.

O. k., Tarzan heißt nicht wirklich Tarzan, Art heißt Art. Genau wie Otto Otto heißt und Berti Berti. Und es schien allen gut zu gehen, um nicht mit dem Wort "angeblich" zu sprechen.

Und mir? Wie ging es mir? Ich hatte gefrühstückt. Ich hatte gut geschlafen. Ich hatte mir die Zähne zweimal geputzt, ich hatte geübt zu sagen, wie es mir geht. "Wie geht's dir? Ach ja, muss ja." Ich hatte mir den Bart geschnitten, ein Hemd gebügelt. Einige Nachrichten beantwortet, einen Brief geschrieben, an mich selbst. Ich hatte meine Armbanduhr angelegt und einen Moment geweint. Ich hatte meiner Mutter geholfen, den Obstsalat zu machen, meine Schuhe nicht geputzt, meine Fingernägel nicht ges

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