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Wer ist Mr Satoshi? Roman von Lee, Jonathan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.06.2015
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Wer ist Mr Satoshi?

"Dieses Päckchen ist für Mr Satoshi. Wenn wir seine Adresse herausfinden." So lauten die letzten Worte von Foss' Mutter, während sie liebevoll einen abgeschabten Schuhkarton tätschelt. Und so entschließt sich der von Panikattacken heimgesuchte Fotograf, den rätselhaften Mr. Satoshi zu finden. Seine Reise führt ihn in die ebenso schrille wie geheimnisvolle Welt Japans. Bei seiner Suche entdeckt Foss, dass die Vergangenheit seiner Mutter mit einem herzzerreißenden Ereignis im Jahr 1946 verbunden ist. Aber weshalb will keiner darüber reden? Unterstützt von der pinkhaarigen Chiyoko deckt Foss die Lebens- und Liebeslügen seiner Eltern auf - und kommt der Frage, was im Leben wirklich zählt, ein ganzes Stück näher. Jonathan Lee, geboren 1981 in Surrey, studierte englische Literatur, lebte eine Zeitlang in Südamerika und arbeitete in einer Anwaltskanzlei in London City. 2007 wurde er nach Tokio versetzt. Zurück in England ließ er sich beurlauben und schrieb "Wer ist Mr Satoshi?", der Leser und Presse gleichermaßen begeisterte. Inzwischen lebt Jonathan Lee in New York City. Seine Texte und Geschichten erscheinen unter anderem in A Public Space, Granta, Tin House & Narrative, im Guernica Magazine und The Paris Review Daily. Der Guardian nennt Jonathan Lee "eine bedeutende neue Stimme der englischen Literatur".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 22.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641158309
    Verlag: btb
    Originaltitel: Who is Mr Satoshi?
    Größe: 820 kBytes
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Wer ist Mr Satoshi?

1

An einem Nachmittag im Oktober, auf dem Beton ihrer Terrasse, stürzte meine Mutter.

Das Geschehen spult sich immer wieder in meinem Kopf ab wie ein alter Film. Das Bild wackelt, die Perspektive verschiebt sich, die Schärfe schwankt. Damals sah ich sie ganz klar. Sie hob sich so deutlich von ihrer Umgebung ab. Aber jetzt nicht mehr. Im Film in meinem Kopf verschwimmen die Züge meiner Mutter mit dem Hintergrund: den Schatten, dem Rasen, dem sepiafarbenen Himmel.

Sie war dort draußen, weil sie mit ihren achtzig Jahren jeden Morgen mit dem einen Ehrgeiz erwachte: diese Terrasse unkrautfrei zu halten. Immer wieder spross Unkraut zwischen den Betonplatten, und immer wieder riss sie es aus. Die Instandhaltung war Sache des Heims, aber das war meiner Mutter egal. Das Betreuungspersonal wurde weggescheucht, und wenn ich meine Hilfe anbot, wurde mir befohlen, drinnen zu bleiben. Also blieb ich drinnen. Ich saß in ihrem Wohnzimmer im Finegold Mews und trank. Draußen war ein klarer Herbsttag. Zwischen uns war eine Schiebetür; ein feiner Lichtstrahl laserte sich durch die Scheibe, fiel in das Glas in meiner Hand und brachte die Eiswürfel zum Vibrieren. Hören konnte ich nur leise Flurgeräusche: das Gebrummel anderer Bewohner, die vorbeischlurften, Sachen fallen ließen, sie wieder aufhoben.

Es war der dumpfe Schlag, der erste von zweien, der mich aufschreckte. Im Moment, als ich ihn hörte, beobachtete ich gerade, wie das Licht das Eis schmolz. Ich sah auf und erkannte sofort, in welcher Gefahr sie war. Ihre Handfläche war an die Scheibe gepresst. Ihr ganzes Gewicht schien darauf zu lasten. Ihre Fingerspitzen, zuerst dunkel-, dann hellgrau, rutschten quietschend über das Glas. Ich stand auf und rief: "Mutter!" Jahrzehntelang hatte ich sie "Mum" genannt, aber es war das Wort "Mutter", das sich in meiner Kehle staute und ins Zimmer ergoss. Seit ihrem Tod ist es das Wort, das sich aufdrängt.

Die folgenden Sekunden sind ein Stakkato von Schwarz-Weiß-Bildern. Sie hängt in der Schwebe. Schmale, verschobene Schultern. Hochgezogene Brauen und abwärts gerichtete Augen. Grazil gedrehter Hals. Und die geäderte Hand. Nur dieses Alien-Wesen, runzlig und pockennarbig, das sie noch hält. Finger, die zentimeterweise abwärtsrutschen, bis sicher scheint, dass sie fällt.

Doch dann schlägt die Szene um. Die Hand hört auf zu rutschen. Kaum zu glauben, aber sie löst sich ganz vom Glas, fällt wie ein verwitterter Stein in die Bauchtasche der Schürze. Meine Mutter erlangt Fassung und Gleichgewicht wieder. Sie schluckt, reckt das Kinn, atmet tief durch. Es ist eine stolze, trotzige Pose. Nur die Amsel über ihr kann sehen, wie schütter ihr Haar ist.

Als der zweite dumpfe Schlag kam, schien die Sache schon ausgestanden. Im Rückblick ist klar, dass dieser Moment, in dem die Gefahr gebannt schien, der entscheidende war. Ich stand in ihrem Wohnzimmer und schaute durch die Glastür, noch immer den Drink in der Hand. Ich hätte fünf große Schritte machen, die Tür öffnen und sie hereinholen können. Oder, wenn das nicht zu machen gewesen wäre, weil sie mich für einen fremden Störenfried gehalten hätte, waren da ja noch die kleinen orangefarbenen Dreiecke an den Zugschnüren. Oder der Notfallknopf an der Wand. Ein Einundvierzigjähriger kann ohne große Anstrengung so ein Dreieck oder einen Knopf erreichen. Einen Moment lang hätte ich jede dieser Möglichkeiten wahrnehmen können.

Ich verweile hier, in diesem eingefrorenen Moment, weil es der letzte ist, in dem ich noch irgendwelche Optionen hatte.

Wie war es überhaupt gekommen, dass ich dasaß und ihre Not mitansah? Minuten, bevor es passierte, war ich noch in der Küche. Ließ gerade Eiswürfel in ein Glas klimpern.

Sie kam herein und nahm ihre Gartenhandschuhe aus einer Schublade mit der Aufschrift "Gartensachen", bekam aber gar nicht mit, dass ich dastand, zwei Gläser Butterscotch-Schnaps, das einzig Alkoholische, das ich finden konnte, hinun

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