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Werke Band 3: Baur und Bindschädler Amrainer Tetralogie von Meier, Gerhard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.05.2017
  • Verlag: Zytglogge Verlag
eBook (ePUB)
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Werke Band 3: Baur und Bindschädler

"Wo immer man diese Ausgabe aufschlägt, wird man weg getragen vom lautlosen, mäandrischen Sprachfluss dieses grossen Poeten, weg ins Reich des 'Spirituellen', weg ins Zentrum der Schöpfung. Seinem Dorf am Jurasüdfuss ist Meier zeitlebens treu geblieben. Die Freiheit, es Amrain zu nennen und in einen poetischen Ort zu verwandeln, hat er sich nicht nehmenlassen. Es bedeutet ihm nicht die Welt. Nur ein Fenster zu allen Orten dieser Welt." Süddeutsche Zeitung Geb. am 20. Juni 1917, gestorben 22. Juni 2008 in Niederbipp. Er brach ein Hochbaustudium in Burgdorf ab und arbeitete 33 Jahre lang in einer Lampenfabrik bevor er mit 57 Jahren seine ersten Texte veröffentlichte. Gerhard Meier erhielt u.a. den Petrarca-Preis, den Fontane-Preis, den Gottfried-Keller-Preis und den Heinrich-Böll-Preis. Er zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Schweizer Autoren des 20. Jahrhunderts.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 598
    Erscheinungsdatum: 23.05.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783729621749
    Verlag: Zytglogge Verlag
    Serie: Werke Bd.3
    Größe: 1938 kBytes
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Werke Band 3: Baur und Bindschädler

"Ich wollte es bleibenlassen, Bindschädler. Dann kam die zweite Einladung. Es gehe um ein Jubiläumstreffen. Vor vierzig Jahren habe die Mobilmachung stattgefunden. Und viele Kameraden seien schon tot. Und beim nächsten Treffen, in drei Jahren vielleicht, seien es bestimmt noch mehr ...", sagte Baur, schritt zum Fenster, zurück an den Kamin, zum Fenster, gewahrte am Forsythienzweig den Faden einer Spinne, stellte sich wieder an den Kamin.

"Man solle sich also aufraffen, solle mitmachen, den 11. November reservieren, die Gelegenheit wahrnehmen, Kameradschaft zu pflegen, Erinnerungen auszutauschen.

Und auf den Tag genau, Bindschädler, das heißt auf das Treffen hin, klarte es auf. Ostwind stellte sich ein, trug so etwas wie Geschichtlichkeit über den Landstrich hin, untermalt von Trompetenklängen, lautlosen freilich. Es wurde ein lichter Tag", sagte Baur. Er lehnte sich an die Stirnseite der Tonplatten, die den Kamin abdecken, ein Gesimse bildend, auf dem drei Porzellangebilde standen, zwei davon mit Kerzenstummeln bestückt, das mittlere leergebrannt.

Die Sonnenflecken auf dem Kelimteppich waren mittlerweile etwas dunkler geworden.

"Am 11. November traf ich frühzeitig in der Garnisonsstadt ein. Ich flanierte ums Technikum (du weißt, ich hatte dort Hochbau studiert). Begab mich zum Rundbrunnen hinter dem Lindenhain. Vertiefte mich in ein Fenster des Gymnasiums diesseits des Lindenhains, das gerade den Himmel wiedergab. Sagte mir, daß hinter demselben Fenster gelegentlich ein Gedicht rezitiert werde, das vom Röslein auch, und sah dabei die Augen einer Gymnasiastin den Himmel widerspiegeln, den Heidehimmel", sagte Baur, die Arme verschränkt, den Blick auf einen Punkt im Garten gerichtet.

"Bindschädler, dann schritt ich dem Stadthaus zu, dem Treffpunkt unserer Tagung. Dort angekommen, drehte ich wieder ab Richtung Technikum. Geriet beinahe in einen Trupp Ehemaliger. Überquerte das Areal der Höheren technischen Lehranstalt . Beschritt meinen ehemaligen Pausenweg. Traf dort auf keine Sternwarte mehr. Näherte mich der Villa des Käsehändlers. Blieb vor dieser stehen. Versenkte mich in die Springbrunnenwelt, umgeben an drei Seiten von Liegenschaften aus dem Fin de siècle. Blickte bald auf diesen, bald auf jenen Engel, welche die Freitreppe flankieren.

Gedachte der ungefähr fünfzig Martinisömmerchen, die diese Engel seither hinter sich gebracht haben mußten, ohne dabei gealtert oder gar ihre Posen verändert zu haben", sagte Baur, die Ferse des rechten Fußes leicht unter das Fußgewölbe des linken gerückt.

Ich dachte an Prinzessin Maria, an die Stelle in Tolstois Krieg und Frieden , wo sie sich entschließt, unter die Pilger zu gehen. Bekam dann die Pratzer Höhe vor Augen, wo Fürst Andrej Bolkonskij (ihr Bruder), die Fahne in der Hand, blutüberströmt gelegen hatte. Und wo ihm zum ersten Mal in seinem Leben der Himmel aufgegangen war, die Größe, Stille, die Unendlichkeit des Sternenhimmels. Wo er losgelöst von Schmerzen, Wünschen, Hoffnungen dagelegen hatte, offen dem Geheimnis dieser Welt.

Ich hielt die Beine übereinandergeschlagen. Schaute durchs Fenster in die Weite. Beobachtete dann Baur, der im Augenblick auf und ab ging, vorne am Fenster jeweils den Forsythienzweig betrachtend, dessen Knospen sich bald öffnen mußten.

"Als ich wieder beim Stadthaus eintraf, Bindschädler, kam auch gerade eine Gruppe Ehemaliger an. Ich erkannte nur einen, den mit dunklem Teint und schwarzen Haaren: Schütz Ernst, weißt du, mit dem zusammen wir schon die Rekrutenschule absolviert hatten.

Man begrüßte sich.

Ich versuchte, das Festabzeichen am linken Rockkragen anzustecken. Schütz tat es für mich. Einer streckte mir die Hand entgegen, stellte sich vor, grüßte mit Namen.

'Ja, ja. Grüß Gott, Schaad', sagte ich lachend und dachte mir:

'Hat sich der verändert!'

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