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Wie alle anderen von Burnside, John (eBook)

  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
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Wie alle anderen

Ein Leben an der Grenze zum Wahnsinn - 'brillant geschrieben und sehr bewegend' Irish Time
Nach Jahren des Vorsatzes, ja nicht zu werden wie sein Vater, muss sich John Burnside eingestehen, dass er genau den gleichen Weg zur Hölle eingeschlagen hat wie der Mann, den er zutiefst verachtet: Drogen, Alkohol, Lügen und die systematische Weigerung, für sich und sein Handeln Verantwortung zu übernehmen. Ganz unten angekommen beschließt er, ein 'bürgerliches' Leben zu führen, zu sein wie alle anderen. Radikal ehrlich erzählt Burnside hier von seinem langen gewundenen Weg in die Normalität.

John Burnside, geboren 1955 in Schottland, ist einer der profiliertesten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Der Lyriker und Romancier wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Corine-Belletristikpreis des ZEIT-Verlags, dem Petrarca-Preis und dem Spycher-Literaturpreis. Sein Prosawerk erscheint auf Deutsch seit vielen Jahren im Knaus Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641179816
    Verlag: Knaus
    Originaltitel: Waking Up in Toytown: A Memoir
    Größe: 983 kBytes
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Wie alle anderen

Schlusswort (I)

V or Kurzem, als ich noch verrückt war, fand ich mich in der seltsamsten Irrenanstalt wieder, die ich je gesehen hatte. Natürlich sind alle Irrenanstalten ein wenig seltsam, doch der Saal, in dem ich mich in besagtem Moment aufhielt, erinnerte mich an einen gewissen Typ Kirche, an einen jener Orte, an denen man meint, jeden Augenblick erscheine Gott oder einer seiner Lakaien mit der Frohen Botschaft, einem Vorgeschmack auf den Weltuntergang oder beidem. Die Patienten waren vorwiegend Männer mittleren Alters, nur am Gartenfenster saß in einem Rollstuhl ein Tattergreis, das Gesicht eingefallen, die Haut am Kopf überstraff gespannt, der zauselige graue Bart mit Eigelb betupft. Frauen sah ich keine, also war ich wohl auf einer Art Krankenstation, nur lag ich nicht im Bett, war nicht mal in der Nähe eines Bettes, und mir schien es früher Nachmittag zu sein, wenn die Patienten doch eigentlich irgendwo in einem Aufenthaltsraum Bibelverse aus Seifenopern heraushören, sich Invasionen von Aliens ansehen oder über die Flure schlurfen und den Feuerlöschern und Acrylbildern an der Wand die Siebenerreihe vorlesen sollten.

Irgendwas stimmte nicht. Ich habe sicher drei, vier Stunden in dem Saal gesessen, mich gefragt, wie ich dort hingekommen war, und darauf gewartet, dass hoffentlich bald jemand begriff, welcher Fehler ihnen unterlaufen sein musste. Niemand kam, nichts wurde korrigiert. Man gab mir nicht mal Medikamente. Irgendwas stimmte ganz und gar nicht. Diese Patienten gehörten beschäftigt; sie hätten etwas mit den Händen machen, womöglich irgendwo in einem Kunstraum therapeutisch werkeln sollen, doch hielten sie sich hier in diesem merkwürdigen Vestibül auf, hockten auf stapelbaren Stühlen und brabbelten in ihre Morgenmäntel. Und ich war bei ihnen und redete mit den Toten - was ich, wie mir nun klar wurde, bis zu ebendem Moment getan hatte, als ich aufsah und begriff, wo ich war -, hatte mit einem Geist geredet, der mir gegenüber saß, eben noch, direkt hier, dem Geist einer Frau, die den Kopf leicht abwandte, deren Blicke mich mieden. Wer war sie? Erst vor einer Minute hatte ich mit ihr geredet, und sie hatte zugehört, selbst aber nichts gesagt und mich nicht angesehen, hatte nur mit abgewandtem Kopf hin und wieder leicht genickt. Wir waren eine ganze Weile so zusammen gewesen, doch nun war sie plötzlich fort, und ich saß in diesem Saal mit all den Männern, und irgendwas stimmte ganz und gar nicht.

Ich richtete mich auf meinem Stuhl auf und sah mich um, die anderen regten sich kurz, passten ihre Positionen an, was typisch für einen Ort wie diesen ist: Einer bewegt sich, und alle anderen bewegen sich entsprechend, wahren die Balance im Saal. Ich wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war, dann wandte ich den Kopf und entdeckte an der Tür einen Pfleger auf einem Stuhl, keine zwei, drei Meter entfernt. Er war ein noch junger Mann in dunkelblauem Pullover und schwarzen Jeans, und er sah aus, als wäre er gerade von draußen hereingekommen; er hatte etwas Grünliches, eine leichte Kühle an sich. Vielleicht war er ja tatsächlich gerade von draußen hereingekommen, weshalb ich ihn zuvor nicht bemerkt hatte; jetzt saß er jedenfalls auf seinem Plastikstuhl, den Hals ein wenig gereckt, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Er las ein Buch, eine alte Klassikerausgabe von Penguin, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch .

"Hallo?", sagte ich.

Er musterte mich mit einem Blick, der gutmütiges Wiedererkennen auszudrücken schien, gab aber keine Antwort.

Ich ruckelte mich auf meinem Stuhl zurecht, woraufhin der Saal ebenfalls ruckelte, was der Pfleger aber offenbar nicht bemerkte. "Ich glaube, ich bin bei der Medikamentenausgabe vergessen worden", sagte ich.

Mit einem schiefen Lächeln schüttelte er den Kopf. "Ich weiß", erwiderte er. "Sie haben es mir schon gesagt."

"Was?"

"Dass Sie bei der Medikamentenausgabe vergessen wurde

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