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Wie sagt man ich liebe dich Roman von Winter, Claudia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.06.2020
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Wie sagt man ich liebe dich

Für die gehörlose Maelys Durant wird ein Traum wahr, als sie ein Kunststudium in Paris beginnt. Doch dann erkrankt ihre Tante Valérie, und Maelys muss auf dem Montmartre Touristen porträtieren, um Geld zu verdienen. Dort macht ihr eines Tages ein geheimnisvoller Fremder ein erstaunliches Angebot: für eine stattliche Summe soll sie seinen Großvater in Lissabon malen. Maelys' Neugier ist geweckt, und sie begibt sich auf die Reise in die weiße Stadt am Tejo. Dort stößt sie auf die Spuren einer herzergreifenden Liebesgeschichte, die bis ins Paris der 1960er Jahre zurückreicht - und ahnt nicht, welch besondere Rolle sie selbst darin spielt ...

Claudia Winter, geboren 1973, ist Sozialpädagogin und schreibt schon seit ihrer Kindheit Gedichte und Kurzgeschichten. Als Tochter gehörloser Eltern lernte sie bereits mit vier Jahren Lesen und Schreiben, gefördert von ihrem Vater. Neben ihren bisher im Goldmann Verlag erschienenen Büchern hat sie weitere Romane sowie diverse Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann und dem Labrador Luka in einem kleinen Dorf nahe Limburg an der Lahn.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 15.06.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641233556
    Verlag: Goldmann
    Größe: 1610 kBytes
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Wie sagt man ich liebe dich

Prolog
PARIS, IM DEZEMBER 2018.

Das Alter braucht den Winter nicht, um einen Menschen Demut zu lehren. In diesem Spruch lag eine Wahrheit, die er heute in jedem Knochen spürte. Mit einem verkrampften Lächeln sank Eduardo auf den Eisenstuhl und ließ die Papiertaschen und Plastiktüten achtlos zu Boden gleiten. Es gab keinen Anlass, sich Gedanken um Taschendiebe zu machen. Die Tische auf dem Gehweg vor der Brasserie Au Clairon des Chasseurs an der Place du Tertre waren verwaist, trotz der Heizstrahler, die müde Touristen herbeilocken sollten.

Warum keiner hier sitzen wollte, konnte er nicht wirklich nachvollziehen. Er fand die Bistrotische recht einladend, so wie sie sich in ihren karierten Mänteln aneinanderschmiegten, als müssten sie sich an diesem winterlichen Spätnachmittag gegenseitig wärmen. Ihm dagegen war schon seit einer halben Stunde nicht mehr kalt. Er schwitzte unter dem Hut, seine Hüfte zwickte. Das war dann wohl die gerechte Strafe für die Schnapsidee, ausgerechnet den höchsten Hügel von Paris zu Fuß erklimmen zu wollen, statt die Montmartre-Seilbahn zu besteigen oder gleich ein Taxi zu nehmen.

Eduardo de Alvarenga seufzte. Dass er bereits vierundsiebzig Jahre alt war, konnte er mitunter selbst kaum glauben, aber so stand es in seinem Pass, der mit der Geldbörse in seinem Bauchgürtel steckte. Er betastete ihn automatisch, während er sich nach einer Bedienung umsah. Der Kellner stand rauchend im Türrahmen des Restaurants und weckte bei Eduardo einen Anflug von Sympathie. Die Situation der jungen Leute war heutzutage überall gleich schwierig, ob in Paris oder Lissabon, seiner Heimatstadt. Er vermutete, dass der Bursche die Schiebermütze und das alberne rote Halstuch nur aus einer Notwendigkeit heraus trug, die ihm ein Zimmer in irgendeiner schäbigen Studentenbude sicherte. Was dem Burschen an Stolz geblieben war, fand Ausdruck in den gemächlichen Rauchfahnen, die sich in der Dezemberluft mit dem Geruch von Schnee und verkohlten Maronen mischten. Er war ihm vertraut, dieser Duft. Auch in seiner Stadt wurden in den Wintermonaten Esskastanien verkauft.

Eduardo wartete geduldig, nicht nur, weil er dem Jungen die Zigarettenlänge Rebellion gönnte. Er kam aus einem Land, wo man Leute, die es eilig hatten, mit einem verständnislosen Kopfschütteln bedachte. Eigentlich war er dem Kellner sogar dankbar für seine Ignoranz. Sie verschaffte ihm Gelegenheit, sich über die Preise auf der Getränkekarte zu wundern und die mit Lichterketten geschmückten Bäume und Holzbuden zu betrachten, an denen Crêpes und weihnachtliche Souvenirs feilgeboten wurden.

Es überraschte ihn nicht, dass ihm dieser Ort fremd vorkam. Fünfzig Jahre waren eine lange Zeit, und die Bilder in seinem Kopf waren fünfundzwanzig Grad wärmer und trugen die Farben des Sommers. Doch je länger Eduardo die vermummten Gestalten vor den Staffeleien musterte, desto stärker wurde die undefinierbare Sehnsucht, die ihn seit Monaten umtrieb und letztendlich zu dieser Reise gedrängt hatte. Zu Hause ahnte niemand, dass er die Weihnachtseinkäufe bloß vorgeschoben hatte, auch sein braver Butler Albio nicht, der ihn bescheiden um ein paar antiquarische Postkarten für seine Sammlung gebeten hatte. Eduardos liebe Familie hingegen war ganz wild auf luxuriöse Seifen, Seidentücher und Süßigkeiten. Eduardo fand, er habe seine Pflicht mehr als ausreichend erfüllt - gemessen am Gewicht der Taschen, die er, der alte Narr, durch halb Paris schleppte, statt einen Zwischenstopp im Hotel einzulegen.

Es war eine spontane Idee von ihm gewesen, herzukommen. Eine Idee, die auf einer alten, verblichenen Erinnerung gründete, die auch noch nach fünfzig Jahren ein Ziehen in seiner Brust verursachte. É insano - verrückt war das. Oder, wie sein Gärtner beim Anblick einer unerwartet aufgeblühten Pflanze auszurufen pflegte: »Caramba!«

Caramba. Jetzt saß er al

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