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Wilde Lilie eine Freiburg Novelle von Kovacs, Stephanie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.10.2015
  • Verlag: kladde buchverlag
eBook (ePUB)
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Wilde Lilie

Freiburg - die schönste Stadt Deutschlands: hier lebt eine Frau zurückgezogen, hält lose Beziehungen und Freundschaften, verliert sich in Alkohol und Drogen. Sie will die tragischen Erlebnisse der Vergangenheit vergessen und beginnt ihre Gedanken und Gefühle infrage zu stellen, bis sie sich am Ende selbst nicht mehr trauen kann und droht aus der Realität zu driften. Eine Novelle über Sitte und Gesellschaft, über Sinnhaftigkeit und Verdrängung, über Tod und Neubeginn.

Stephanie Kovacs, 1981 in Freiburg im Breisgau geboren, machte 2001 ihr Staatsexamen zur Verwaltungswirtin. 2009 begann sie ihre schriftstellerische Tätigkeit mit dem Blog 'IamJupi.de' und wurde daraufhin 2010 erstmals bei einem Verlag unter Vertrag genommen. Sie veröffentlichte bislang Kinderreiseführer, Gedichte und Kurzgeschichten. 2014 war sie in der Endauswahl bei der 'Write a Story Competition' in Straßburg. Gemeinsam mit ihrem Ehemann lebt und arbeitet sie in der Ortenau.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 15.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783945431092
    Verlag: kladde buchverlag
    Serie: kladde Bd.4
    Größe: 1094 kBytes
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Wilde Lilie

DIE MUSIK AUS DEM RADIO DRÖHNTE IN IHREM KOPF. CAT STEVENS MIT "IT'S A WILD WORLD, IT'S HARD TO GET BY JUST UPON A SMILE GIRL."

Dazu der Lärm von draußen - aber sie war unfähig das Radio auszustellen oder das Fenster zu schließen. Es regnete und für Dezember war es definitiv zu warm. Letzte Woche hatte es noch minus 10 Grad, heute waren es plus 13.

Die Orchidee vor ihrem verdreckten Fenster hatte nach anderthalb Jahren Herbst nun wieder ihre ersten drei Blüten. Sie passte so gar nicht in diese Umgebung.

Daneben standen damals noch schicke Kerzenständer, mittlerweile lag nur noch allerlei Anderes drumherum. Ein altes Feuerzeug, das nicht mehr ging. Zwei leere Batterien. Ein fast verbrauchter Lippenstift. Die weiße Pflasterdose, ein Werbegeschenk. Ein halbvolles Parfüm und eine kleine Elfenstatue, ein Andenken aus einem anderen Land. Zu lange her.

Im Radio erzählte gerade jemand, dass ein Flugzeug gekidnappt wurde, der Pilot wurde wohl mit einer Peitsche bedroht, wo das war ...

Es war wirklich an der Zeit, ihre Fensterbretter abzuwischen, die kleinen Spinnweben schienen schon zur Einrichtung zu gehören, es war unvorstellbar, alles vom Fenstersims zu stellen und zu wischen, sie würde so vielen kleinen Tierchen ihr Zuhause nehmen. Jemand in der Nachbarschaft schaltete seine Kreissäge ein. Der Lärm hatte ein unangenehmes Frequenzspektrum. Es gab ihr das Gefühl, kotzen zu wollen, als ob sie sonst ihren inneren Verätzungen erliegen würde. Es dauerte nur ein paar Minuten, dann war es wieder vorbei. Im Radio wurden die Wochenendveranstaltungen durchgegeben. Jemand sagte: "Gott war kein DJ." Was auch immer das zu bedeuten hatte. Der Nachbar draußen widmete sich nun seiner Axt, vermutlich wollte er sich doch noch gegen eine Kältefront wappnen. In St. Georgen war heute der erste Tag des Weihnachtsmarkts. Eine Sensation.

Im Küchenfenster spiegelten sich die Whisky- und Schnapsflaschen, die auf ihrer Anrichte standen. Das Mehl dazwischen war sicher längst mit Staub oder Motten vermischt. Kristalle, die sie mal vor das Fenster gehängt hatte, funkelten nicht mehr. Wie lange hatte sie die tausend kleinen Regenbogen nicht mehr auf ihren Wänden gezählt. Sie drückte die Zigarette im geklauten Aschenbecher aus. Er war das Einzige in dieser Wohnung, das noch wirklich Beachtung fand. Wollte sie heute noch was unternehmen? Die meisten Menschen hatten ihr den Rücken gekehrt. Die, die noch übrig waren, wollten eher nur Sex von ihr. Ihre Ausziehcouch diente nur noch als Ablage. Unter den Karten, den Büchern, den leeren Kippenpackungen und der mit Asche und Essensrückständen verdreckten Decke konnte man nur noch erahnen, dass diese einmal cremefarben war. Sie hatte aufgehört, sich Gedanken darüber zu machen.

Übermorgen war Montag. Aufstehen, zur Arbeit fahren mit all den anderen ekelig schwitzenden Menschen, deren Gesichter sie nicht kannte und ignorierte.

Antriebslos wartete sie am Küchentisch auf den Kaffee. Sie wärmte ihn noch mal auf. Irgendjemand meinte mal, aufgewärmter Kaffee wäre der beste. Als sie den ersten Schluck nahm, zwang sie sich daran zu glauben. Auf halbem Weg ins Badezimmer suchte sie Taschentücher aus ihren Taschen und Jacken zusammen.

Die letzte Rolle Toilettenpapier war leer. Wann sollte sie auch einkaufen gehen?

Benutzte Gläser standen auf Regalen, Kommoden und auf dem WC-Spülkasten. Sie hatte sich noch keine Gedanken gemacht, was sie später zu Abend essen wollte, oder besser, sie hatte sich entschieden, dies wie immer auf die letzte Sekunde zu timen. Dumm nur, dass man ohne Auto nicht ganz so flexibel war. Also zog sie sich ihre alten Klamotten an, nahm ihren Eastpak und schob ihr Rad die Einfahrt zwischen den drei Autos des Vermieters heraus. Die frische Luft tat gut, sie atmete sie tief ein.

Eine Zeit lang hatte sie aufgehört zu rauchen. Eine von vielen Entscheidungen, von denen sie sicher war, sie seien für die Ewigkeit. Sie hatte

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