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Wir beide, nach all den Jahren Roman von Duval, Chloé (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.06.2018
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Wir beide, nach all den Jahren

Eines Tages erhält Flavie, Autorin mit einer ganzen Schublade voll unveröffentlichter Liebesromane, einen Brief samt Entschuldigung von der Post - für die 43 Jahre verspätete Zustellung ... Wer war diese Amélie, an die die Zeilen adressiert sind, und welche Geschichte steckt hinter dem Brief, in dem ein junger Mann sie sehnsüchtig bittet, alles hinter sich zu lassen, um mit ihm gemeinsam ein neues Leben zu beginnen? Mit Feuereifer macht Flavie sich auf die Suche, immer unterstützt von ihren Freundinnen aus dem Strick-Club und fest entschlossen, dieser Geschichte zu einem Happy End zu verhelfen. Doch hält die Liebe auch für Flavie ein Happy End bereit?

Als Mädchen schrieb Chloé Duval über Ritter, Drachen und Prinzessinnen. Inzwischen ist sie erwachsen, doch in ihren Romanen lässt sie immer noch den Zauber dieser Geschichten aufleben. Chloé Duval, von Geburt Französin, von Herzen Kanadierin, lebt in Montreal mit ihrem ganz persönlichen Märchenprinzen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 11.06.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641180713
    Verlag: btb
    Originaltitel: Le temps volé
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Wir beide, nach all den Jahren

Kapitel 2

S amstags beschloss ich, meinen Vater zu besuchen, der in Lannion ein Antiquitätengeschäft besitzt. Ich musste mit jemandem über diesen Brief sprechen, denn ich konnte seit Tagen an nichts anderes mehr denken, und mein Vater war der ideale Gesprächspartner. Soweit ich mich zurückerinnern konnte, war er immer mein engster Vertrauter gewesen, und wenn ich einen Rat brauchte oder mit jemandem sprechen wollte, wandte ich mich immer zuerst an ihn. Er und die Frauen aus dem Strick-Club standen mir am nächsten.

Gegen halb vier hatte ich endlich die noch ausstehenden Klassenarbeiten fertig korrigiert (meine ganz persönliche Version von Sisyphos' Schicksal); ich stieg in meinen roten Käfer und fuhr nach Lannion.

Etwa eine Viertelstunde später betrat ich sein Geschäft und wurde vom vertrauten, herrlich altmodischen Klingeln der Türglocke begrüßt, das mich in meine Kindheit zurückversetzte. Denn damals hatte ich fast alle meine Samstagnachmittage hier inmitten all dieser Gegenstände verbracht, die sein Lebensinhalt waren.

Langsam streifte ich durch die Gänge, die ich kannte wie meine Stricktasche. Aus dem Hinterzimmer hörte ich meinen Vater rufen: "Ich bin gleich bei Ihnen!"

"Eines Tages wirst du noch bestohlen, wenn du die Kunden so lange unbeaufsichtigt hier herumlaufen lässt", sagte ich, als er einige Sekunden später aus seinem Versteck auftauchte, und küsste ihn liebevoll auf die Wangen.

"Meine liebste Tochter!"

"Papa, ich bin deine einzige Tochter."

"Das heißt doch nicht, dass du nicht meine liebste Tochter sein kannst! Wie geht es dir?"

"Gut. Und dir?"

"Mehr als gut! Ich habe da gerade ein Kleinod hereinbekommen. Sieh dir das an ..."

Er holte etwas hinter dem Verkaufstresen hervor und kam zu mir zurück. Das Kleinod war wirklich wunderschön. Eine Schmuckschatulle aus Mahagoniholz mit alter Patina, wahrscheinlich ausgehendes 19. Jahrhundert, sie hatte mehrere kleine Schubladen, darunter auch ein Geheimfach, das mein Vater mir stolz präsentierte.

"Die Geheimschublade habe ich ganz zufällig beim Reinigen der Schatulle entdeckt."

"War was drin?"

"Nein, leider nicht."

"Was meinst du, was früher darin gelegen haben mag? Liebesbriefe? Einkaufszettel?"

"Ein Lottozettel mit der Gewinnzahl, den die Eigentümerin darin versteckt hat, weil niemand merken sollte, dass sie bei solchen Spielen mitmachte, und der über Jahre vergessen wurde?"

"Und das Geld wurde nie abgeholt ..."

"Was für eine Geschichte ..."

Mit diesem Spiel hatten wir uns andauernd beschäftigt, mein Vater und ich, als ich noch ein kleines Mädchen gewesen war. Samstagnachmittags machte ich oft meine Schulaufgaben im Hinterzimmer und thronte dabei auf dem samtbezogenen Sessel meines Vaters. Ich fühlte mich sehr erwachsen und wichtig, wenn ich da an dem schwarzen Eichenschreibtisch saß. Ich erledigte die Aufgaben in Rekordzeit, weil ich möglichst schnell zu meinem Vater nach vorn in den Laden wollte, damit wir uns Geschichten erzählen konnten.

Mein Vater überprüfte streng meine Hefte, korrigierte die Übungen, ließ mich all meine Texte und Multiplikationstafeln aufsagen. Und dann, wenn ihn meine Arbeit wirklich zufriedengestellt hatte, suchte er einen Gegenstand in seinem Geschäft aus, und wir amüsierten uns stundenlang damit, gemeinsam die absurdesten, witzigsten, romantischsten und dramatischsten Geschichten zu erfinden. Und wer die Idee für die beste Geschichte hatte, durfte aussuchen, was es am Samstagabend zu essen gab. Was übrigens oft mein Vorrecht war ... mir aber damals nicht zu denken gab.

Wenn ich heute an all diese Stunden zurückdenke, in denen wir uns die Geschichte von Gegenständen erzählten oder auf der Weltkarte den abenteuerlichen Wegen großer historischer Gestalten folgten, dann denke ich, dass es wahrscheinlich seinetwegen - oder vielmehr dank ihm - dazu gekommen ist, dass ich

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