text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Wir da draußen Roman von El Azzouzi, Fikry (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.08.2016
  • Verlag: DuMont Buchverlag
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Wir da draußen

Ein namenloses Dorf in Belgien: Der junge Ayoub stammt aus Marokko und ist zu Hause rausgeflogen, wie auch seine besten Freunde. Zusammen mit dem hübschen, etwas schlichten Fouad und dem Halbafrikaner Maurice schlägt er seine Zeit tot und versucht irgendwie über die Runden zu kommen. Und dann ist da noch Kevin, ein überdrehter junger Konvertit, der sich selbst in Karim umgetauft hat. Die vier wollen rein ins Leben. Sie wollen Spaß haben und Mädchen finden und eine Perspektive, aber sie bleiben isoliert, abgeschoben auf die Strafbank der Gesellschaft. Authentisch, drastisch und mit scharfem, hintergründigem Humor beschreibt El Azzouzi, wie die Clique erst in die Kriminalität abrutscht und sich dann schrittweise radikalisiert. Ayoub, der weder mit Gewalt noch Islamismus etwas am Hut hat, muss miterleben, wie die Situation Schritt für Schritt eskaliert. Einen Teil der Freunde wird es noch weiter ins Aus treiben, die anderen nach Syrien in den Dschihad. ?Wir da draußen? erzählt, wie aus ganz normalen jungen Männern Täter werden und was mit Menschen passiert, für die sich niemand interessiert. Fikry El Azzouzi, geboren 1978 in Temse, Belgien, ist ein flämischer Autor marokkanischer Herkunft. Er machte sich einen Namen als Kolumnist und Dramatiker und wurde u.a. mit dem Autorenpreis für Theaterkunst 2013 ausgezeichnet. 2010 erschien sein Debütroman ?Het Schapenfeest?, 2014 folgte die Novelle ?De handen van Fatma?. El Azzouzi gehört zu den wichtigen politischen Stimmen seines Landes. Er lebt in der Nähe von Antwerpen. Im DuMont Verlag erschienen bisher seine Romane ?Wir da draußen? (2016) und ?Sie allein? (2017). Ilja Braun studierte Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Erlangen, Glasgow und Berlin. Er übersetzt aus dem Niederländischen und Englischen u. a. Stefan Brijs, Tess Franke und Toine Heijmans.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 12.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783832189303
    Verlag: DuMont Buchverlag
    Originaltitel: 'Drarrie in de nacht'
    Größe: 1182 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Wir da draußen

1

Es gibt Tage, da wirft er mich raus auf die Straße wie Sperrmüll. Nur dass Sperrmüll abgeholt wird, mich lassen sie stehen. Ich hab Verständnis für ihn, seine Wutanfälle sind Teil einer Aggressionsstörung, dafür kann er nichts. Bei meinem Vater ist es wie mit einer Katze, die nicht anders kann als Mäuse fangen. Oder mit einer Mücke, die aus Instinkt heraus Blut saugt.

Er muss instinktiv seine Dominanz zur Geltung bringen. Zeigen, wer der Herr im Haus ist.

Ja, Vater, ich weiß Bescheid, du bist der Herr in deinem Haus. Das bezweifelt auch niemand. Du hast dein Territorium schon lange vor meiner Geburt abgesteckt. Aber musst du mich wirklich in die eisige Kälte rausschicken, nur weil ich manchmal abends erst um elf nach Hause komme?

Ich soll mich benehmen wie ein Mann, sagst du. Aber dann behandle mich auch so. Ich meine, elf Uhr - bitte! Manche Leute arbeiten zu der Zeit. Manche setzen sich an den Esstisch. Manche gehen tanzen. Manche gehen beten.

Elf Uhr ist doch wohl eine super Zeit, um nach Hause zu kommen. Wenn ich jetzt betrunken wäre oder zugekokst - ja, dann könnte ich das verstehen. Dann hättest du alles Recht der Welt, mich einen Kopf kürzer zu machen. Ich würde dir sogar höchstpersönlich das Messer reichen.

Merkt dieser Mann eigentlich, dass sein Verhalten nicht ganz normal ist? Wer schickt denn bitte seinen unschuldigen Sohn einfach so in die Nacht hinaus? Das ist für Fünfzehnjährige lebensgefährlich. Wenn sie nicht gerade Ayoub heißen. Wie zufälligerweise ich. Aber alle sagen bloß Youb. Kurz und kraftvoll. Das passt.

Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, lieber Leser, aber ich bin überzeugt, dass die Väter dieses zurückgebliebenen Kaffs sich einzig aus dem Grund in der Moschee treffen, um über die richtigen Strafen für ihre Söhne zu diskutieren. Ich sehe es genau vor mir. Sagt der eine Vater: "Mein Sohn ist zu groß und zu kräftig geworden für den Gürtel. Ich kann ihn nicht mehr richtig bestrafen."

Sagt der andere: "Dann wirf ihn raus. Zeig ihm, dass du der Herr im Haus bist. Zeig ihm, dass du allein König Mohammed VI. deines Hauses bist. Lass ihn vom Regen und von der Kälte kosten."

Die anderen Väter stehen daneben, zupfen an ihren Bärten und nicken zustimmend. Vielleicht stoßen sie mit ihren Minztee-Gläsern an und trällern dazu ein Liedchen: "Wirf ihn raus, wirf ihn raus, raus aus deinem warmen Haus."

Okay, das mit dem Lied ist ein bisschen drüber. Aber man muss diese Väter mit eigenen Augen gesehen haben, um zu wissen, wie bescheuert sie sind. Wie auch immer, ich bin nicht dazu da, Lieder zu dichten. Oder Väter zu erziehen. Dafür gibt es Psychologen, die so ein Verhalten erklären können.

Ich muss gut und gerne neunhundert Meter bis zum Waschsalon laufen, um zu sehen, wer sonst noch so von seinem Vater rausgeschmissen worden ist. Willkommen in Waasdorp. Eigentlich ist es hier überall ziemlich ausgestorben, aber man kommt sich trotzdem wie im Zoo vor. Bei jedem Schritt saust mir das Kreischen der Schimpansen in den Ohren, das Trompeten der Elefanten und das Zischeln der Schlangen. Die Menschen sind wie Tiere, es macht einen verrückt, es fehlt die Luft zum Atmen. Trotzdem achte ich immer auf meinen Gang. Man muss mit Stil und Selbstbewusstsein unterwegs sein hier auf der Straße, sonst unterscheidet man sich nicht von den alten Männern auf der Suche nach ihren Rollatoren. Ich will es dir erklären: ein bisschen zurücklehnen, die Brust etwas rausdrücken, den rechten Arm locker schlenkern lassen. Die linke Hand in die Hosentasche, die ist eh nur zum Arschabwischen da. Das ist der Drarrie-Gang.

Bin ich etwa der Erste im Waschsalon? Ich hoffe echt, dass ich hier nicht die ganze Nacht allein rumsitzen muss. Letztes Mal habe ich mich aus lauter Verzweiflung auf den Bügeltisch gelegt. Bin eingeschlafen und erst am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Mit steifem Nacken, kaputtem Rücken und übersäht von

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen