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Wortlaut 10. ausgehen Der FM4-Literaturwettbewerb. Die besten Texte von Katrin G. Fritsch, Valerie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.09.2011
  • Verlag: Luftschacht Verlag
eBook (ePUB)
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Wortlaut 10. ausgehen

Wortlaut, der jährliche Literaturwettbewerb des Radiosenders FM4, startet in die neunte Runde. Die besten Kurzgeschichten zum Thema 'ausgehen' wurden gesucht und gefunden. Wahnsinniges, Tristes und Erheiterndes ist in diesem lesenswerten Band vereint. Seit 2002 gibt es den jährlichen FM4 Literaturwettbewerb Wortlaut. Knapp 1000 Einsendungen zeigen jedes Jahr wieder, dass FM4-HörerInnen durchaus Talent und Lust am Schreiben haben. Von der Qualität der Texte kann man sich in den Wortlaut-Büchern überzeugen. Da finden sich Namen, die man mittlerweile durchaus kennt: Doris Mitterbacher, Monique Schwitter, Lukas Meschik, Gabi Kreslehner oder Cornelia Travnicek. Für einige Gewinnerinnen war Wortlaut der Start für ihre weitere Schreibtätigkeit. Auch heuer werden wieder zehn Autorinnen und Autoren, die ihre Gedanken, Ideen und Assoziationen - zum diesjährigen Thema 'ausgehen' - in eine Kurzgeschichte gefasst haben, für diese Anthologie ausgewählt. Die Jury: Fiva (Musikerin und Autorin), Daniel Glattauer (Schriftsteller und Journalist), Martin Fritz (Gewinner von Wortlaut 09), Barbi Markovic (Schriftstellerin) und Stefan Slupetzky (Schriftsteller).

Zita Bereuter, 1973 in Egg/Vorarlberg. Seit 2001 bei FM4, u. a. Leiterin des Literaturressorts, Organisatorin von Wortlaut und Betreiberin der FM4-Bücherei. Rezensiert für FM4 und Ö1

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 152
    Erscheinungsdatum: 14.09.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783902373854
    Verlag: Luftschacht Verlag
    Größe: 1528kBytes
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Wortlaut 10. ausgehen

[17] "etlichen (...) gehet, wann sie also under den andern im
gedreng auf dem wagen sitzen, die seel aus, ehe sein
die andern gewahr werden. KIRCHHOF mil. disc. 118"

Grimmsches Wörterbuch

Das Bewerbungsverfahren läuft. Ich sitze auch nach Stunden noch mit geradem Rücken in dem Plastikschalenstuhl, der zwar ergonomisch gut entworfen, aber wohl für kleinere Leute gemacht ist. Die Beine habe ich, so weit wie es geht, angezogen. Die Füße sind unterhalb des Metallgestells übereinandergeschlagen. Haltung ist wichtig, denn ich darf auf keinen Fall den schmalen Durchgang zwischen den Sitzreihen durch meine Glieder einschränken.

Immer wieder kommen verschieden große Gruppen von Mitarbeitern in einem undurchschaubaren, aber sinnvollen Rhythmus an uns vorbei. Sie tragen oft große, schwer aussehende Kartons mit aufwendigen Beschriftungen darauf. Manche tragen auch nur einen Brief, natürlich noch geschlossen und ganz ohne Beschriftung. Das will nichts heißen. Doch es wäre katastrophal, sie auf ihren Botengängen durch Dummheit oder unseriöses Verhalten zu behindern. Niemand kennt die noch vor ihnen liegenden Wege, doch allen ist die Wichtigkeit der betriebsinternen Kommunikation [18] bewusst. Jedenfalls kann ich mir nicht leisten, die empfohlene Körperhaltung im bewerbergerechten Plastik-schalenstuhl zu variieren. Denn ich stehe noch ganz am Anfang und weiß nichts.

Mein Stuhlnachbar Max dagegen hat selbst einmal gesehen, wie ein Bewerber vor seinen Augen von der Personalabteilung eingestellt wurde. Die Bedeutung dieses Augenblicks ist ihm erst später klar geworden, damals war er ja noch ein Kind. Er hat mir schon oft erzählt, wie er dem Bewerber, der ja in diesem Augenblick auf unbegreifliche Weise schon ein Mitarbeiter war, hinterherrennen und gratulieren wollte. Leichtsinnig ist er auf die rote Linie, die den Wartebereich umgrenzt, zugelaufen, hätte sie, nicht auszudenken, einfach übertreten, wäre nicht seine Mutter, eine vo-rausschauende Frau, sofort bei ihm gewesen und hätte sie ihn nicht im Laufen noch vom Boden gehoben und zu den Warteplätzen zurückgetragen.

Heute ist mein Mitbewerber Max ein vielgeprüfter Mann, der schon oft weiter war als ich, der schon unvorstellbare Prüfungen geschrieben, unglaubliche Gespräche geführt hat. Und der jetzt trotz allem im selben Wartebereich sitzt wie ich. Oft lachen wir beide darüber, lachen minutenlang. Er ist stark, sagt meine Mutter. Er kann noch lachen, aber er lacht lautlos. Sein langer, gebeugter Rücken zuckt heftig bei jedem Lacher und sein großer Kopf mit den schon lichten, wirren Locken geht dabei auf und ab, als würde er ni-cken, wie um sich selbst von der Komik seiner Situation zu überzeugen.

[19] Heute ist ein guter Tag. Am frühen Morgen kam meine Mutter aus dem Fahrstuhl, ging vorsichtig in unseren Wartebereich und klopfte leise an meine Sitzschale, um mich zu wecken. Dann gab sie mir eilig ein kleines Päckchen, küsste mich auf die verschlafenen Augen und ging zurück zur Fahrstuhltür, um den Ab-wärtspfeil zu drücken.

Es war Münzgeld, sorgfältig eingewickelt in Toilettenpapier, genug für zwei, drei Tage. Ich wartete bis Max erwacht war und dann gingen wir, als Erste von unserem Wartebereich, zu den in der Nacht frisch bestückten Snackautomaten. Die bis in die letzte Windung vollgepackten Spiralen glänzten in der gelben Automatenbeleuchtung. Im stillen, morgendlichen Gang hörte ich Max' Magen laut grummeln und weil alles so verlockend aussah und die vielen Münzen schwer in meiner Hand lagen, gönnten wir uns zwei Packungen Haselnusswaffeln, eine Zwischendurchtüte Chips und zwei Päckchen Vanillemilch. Münze für Münze schob ich in den Schlitz, bis auf dem Bildschirm jene Summe erschien, die Max vorher berechnet hatte, alle Preise unseres reichhaltigen Frühstücks addiert. Dann t

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