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Zeit aus Glas Das Schicksal einer Familie von Renk, Ulrike (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.06.2019
  • Verlag: Aufbau Verlag
Zeit aus Glas
eBook (ePUB)
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Zeit aus Glas

Zerbrechliches Glück. 1938: Nach der Pogromnacht ist im Leben von Ruth und ihrer Familie nichts mehr, wie es war. Die Übergriffe lasten schwer auf ihnen und ihren Freunden. Wer kann, verlässt die Heimat, um den immer massiveren Anfeindungen zu entgehen. Auch die Meyers bemühen sich um Visa, doch die Chancen, das Land schnell verlassen zu können, stehen schlecht. Vor allem wollen sie eines: als Familie zusammenbleiben. Dann passiert, wovor sich alle gefürchtet haben: Ruths Vater wird verhaftet. Ruth sieht keine andere Möglichkeit, als auf eigene Faust zu versuchen, ins Ausland zu kommen: Nur so, glaubt sie, ihren Vater und ihre Familie retten zu können ... Eine dramatische Familiengeschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Australien-Saga und ihre Ostpreußen-Saga sowie zahlreiche historische Romane vor. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ulrikerenk.de

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 550
    Erscheinungsdatum: 14.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841216458
    Verlag: Aufbau Verlag
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Zeit aus Glas

Kapitel 1

Krefeld, November 1938

"Ihr könnt jetzt gehen, es scheint sicher zu sein", sagte Josefine und schaute aus dem Fenster. "Niemand ist auf der Straße." Sie sah Ruth und Ilse sorgenvoll an. "Aber mir wäre es lieber, ihr würdet bleiben."

"Das geht nicht, Tante Finchen", sagte die siebzehnjährige Ruth und biss sich auf die Lippen. Ihr war flau im Magen, sie hatte Angst, eine Angst, so groß, wie sie sie im Leben noch nicht verspürt hatte.

"Ich muss wissen, was mit Mutti und Vati ist." Sie blickte zu Ilse, ihrer jüngeren Schwester. "Aber du kannst hierbleiben ..."

Ilse schüttelte stumm den Kopf.

Wieder sah Josefine Aretz nach draußen. "Dann geht jetzt. Schnell, aber unauffällig. Ihr könnt jederzeit zurückkommen, das wisst ihr!"

"Danke, dass ihr für uns da seid." Mit entschlossenen Schritten machte sie sich auf den Weg. Ilse folgte ihr, nach ein paar Metern griff sie nach ihrer Hand. Sie war warm und lag fest in der ihren, aber Ruth spürte, dass auch sie Angst hatte.

Auf der anderen Straßenseite lag der kleine Schreibwarenladen der Familie Tauber. Curt Tauber nagelte gerade Bretter vor das eingeschlagene Schaufenster. Erst jetzt bemerkte Ruth die Scherben auf dem Bürgersteig.

Es war ungewöhnlich ruhig, fast schon gespenstisch nach dem Chaos und den Verwüstungen des letzten Tages. Eine Dunstglocke lag über der Stadt, es roch nach Qualm und Rauch, nach verbranntem Holz und Stoff, nach Vergeltung und Zerstörung.

Den neunten November 1938 würde Ruth nie vergessen, die Bilder hatten sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Die lodernden Flammen, die aus der Synagoge schlugen.

Ihnen kam eine Frau entgegen, sie hatte den Kopf gesenkt, doch Ruth erkannte Hilde Goldschmitt.

"Guten Tag, Frau Goldschmitt", sagte sie.

Die Frau blieb stehen.

"Was macht ihr denn auf der Straße?", zischte sie. "Das ist doch viel zu gefährlich."

"Wir wollen nach Hause ...", sagte Ruth.

"Wo kommt ihr denn her?"

"Wir haben die Nacht bei unserem Chauffeur verbracht", antwortete Ilse, ihre Stimme klang ängstlich.

"Habt ihr nicht gesehen, was die Nazis getan haben?", sagte Frau Goldschmitt. "Wer weiß, ob sie damit fertig sind."

"Die Synagoge hat gebrannt", sagte Ruth. "Man konnte die Flammen bis zu uns sehen."

"Alle Synagogen in allen Städten haben gebrannt oder brennen noch, sagt man. An eurer Stelle würde ich zusehen, dass ihr von der Straße kommt." Sie nickte ihnen zu und lief weiter.

Ruth wurde mulmig zumute. Auch beim Möbelgeschäft der Familie Kaufmann waren die Fensterscheiben zerbrochen worden, die Ausstellungsstücke lagen zerschlagen auf der Straße verstreut. Sie konnte Frau Kaufmann im Laden sehen, sie weinte bitterlich. Doch wo war Herr Kaufmann?

"Komm weiter", sagte Ilse. "Ich habe Angst."

Die Nacht hatten Ruth und ihre dreizehnjährige Schwester Ilse bei Familie Aretz in der Innenstadt verbracht - Hans Aretz war lange Jahre der Chauffeur von Ruths Vater gewesen, bevor er ihn hatte entlassen müssen, weil er als Jude keine arischen Angestellten haben durfte. Seit langem schon waren die Familien befreundet.

Mit eiligen Schritten, den Kopf tief in ihren Schals vergraben, liefen sie Richtung Bismarckviertel, nur wenige Passanten kamen ihnen auf dem Weg entgegen. Der randalierende Mob des letzten Tages schien sich verkrochen zu haben. Dort, wo die Synagoge gestanden hatte, stieg immer noch Rauch in den verhangenen Himmel, und Ruth musste sich zwingen, den Blick abzuwenden. Menschen, die nicht davor zurückschreckten, ein Gotteshaus niederzubrennen, waren noch zu ganz anderen Dingen fähig, das war ihr klar geworden.

Wo waren bloß ihre Eltern? Hatten auch sie sich in Sicherheit bringen können? Ruth hatte sie angefleht, Schutz zu suchen und nicht in ihrem Haus zu bleiben. Wie sehr hoffte sie, dass die Eltern ihrem Flehen gefolgt waren.

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