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Zeugnis zu dritt von Richter, Egon (eBook)

  • Verlag: EDITION digital
eBook (ePUB)
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Zeugnis zu dritt

Erzähler gehen - gleichsam im epischen Teamwork - dem Schicksal jener Elisabeth Möbius nach; forschen, prüfen,decken Unbekanntes auf und gelangen schließlich zu einer Lösung. Und wer ist sie, die Elisabeth Möbius? Eine talentierte Pädagogin, oder einfach eine überforderte Frau? Eine Frau, deren geliebter, hochbegabter Sohn kurz vor dem Mauerbau die DDR verlässt. Eine Frau, die sich nicht damit abfindet, dass sie deshalb den geliebten Lehrerberuf aufgeben muss. Eine Frau, die Fehler gemacht hat, aber trotzig helfende Hände ausschlägt. Geboren 12. Dezember 1932. Abitur, Redaktionsvolontär, Studium (Germanistik), Reporter. Seit 1967 im Schriftstellerverband, freischaffend. Gestorben am 14. Juni 2016. Auszeichnungen: 1971 Kunst- und Literaturpreis des Bezirkes Rostock 1974 Orden "Banner der Arbeit" 1976 Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold 1977 Gryf Pomorski der VR Polen 1978 Heinrich-Heine-Preis der DDR. Auswahlbibliografie Ferien am Feuer. Erzählung. Hinstorff Verlag, Rostock 1966 Zeugnis zu dritt. Roman. Hinstorff Verlag, Rostock 1968 Sehnsucht nach Sonne. Ein Buch über Sibirien. Hinstorff Verlag, Rostock 1972 Aussagen über einen Nachbarn. In: Liebes- und andere Erklärungen. Aufbau Verlag, Berlin 972 Gedanken im Fluge. In: Stimme des Menschen. Volkstheater Rostock, 1974 Abflug der Prinzessin. Roman. Hinstorff Verlag, Rostock 1974 Der goldene Schlüssel von Mangaseja. Kinderbuchverlag, Berlin 1975 Eine Stadt und zehn Gesichter. Ein Buch über Szczecin. Hinstorff Verlag, Rostock 1976 Der Lügner und die Bombe. Vier untypische Liebesgeschichten für Männer. Hinstorff Verlag, Rostock 1979 Der Tod des alten Mannes. Erzählung. Hinstorff Verlag, Rostock 1983 Der lange Weg nach Afrika: Schauspiel. Volkstheater Rostock, 1984 Mit Katzensprüngen ins Land der Fische. Kinderbuchverlag, Berlin 1985 Im Lande der weißen Kamele. Ein Buch über Tuwa. Hinstorff Verlag, Rostock 1986 Die letzte Fahrt der Königin Luise. Roman. Verlag der Nation, Berlin 1988

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 339
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956558054
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 335 kBytes
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Zeugnis zu dritt

Keller hatte viel über alles nachgedacht: man konnte nichts Besseres tun, als der Kollegin die Internatsleitung anzuvertrauen. Es entsprach ihrem Charakter und ihrem Verhältnis zu den Kindern. Er hatte wenig Zeit, aber er hospitierte oft. Er war manchmal bei ihr gewesen, damals, als sie hergekommen war. In letzter Zeit nicht mehr, das stimmte, aber anfangs hatte er viele ihrer Stunden besucht. Er erinnerte sich noch heute an einen Wandertag und an die liebevolle Sorge, mit der sie jedes Kind umgab, wie ausführlich sie jede kleine Frage nach Blumen, Sträuchern und Tieren beantwortete. Diese Geduld war selten, diese Fürsorge bewundernswert. Es waren Eigenschaften, die im Internat die besten Früchte tragen konnten und die im hastigen Getriebe der Schulleitung oft wenig nützten und den unbefriedigt ließen, der sie besaß. Für sie war die Internatsleitung der richtige Platz. Es war wichtig, dass jeder am richtigen Platz eingesetzt wurde, dass er ihn mit größtem Nutzen für die Gesellschaft ausfüllen konnte. Keller wollte nicht, dass in diesem Land irgendwer irgendwann und irgendwo versagte. Er wollte es vor allem deshalb nicht, damit die anderen nicht auf sein Land und auf ihn deuten und sagen konnten: Seht ihr, ihr seid eben nicht fähig! Immer fragte er sich und die anderen: Wem nützt es? Jede Entscheidung hatte von dieser Frage auszugehen, sie war Maßstab und Richtpunkt. War die Frage nicht schon zu einer Phrase geworden, oft gebraucht - aber deshalb doch nicht weniger wahr? Sie hatte doch ihre Berechtigung. Man musste nur immer wieder ihren tiefen Sinn sehen und darüber nachdenken, als höre man sie zum ersten Mal. Überhaupt stand doch hinter jedem seiner Worte ein Gedanke. Den Vorwurf, Phrasen zu gebrauchen, konnte ihm doch niemand machen. Keller liebte das Land, in dem er lebte, und darum hatte er es oft schwer. Die anderen drüben hatten es leichter, die Herren, sie machten im Grunde dort weiter, wo sie aufgehört hatten, immer nach altem Muster und mit den gleichen Zielen. Aber hier geschah etwas, das es in Deutschland noch nicht gegeben hatte, hier baute man ein neues Bildungs- und Erziehungssystem auf, das ... Keller unterbrach sich. Diese Worte gefielen ihm nicht. Es war doch immer zugleich ein Suchen und oft ein mühevolles Fügen von Stein auf Stein. Man müsste viel mehr Versuche machen, pädagogische Experimente, und es wäre nötig, Querverbindungen zu suchen zwischen Theorie und Praxis, enge Beziehungen herzustellen zwischen Unterricht und Produktion und jedes Mal von Neuem die Frage zu beantworten, wie dies besser zu machen sei. Neulich hatte ihm jemand empfohlen, mehr industrielle Verfahrenstechniken zu lehren. Aber das ist Unsinn! Solche Produktionsverfahren können morgen schon veraltet sein, und die Schule hat dann nur kostbare Zeit verloren. Das mit der Zeit ist überhaupt ein Problem, im Grunde ein nicht lösbares Rechenexempel. Er hatte sich oft damit beschäftigt. Der Wissensstand der Menschheit verdoppelte sich in fünf bis sieben Jahren. Der Schule blieb nur die Möglichkeit, Teile davon zu vermitteln. Aber welche Teile ... Oft genug flatterten Lehrplanänderungen auf den Tisch, jedes Jahr war vieles von dem, was gestern noch gültig schien, überholt oder neu durchdacht. Das sagte sich so schön: die Schule muss auf der Höhe der Zeit sein, aber die Höhe von heute war das Tal von morgen. Was könnte man tun, um die Schüler auf die Welt von morgen vorzubereiten? Als er neulich eine Geschichtsstunde der Kollegin Becher besuchte, war ihm aufgefallen, nicht zum ersten Mal, aber wieder einmal, dass die junge Lehrerin vor der Klasse einen schillernden Fächer von Daten und Namen ausbreitete. Mit wie viel Gedächtnisstoff wurden die Schüler belastet! Trug das zur Entwicklung eines historischen Bewusstseins bei? Ganz sicher nicht. Er hatte lange mit der Kollegin darüber gesprochen: Der Lehrer muss entscheiden können! Er muss aus der Fülle des Materials die wesentlichen Fakten heraussuchen

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