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Zu Lasten der Briefträger von Brandstetter, Alois (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.09.2012
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Zu Lasten der Briefträger

Immer beschwert sich der ortsansässige Dichter über die Postzustellung. Die Postzustellung ist unzuverlässig, sagt er, die Postzustellung ist die unzuverlässigste. Wenn das geschieht, sagt Blumauer, wenn sich der ortsansässige Dichter über die Postzustellung beschwert, dann geschieht auch folgendes: Ich beschwere mich über mein Moped. Ein anonymer Erzähler führt Klage beim Postmeister einer kleinen niederbayrischen Landpost über die Schwächen der drei Briefträger: der eine ein Trinker, der zweite ein Frauen-held, der dritte einem kulturellen Laster verfallen. Die Unzufriedenheit des Be-schwerdeführers trifft freilich auch den Fleischhauer, den Tierarzt, die Lehrer und andere - in Summe: die ganze Unzulänglichkeit der Welt. Alois Brandstetter geboren 1938 in Pichl (Oberösterreich), lehrt als Professor für Deutsche Philologie an der Universität Klagenfurt. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Kulturpreis des Landes Oberösterreich 1980, Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig 1984, Kulturpreis des Landes Kärnten 1991, Heinrich-Gleißner-Preis (1994), Ehrenbürger von Pichl/Österreich (1998), Adalbert-Stifter-Preis und Großer Kulturpreis des Landes Oberösterreich (2005).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 220
    Erscheinungsdatum: 11.09.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701743001
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 689 kBytes
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Zu Lasten der Briefträger

Lieber Postmeister, da deine drei Briefträger durch ihren besonderen Stil der Zustellung so viel für den inneren Frieden unserer Gemeinde getan haben, rate und empfehle ich dir dringend, sie für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Sie müßten wirklich einen Preis bekommen, wenigstens Ehrenbürger sollten sie werden. Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht, ist Ferdinand Ürdingers erster und wichtigster Ausspruch. Ruhe und Ordnung müssen herrschen, sagt Ürdinger. Und wenn ich als einfacher Briefträger etwas zur Ruhe und zum Frieden beitragen kann, dann entziehe ich mich dem natürlich nicht. Darum habe ich mit dem Karl das Stillhalteabkommen geschlossen. Das ist der ganze Sinn unseres Stillhalteabkommens. Ich sorge dafür, daß die rechte Seite friedlich und ruhig und still ist, und Karl sorgt dafür, daß sich die linke Seite friedlich und still und leise verhält. Genaugenommen ist es so, sagt Deuth, daß ich die rechte Seite nicht durch rote Wahlpropaganda reize und provoziere und daß der Ferdinand die linke Seite nicht mit schwarzer Wahlpropaganda ärgert und reizt. Jetzt ist Ruhe, sagen Deuth und Ürdinger, Stille ist Stille und Frieden ist Frieden, wie der Frieden hergestellt wird, ist dem Frieden ganz egal. Wir sind eine Koalition, sagen Blumauer, Deuth und Ürdinger, wir sind ein Team, eine Arbeitsgemeinschaft. Wir befolgen die Postulate der Kooperation, wir arbeiten in allem miteinander und nicht gegeneinander. Es ist genug Unruhe unter der Bevölkerung, vom Rundfunk und vom Fernsehen wird nicht wenig Unruhe und Friedlosigkeit in die Bevölkerung getragen, da wollen wir von der Post nicht auch noch ins selbe Horn stoßen.

Auf dem Land herrscht ein eigentümlicher Gemeinschaftsgeist. Das ist nicht auf die Briefträger beschränkt. In ähnlicher Art und Weise arbeiten etwa auch die Gendarmen zusammen. In dieser Art und Weise arbeiten die Gendarmen untereinander und auch mit der Bevölkerung oder mit bestimmten Personen aus der Bevölkerung zusammen. Lieber Postmeister, ich werde dir jetzt einmal ein anderes Beispiel für Kooperation aus dem Nichtpostbereich vorführen. Ein wirklich klassisches Beispiel für Teamwork und Gemeinschaftsgeist ist die Fleischbeschau.

Eine Fleischbeschau, lieber Postmeister, eine Fleischbeschau sieht bei unserem Fleischhauer folgendermaßen aus: Der Tierarzt und Fleischbeschauer und sein Freund, der Fleischhauer, gehen miteinander im Schlachthaus die lange Reihe der geschlachteten Kälber und Schweine entlang. Der Fleischhauer dreht seinem Freund, dem Tierarzt, die Schweine- und Kälberhälften, die an Fleischerhaken von der Wand hängen, ein wenig zurecht, damit der Herr Doktor mit dem Stempel bequem sein UNBEDENKLICH auf die weißen Arschbacken drücken kann. Sie unterhalten sich über das Kartenspielen. Du warst am Samstag verdammt leichtsinnig, sagt der Tierarzt zum Fleischhauer und erklärt das nächste Schwein für UNBEDENKLICH. Was heißt denn da leichtsinnig, sagt der Fleischhauer. Ich kann ja nicht schmecken, daß beim Apotheker alles beisammensteckt. Und im Urin habe ich auch nicht spüren können, daß er mir zu guter Letzt mit seiner dreckigen karierten Sau über meine einschichtige Dame kommt, und das ausgerechnet auf der linken Seite. Wenn du das Leichtsinn nennst! Trau schau dem Apotheker, sagt der Tierarzt und klatscht einem Kalb UNBEDENKLICH aufs Hinterteil, daß es im Schlachthaus hallt.

Und so weiter, lieber Postmeister, und so weiter. So sieht heutzutage hierzulande eine Fleischbeschau aus, so und nicht anders. So geht es bei einer Fleischbeschau unter Freunden zu. Ich verstehe nicht, lieber Postmeister, daß die Behörde und daß die Gendarmerie den Fleischbeschauern und den Fleischhauern nicht genauer auf die Finger sieht. Das heißt, ich verstehe schon, warum die Behörde und die Gendarmerie den Fleischbeschauern und den Fleischhauern nicht genauer auf die Finger sieht. Denn die Herren von der Behörde und die Gendarmen spielen ja auch Karten, das

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