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Zuckersand Roman von Schmidt, Jochen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.02.2017
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Zuckersand

Karl, zwei Jahre alt, entdeckt die Welt und sein Vater möchte ihm dabei nicht im Wege stehen. Karls Expeditionen in die Gegenstandswelt von Wohnung und Straße, Spielplatz und Geschäften, die sein Vater liebevoll begleitet, lösen zahlreiche Erinnerungen und Betrachtungen über dessen eigene Kindheit und deren Gegenstandswelt aus. Der Vater will nicht nur Karls Kindheitsglück, sondern auch die Dinge seiner eigenen Kindheit retten und bewahren. Dies ist nicht der einzige Konflikt in seiner innigen Beziehung zu Karls Mutter Klara, die in der Denkmalschutzbehörde arbeitet, und aus dem Büro per SMS Anweisungen zu Karls Erziehung schickt. Und die Aussicht, endlich eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, gefährdet zugleich die 'Wunderkammer' voller bedeutungsvoller Gebrauchsgegen stände, die der Ich-Erzähler zu Hause hütet ... Eine solche Wunderkammer der Beobachtungen und Reflexionen, tückischer und lustiger Begegnungen ist auch Jochen Schmidts neuer, ebenso komischer wie zutiefst berührender Roman über Karl und seine Eltern. Jochen Schmidt ist 1970 in Berlin geboren und lebt dort.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 206
    Erscheinungsdatum: 23.02.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406705106
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 6024 kBytes
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Zuckersand

1. KAPITEL

Klara schrieb mir aus dem Büro, daß ich nicht vergessen sollte, Karl die Zähne zu putzen, wir würden es sonst irgendwann bereuen, und ich antwortete ihr, daß er seit einer halben Stunde "An-Aus" spielte, nachdem er minutenlang versucht hatte, mit einem Glasöffner ein Glas Obstmus aufzuschrauben, während ich ihn überzeugen wollte, sich von mir anziehen zu lassen, und daß wir sie ja nach der Arbeit von der Bahn abholen könnten. Ich steckte das Handy wieder in die Tasche, Karl hatte es nicht gesehen, weil er sich einen Stuhl an die Spüle geschoben hatte und ganz darin versunken war, den Wasserhahn zu öffnen und zu schließen und sich immer wieder die Hände einzuseifen. Ich überlegte, wann ein guter Moment wäre, ihn mit der Zahnbürste zu behelligen, deren Griff die Gestalt eines grinsenden Bibers hatte und die mit einem Saugnapf an glatten Oberflächen haftete wie ein mit Spucke befeuchteter Gummipfeil. Klara hatte schon Karls ersten Zahn sorgfältig wie eine Kühlerfigur mit einem Mundpflege-Fingerling poliert, was immer langes Zureden bedeutete, weil er den Mund nicht öffnen wollte (ich konnte, wenn sie es endlich geschafft hatte, natürlich nicht anders, als "Der Mund ist aufgegangen!" zu singen).

Der Zahn hatte eines Nachts das Zahnfleisch durchstoßen wie eine Spargelspitze den Boden. Klara war wehmütig über diese große Veränderung gewesen, und ich war neidisch darauf, daß man den Zahn von allen Seiten betasten konnte, so ein einzelner Zahn hätte mich zu stundenlangen Erkundungen verlockt. Wenn ich einen Milchzahn, nachdem ich seine charakteristische Oberfläche jahrelang mit der neugierigen Zunge abgefahren war und mit den Fingern befühlt hatte, zum erstenmal in der Hand hielt und mit meiner Zungenerinnerung verglich, war ich immer enttäuscht, ich hatte ihn mir viel größer vorgestellt, die Augen sahen nicht das, was ich von ihm wußte. Als Schüler hatte ich auf Kindergeburtstagen die Gelegenheit genutzt, mir von meinen Mitschülern Zähne zu klauen, die jeder in irgendwelchen Döschen und Schachteln aufhob, um mir zu Hause mit Knete ein Klassengebiß daraus zu basteln. Es war ein Objekt in meiner Wunderkammer, von dem ich Klara noch nichts erzählt hatte, mir war ja bewußt, wie schnell sie sich ekelte.

Ich wagte nicht, Karl anzusprechen, weil er sicher unwillig reagiert hätte, denn er würde natürlich ahnen, daß ich ihn von der Seifenflasche und vom Wasserhahn weglocken wollte, und ich konnte ihn gut verstehen. Ich erinnere mich, eine Zeitlang in Restaurants und auf öffentlichen Toiletten Seifenspender fotografiert zu haben, weil es mich fasziniert hatte, was für unterschiedliche Mechanismen für das Portionieren der Seife in Umlauf waren. Warum wurde den Menschen beim Händewaschen so viel Flexibilität abverlangt? Es würde ja niemand ein Restaurant oder ein Bahnhofsklo in Zukunft meiden, weil ihn der Seifenspender nicht zufriedengestellt hatte. Es gab sogar manchmal noch Seifenspender in Gestalt einer schweren Porzellankugel, die man wie einen Globus einmal um die Achse drehen mußte, damit die Seife heraustropfte, ich machte das nur, um zu prüfen, ob sie noch jemand nachfüllte, vielleicht ein älterer Mann, dessen Schützlinge immer seltener wurden und der für seine Aufgabe keinen geeigneten Nachfolger mehr fand. Ich freue mich immer über Modelle, bei denen der Kontakt über einen Sensor hergestellt und schwereloser Schaum in die geöffnete Hand gespritzt wird, obwohl es mich kränkt, wenn Sensoren ausgerechnet auf mich nicht reagieren. Es ist keine Schlagsahne, aber es fühlt sich genauso luftig und luxuriös an.

Daß Schaum aus kleinen Blasen besteht, habe ich eines Tages beim Baden mit einer Lupe nachgeprüft, es war so überraschend wie die Tatsache, daß Sand nichts anderes ist als unzählige für uns sehr winzige Steine oder daß man, wenn man nicht vorsichtig auftritt, durch die dünne Erdkruste bricht, auf der wir uns bewegen, und in heiße Flüssigkeit

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