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Zugzwang Roman von Bennett, Ronan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.06.2015
  • Verlag: Fahrenheit
eBook (ePUB)
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Zugzwang

Das Jahr 1914. Die europäischen Großmächte steuern auf den Ersten Weltkrieg zu und der Stadt Sankt Petersburg steht ein bedeutendes Schachturnier bevor: Awrom Rozental fordert den amtierenden Schachweltmeister Emanuel Lasker heraus. Rozental ist genial, aber labil und daher Patient des Psychoanalytikers Dr. Otto Spethmann. Der wiederum hat nicht nur mit seinen Patienten zu kämpfen, sondern auch mit dem Verlust seiner Frau und mit seiner rebellischen Tochter. Zu allem Überfluss wird er des zweifachen Mordes angeklagt. Jeder weitere Schachzug will nun gut überlegt sein ...

Ronan Bennett wuchs in Belfast auf. Er hat bisher fünf Romane veröffentlicht, darunter "Über den dunklen Fluss" (2002) und "Havoc in its Third Year" (2004). "Zugzwang" erschien 2006 als Fortsetzungsroman in The Observer. Bennett lebt mit seiner Familie in London.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 08.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492982092
    Verlag: Fahrenheit
    Größe: 2252kBytes
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Zugzwang

Eins

An einem rauen Märzmorgen wurde O. V. Gulko, der Herausgeber einer liberalen Zeitung, auf der Uferstraße der Moika nahe der Polizejski-Brücke von zwei Männern angesprochen. Zeugen berichteten der Polizei später, dass der Größere der beiden Gulko aufgeregt zu schelten schien und dass Gulko, der sich offenbar körperlich bedroht fühlte, unruhig wurde und der ungewollten Aufmerksamkeit zu entkommen suchte. Dieser junge Mann zog ein Messer und sein Kamerad einen Revolver. Ein Schuss wurde abgefeuert.

Gulko fiel nicht dramatisch zu Boden, sondern sank dem Bericht desselben Zeugen zufolge in eine sitzende Haltung, wie jemand, der eine Mattigkeit verspürt und sich auf den Boden setzt, damit sich seine Sinne wieder beleben können, nur dass in diesem Fall ein großes Loch in Gulkos Unterleib klaffte und der gefrorene Schnee, auf dem er saß, voller Blut war.

Der Angreifer mit dem Revolver rannte davon, vielleicht weil er seine Arbeit als erledigt betrachtete, wohl eher jedoch, weil er die Nerven verlor. Wenn dem so war, dann war sein Kamerad aus härterem Holz geschnitzt oder zumindest mitleidsloser. Er trug Arbeitsstiefel, einen langen Ledermantel und eine Astrachanmütze - eine beliebte Mode unter den Studenten der Stadt, die ihrem Äußeren einen revolutionären Anstrich geben wollten. Die Vorbeigehenden erholten sich nun langsam von dem anfänglichen Schrecken, der sie hatte erstarren lassen, doch bevor sie dem Verwundeten zu Hilfe kommen konnten, machte sein Angreifer einige hysterische Gebärden. Dann floh er und verdankte sein Entkommen seiner jugendlichen Kraft und Gewandtheit, dem Gedränge auf dem Newski-Prospekt und der Beklommenheit, die unter solchen Umständen in der menschlichen Natur liegt.

Das Affektierte in der Kleidung der Mörder führte zu Spekulationen, dass Gulko von einer der sogenannten Kampfgruppen der Partei der Sozialrevolutionäre gemeuchelt worden war. Doch wenn das stimmte, was war dann der Grund? Sicher, die Kampfgruppen waren tatkräftig und unberechenbar, doch um Gulko, der wahrlich kein Freund der Autokratie war, als Feind zu brandmarken, den es zu schlagen galt wie die Amalekiter, hätte es einer Logik bedurft, die selbst für diese fanatischen Köpfe einen Grad zu verschroben gewesen wäre. Der Verdacht fiel auch auf jene andere fanatische und unberechenbare Macht, die Schwarzen Hundert, aber obgleich Gulko Jude war, so war er doch kaum ein richtiger, ebenso wenig wie ich. Andere munkelten, ein deutscher Geheimagent oder ein eifersüchtiger Ehemann habe ihn ermordet. Doch in Wahrheit hatte niemand die leiseste Ahnung von der Identität oder den Motiven der Mörder, und da Ungewissheit für die Gerüchteküche dasselbe ist wie Essensduft für den hungrigen Magen, redete ganz St. Petersburg von kaum etwas anderem - jedenfalls so lange, bis sich das nächste Spektakel ereignete, auf das die Menschen ihre Aufmerksamkeit verschwenden konnten.

Dieses erreichte St. Petersburg pünktlich in Form des sensationellen Großmeisterturniers im Schach, ein glanzvolles Ereignis, das im Ballraum von P. A. Saburows prächtigem Haus am Liteini-Prospekt ausgetragen werden sollte. Zu den berühmten Stiftern des Wettbewerbs, deren Freigebigkeit die üppigen Antrittsgelder und die noch üppigeren Preise zu verdanken waren, gehörte der Zar höchstpersönlich, der tausend Rubel für den Preisfonds zeichnete. Tausende zahlten, um zugegen sein und ihren Helden zusehen zu können. Als leidenschaftlicher Amateurspieler wäre ich in jedem Fall hingegangen, um mir die Partien anzusehen, vorausgesetzt, meine Zeit hätte es erlaubt. Doch es gab noch einen weiteren Grund für mein Interesse. Awrom Chilowicz Rozental, dieser melancholische, scheue Mensch, befand sich seit kurzem in meiner Behandlung. Rozental, zu jener Zeit zweiunddreißig Jahre alt und auf der Höhe seines Könnens angelangt, war der klare Favorit. 1909 hatte er Lasker besiegt, 1911 Capablanca. Das Jahr 1912 gehörte ihm allein: Sein

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