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Waschen, schneiden, föhnen Eine Kulturgeschichte des Haars von Antas, Maria (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.06.2018
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
12,99 €
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Waschen, schneiden, föhnen

Ob die Perücke der Pompadour, der Afrolook von Angela Davis, die Pilzköpfe der Beatles, der Irokesenschnitt der Punks, der Bob der Karrierefrau oder das unter dem Kopftuch versteckte Haar - Maria Antas unternimmt einen Streifzug durch die Kulturgeschichte des Haars und führt uns durch verschiedene Zeiten, Länder und Kulturen, langweilig wird uns dabei nie.

Welche Frau hat nicht schon einmal mit ihrer Frisur gehadert, so auch Maria Antas, deren blondes Haar schon immer zu fein war, um es zu der wilden Mähne jener Hollywood-Schauspielerin hoch zu trimmen, die sie als junges Mädchen für ihre Haarpracht so bewunderte.  Nichts half, weder Lockenwickler, Föhn noch Dauerwelle. Wozu also die ganze Schönheitsindustrie? Am Ende hat sich auch die Haarmode in Hollywood verändert, und Maria Antas  hat sich mit ihrer Frisur versöhnt.



Maria Antas, geboren 1964, lebt in Berlin und, mit ihrer Familie, in Helsinki. Die Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Journalistin war lange Jahre Projektleiterin bei FILI (Finnish Literature Exchange). 2013 erschien im Insel Verlag Wisch und weg. Ein Buch über das Putzen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 11.06.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458758198
    Verlag: Insel Verlag
    Serie: insel taschenbuch 4652
    Originaltitel: Hår
    Größe: 2396 kBytes
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Waschen, schneiden, föhnen

VOR DEM BADEZIMMERSPIEGEL
Ein ruhiger und zweiflerischer Moment

Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel, ich sehe mich und sehe mich doch nicht. So ist es fast jeden Morgen, wenn ich mich frisiere und schminke. Mein Blick weiß ja schon, was ihn erwartet; er kennt meine Gesichtszüge in- und auswendig, kann sich stattdessen gedankenverloren nach innen richten, schwebt zwischen dem langsamen Müßiggang nach dem Aufstehen und der ebenso langsam erwachenden Lust auf den Arbeitstag.

Ich brauche mich nicht zu sehen, meine Hände bewegen sich wie von selbst. Greifen kleine Pinsel und Bürsten, runde Lippenstifte, verteilen eine Tagescreme, die vergrößerte Poren und rote Flecken kaschieren soll. Die Finger der einen Hand umschließen den Griff des Föhns und die der anderen den Griff einer Bürste. Das Haar soll gezähmt werden; ich beginne mit der linken Kopfhälfte, gehe dann zum Nacken über, wohl wissend, dass ich erst meinen Pony in Form blasen müsste, bevor er von selbst trocknet. Aber die automatisierten Bewegungen sind stärker als der bewusste Plan, der kurz in meinem Kopf aufblitzt und den mein Friseur dort verankert hat.

Das Licht über meinem Gesicht ist unvorteilhaft und außerdem unzureichend. Die Leuchtröhre über dem Badezimmerschrank steckt hinter einer Schutzhülle aus Plastik; die Wärme von innen hat sie gelb verfärbt, sie müsste ausgetauscht werden.

Am Ende noch Haarspray über das Haar und Puder aufs Gesicht.

Hier stehe ich, ohne mich selbst zu sehen und glaube trotzdem, ich würde mich für andere sichtbar machen. Ich hege und pflege mein Haar ganz so wie immer, doch plötzlich unterbreche ich mein Morgenritual. Wie fühlt sich mein Haar an den Fingerspitzen an? Kann ich mit meinen Verrichtungen nicht einen Moment innehalten und wahrnehmen, was da entsteht oder schon entstanden ist? Denn meine Föhnfrisur ist vergänglich, nur ich sehe sie im ursprünglichen Zustand. Sobald ich Föhn und Bürste wieder an ihren Platz lege, geht sie ihrer Verwandlung und ihrem Untergang entgegen. Ja, hier muss ich innehalten, muss die Bürste auf der Kopfhaut spüren, den wärmenden Föhn. Ich muss die Verwandlung sehen.

-

Vor ein paar Jahren schrieb ich ein Buch über das Putzen, auch das eine automatische Verrichtung, die andere nicht wahrnehmen und die zugleich bestimmt ist von überlieferten oder erlernten Ritualen, die mit Erinnerungen verbunden sind. Meine putzenden Hände, die Hände im Haar, sind meine Verbindung zur Außenwelt. Und trotzdem bin ich viel zu oft automatisiert und blind gewesen. Meine Hand hält inne, ich sehe mir in die Augen und versuche die beunruhigenden Gedanken zu fassen, die zwischen den Neuronen in meinem Gehirn hervorschnellen. Ich weiß ja, warum ich die automatischen Bewegungen übernommen habe, ich habe die Augen verschließen wollen. Denn ich weiß: Ich versuche schon so lange, mein Haar zu etwas zu trimmen, was es nicht sein will, versuche, es voller aussehen zu lassen, als es ist. Meine Hand war nicht nett zu mir, ganz und gar nicht.

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Das Bedürfnis, Nähe zwischen uns und unserem Körper herzustellen, ist tief in uns verankert, selbst wenn wir dies dadurch bewerkstelligen, dass wir unbewusst Sachen anziehen, die eher bequem sind als sexy oder jeden Tag unser Haar bürsten, ohne uns dabei im Spiegel zu betrachten. Indem wir gedankenverloren und routiniert den eigenen Körper berühren, versetzen wir ihn in jeden neuen Tag und in eine ruhige oder qualvolle Nacht. Unsere Fingerspitzen besitzen mehr Tastrezeptoren als jeder andere Teil des Körpers. Außerdem haben die Nervenenden an den Fingerspitzen eine Qualität, die sich von anderen Sensoren unterscheidet, sie sind mit jenen Bereichen des Gehirns verbunden, die Hormone produzieren und mit Wohlbefinden und stillem Glück verbunden werden. Berühren wir unseren Körper, unsere Haare, rauschen die Gefühle mit uns davon, nicht wie in einem

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