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Der Tod der Wahrheit Gedanken zur Kultur der Lüge von Kakutani, Michiko (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.04.2019
  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)
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Der Tod der Wahrheit

Das postfaktische Zeitalter ist angebrochen. In einer scharfsinnigen, geistreichen Gegenwartsanalyse deckt Michiko Kakutani historische und kulturelle Ursprünge einer Gesellschaft auf, in der die Wahrheit an Bedeutung eingebüßt hat. Vor diesem Hintergrund entlarvt sie Trump als die logische Konsequenz seiner kulturellen Voraussetzungen. Dieses Buch schürft tiefer als die bisherigen Beschreibungen der Ära Trump. Mithilfe von Philosophie und Kulturwissenschaft ergründet die einflussreichste Literaturkritikerin der USA erhellend historische und soziale Fundamente eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens, das die modernen Demokratien bedroht. Denn »Fake News« und alternative Fakten sind Symptome eines allgemein vorherrschenden Bedeutsamkeitsverlusts der Wahrheit. Resultierend aus dem Erbe postmoderner Theorien und dem um sich greifenden Narzissmus, den das Internet befeuert, erscheint Trump nunmehr als personengewordener Ausdruck und Symbolfigur des postfaktischen Zeitalters. Ein virtuoses Manifest, das die Macht des Wortes und der Sprache betont, die die moderne Informationskultur gestalten.

Michiko Kakutani, geboren 1955 in New Haven, CT, ist Literaturkritikerin und Autorin. Nach einem Literaturstudium an der Yale University begann sie 1976 ihre journalistische Karriere bei der »Washington Post«. Als Hauptrezensentin der »New York Times« erwarb sie sich zwischen 1983 und 2017 den Ruf als einflussreichste und gefürchtetste Kritikerin der USA. 1988 gewann sie den Pulitzerpreis in der Kategorie Kritik.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 20.04.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608115710
    Verlag: Klett-Cotta
    Originaltitel: The Death of Truth
    Größe: 3699 kBytes
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Der Tod der Wahrheit

Einleitung

Im 20. Jahrhundert kamen zwei der ungeheuerlichsten Regimes aller Zeiten an die Macht. Beide lebten von der Verletzung und Plünderung der Wahrheit, von dem Wissen, dass Zynismus, Überdruss und Angst die Menschen anfällig für die falschen Versprechungen von Führungsgestalten machen, die nach bedingungsloser Macht streben. Hannah Arendt schrieb in ihrem 1951 erschienenen Buch The Origins of Totalitarianism (dt.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft): »Der ideale Untertan der totalitären Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder der überzeugte Kommunist, sondern der Mensch, für den die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion (das heißt die Realität des Erlebens) sowie die Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch (das heißt den Maßstäben des Denkens) nicht mehr existieren.«1

Beunruhigend ist für den heutigen Leser, dass Arendts Worte sich immer weniger wie eine Nachricht aus einem vergangenen Jahrhundert anhören und immer mehr wie ein schauriges Spiegelbild der politischen und kulturellen Landschaft, in der wir heute leben - einer Welt, in der Fake News und Lügen nicht nur von russischen Trollfabriken in industriellem Maßstab in die Welt gesetzt werden, sondern auch in endlosem Strom aus dem Mund und den Tweets des Präsidenten der Vereinigten Staaten fließen und sich über die sozialen Medien mit Lichtgeschwindigkeit rund um die Welt verbreiten. Nationalismus, Stammesdenken, Verwirrungstaktik, Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen und der Hass auf Außenstehende sind wieder auf dem Vormarsch, und gleichzeitig verlieren die Menschen, eingeschlossen in ihre Parteisilos und Filterblasen, zunehmend das Gespür für eine gemeinsame Realität und die Fähigkeit, über gesellschaftliche und konfessionelle Grenzen hinweg zu kommunizieren.

Damit soll keine direkte Analogie zwischen den heutigen Verhältnissen und den unermesslichen Schrecken aus der Ära des Zweiten Weltkriegs gezogen werden, aber ich möchte einige Bedingungen und Einstellungen betrachten - Margaret Atwood sprach von »Warnlampen« in George Orwells 1984 und Animal Farm (dt. Farm der Tiere)2 -, die Menschen anfällig für Demagogie und politische Manipulation und Staaten zur leichten Beute für spätere Autokraten machen. Ich werde untersuchen, wie die Missachtung von Tatsachen, die Verdrängung der Vernunft durch das Gefühl und die Aushöhlung der Sprache den Wert der Wahrheit als solcher vermindern, und was das für Amerika und die ganze Welt bedeutet.

Arendt schrieb 1971 in ihrem Essay Die Lüge in der Politik: »Der Historiker weiß, wie verletzlich das ganze Gewebe faktischer Realitäten ist, darin wir unser tägliches Leben verbringen. Es ist immer in Gefahr, von einzelnen Lügen durchlöchert oder durch das organisierte Lügen von Gruppen, Nationen oder Klassen in Fetzen gerissen oder verzerrt zu werden, oftmals sorgfältig verdeckt durch Berge von Unwahrheiten, dann wieder einfach der Vergessenheit anheimgegeben. Tatsachen bedürfen glaubwürdiger Zeugen, um festgestellt und festgehalten zu werden, um einen sicheren Wohnort im Bereich der menschlichen Angelegenheiten zu finden.«3

Der Begriff truth decay (»Zerfall der Wahrheit«), mit dem die Rand Corporation die »schwindende Bedeutung von Tatsachen und Analysen« für das öffentliche Leben in Amerika beschreibt, hat gerade Eingang in den postfaktischen Wortschatz gefunden, zu dem auch die mittlerweile bekannten Ausdrücke »Fake News« und »alternative Fakten« gehören.4 Und es geht auch nicht nur um Fake News: Ebenso gibt es Fake-Wissenschaft (konstruiert von Klimawandelleugnern und Impfgegnern), Fake-Geschichte (vorangebracht von Holocaust-Revisionisten und jenen, die die Überlegenheit von Weißen propagieren), Fake-Amerikaner

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