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Wirklichkeit 2.0 Medienkultur im digitalen Zeitalter

  • Erscheinungsdatum: 08.11.2012
  • Verlag: Reclam Verlag
eBook (ePUB)
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inkl. gesetzl. MwSt.
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Wirklichkeit 2.0

Das Internet setzt sich mehr und mehr als neues Leitmedium durch. Die Digitalisierung erfasst alle privaten und gesellschaftlichen Lebensbereiche. Welche Vorteile und welche Risiken ergeben sich daraus? Müssen die Vorstellungen von Identität, Freundschaft und politischer Partizipation neu definiert werden? Was bedeutet Lernen, Kommunizieren und soziale Organisation im Netz? Als Begleitband zum gleichnamigen Funkkolleg des Hessischen Rundfunks stellt der Materialband grundlegende Texte namhafter Autoren zur Diskussion dieser drängenden Fragen zusammen. In acht Abschnitten werden unter Überschriften wie 'Online Communities' (Soziale Medien, Verlust der Privatsphäre, Online-Freundschaften) 'Vorsprung durch Technik' (Kindergarten 2.0, E-Learning und Silver Surfer), 'Vom Glück der großen Zahl' (wikipedia, Flashmobs, digitale Geschäftsmodelle) und 'Freiheitsversprechen und Herrschaftsformen' (Digitale Demokratie, Unabhängigkeit des Cyberspace) Chancen und Gefahren der neuen Wirklichkeit 2.0 dargestellt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 289
    Erscheinungsdatum: 08.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783159601717
    Verlag: Reclam Verlag
    Größe: 393 kBytes
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Wirklichkeit 2.0

[14]
DANIEL MILLER
Facebook und die Folgen

[...] Die meisten Menschen fühlen sich in Gegenwart von Unbekannten befangen, weil sie nicht wissen, wie diese auf ihre Worte oder Taten reagieren werden. In dieser Hinsicht bietet sich Facebook gewissermaßen als Puffer an. Auf Facebook können wir einiges über potentielle Bekannte in Erfahrung bringen, ohne uns der Unbehaglichkeit eines direkten Kontakts auszusetzen. Bei sich anbahnenden Liebesbeziehungen ist die Gefahr von Peinlichkeiten und Mißverständnissen sogar noch größer. Das liegt unter anderem an unserer Erwartung, daß sich beide Beziehungspartner etwa in gleichem Maße engagieren müssen. Zahllose Romane und Filme handeln von den Problemen, die es mit sich bringt, wenn einer mehr will als der andere oder jemand das Interesse des anderen überschätzt. Auf Facebook können wir uns über den anderen informieren, bevor wir entscheiden, ob wir uns auf eine Beziehung mit ihm einlassen. Dabei bleiben wir in der Regel anonym, und der Betroffene erfährt nicht das Geringste. [...] Auch für die Pflege bestehender Beziehungen ist Facebook nützlich, weil man sich vor jedem Wiedersehen über wichtige Lebensdaten oder aktuelle Geschehnisse im Leben des anderen informieren kann und die Peinlichkeit vermeidet, nicht über seine Angelegenheiten auf dem laufenden zu sein.

Das Internet hatte sich bereits vor Facebook zu einer riesigen Dating-Agentur entwickelt. Einige der wichtigsten webbasierten sozialen Netzwerke, etwa Friendster, wurden eigens für solche Zwecke errichtet. Daß [man sich] im Web stets möglichst fit und sexy präsentiert, liegt an dem Wissen, daß jede(r) potentielle Liebhaber(in) einen Blick auf ihr Facebook-Profil werfen wird. [...] Unabhängig von seiner aktuellen Beziehung träumt doch jeder Mensch davon, sich zu "verbessern".

Viele Autoren, die sich mit Facebook auseinandersetzen, kreisen unermüdlich um die müßige Frage, ob Facebook-"Freunde" nun echte Freunde sind oder nicht. Dabei übersehen sie großzügig, daß wir auch in der analogen Welt alle möglichen Leute als [15] "Freund von mir" bezeichnen, ohne das Wort auf die Goldwaage zu legen. 1 Tatsächlich ist niemand so dämlich, seine 700 Facebook-Freunde für enge Vertraute zu halten. Wie ein gut belegter Aufsatz zeigt, steigt das Ansehen von College-Studenten unter ihresgleichen, je näher sie der Zahl von 302 Facebook-Freunden kommen, um dann jedoch wieder zu sinken. 2 In welchem Maß Facebook-Freunde aneinander Anteil nehmen, ist vollkommen unterschiedlich. Selbst enge Freunde, die man immer nur zusammen sieht, tauschen sich unter Umständen regelmäßig zusätzlich über ihre "Pinnwände" aus und sind dann eben auch beste Facebook-Freunde. Bei anderen ist die "Freundschaft" allein der Absicht geschuldet, die Gesamtzahl der Freunde hochzutreiben, und beschränkt sich dann auch genau darauf. Allerdings haben die Nutzer schnell begriffen, daß man auf Facebook auch neue, rein "virtuelle" Freunde finden kann, deren Bekanntschaft man allein über Postings macht. Man tauscht Mitteilungen aus, begegnet sich aber nie außerhalb des Netzwerks. Als ich bei Facebook anfing, nahm ich zunächst alle Freundschaftsanfragen ehemaliger Studenten an, was ich dann rasch wieder sein ließ. Von diesen frühen Facebook-Freunden kenne ich allerdings einige inzwischen besser als zu der Zeit, als sie noch studierten. Dennoch rechne ich nicht damit, ihnen in der analogen Welt wiederzubegegnen. Ich glaube, es ist uns allen schlichtweg egal, ob man das als "Freundschaft" bezeichnen kann oder nicht.

Der Grund für das Vorherrschen solcher Debatten ist womöglich mehr als nur semantische Pedanterie. In Gesprächen über Facebook stößt man immer wieder auf einen Topos, der Innovationen der Moderne regelmäßig begleitet: die Furcht, daß alles immer oberflächlicher wird, daß in diesem Fall Facebook eine Inflation herbeiführ

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