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Alles nur Fake! Journalismus in den Zeiten von Postdemokratie, Message Control und Rechtspopulismus von Linsinger, Eva (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.08.2019
  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
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Alles nur Fake!

Zwei große Krisen prägen unsere Gesellschaft: Die Krise der Demokratie und die Krise der Medien - die sich in einer gefährlichen Abwärtsspirale gegenseitig bedingen und verstärken. Fake News von Staatsstellen. Eigene Medienimperien von Parteien mit eigenen Realitäten. Attacken auf Journalistinnen und Journalisten und deren 'unbotmäßige' Fragen. Schrumpfende Redaktionen und anschwellende Pressestäbe. Message Control und Shiny happy Kanzlers. Wie effizient ist die Message Control, die von der Regierung ausgegeben wird, und welche Auswirkungen hat sie auf die Redaktionen und den kritischen Journalismus? Parteimedien feiern unerwartete Comebacks und Rechtspopulisten zimmern sich eigene Medien mit eigenen Realitäten. Eva Linsinger, Innenpolitik-Chefin des Wochenmagazins profil, geht aktuellen Medienphänomenen nach und fühlt ihrer eigenen Zunft auf den Zahn, denn auch die Journalistinnen und Journalisten spielen in der Fake-News-Welt eine Rolle. Eva Linsinger studierte Geschichte und Deutsche Philologie an der Universität Salzburg und war danach als Redakteurin beim 'Kurier' tätig. 1992 wechselte sie zum 'Standard'. 2011 war sie Duke University Media Fellow an der Duke University, North Carolina und zusätzlich in den Jahren 2004/2005 Brüssel-Korrespondentin für den 'Standard'. Seit 2006 ist sie für die Zeitschrift 'profil' tätig. 2008 erschien (zusammen mit Sibylle Hamann) das 'Schwarzbuch Männer, Weißbuch Frauen'. Seit 2015 leitet sie das Ressort Innenpolitik des 'profil'.

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Alles nur Fake!

DIE GROSSE SCHIEFLAGE

Redaktionen schrumpfen, PR-Stäbe der Regierungen schwellen an: Wie Message Control ihre Effizienz entfalten kann - und welche Rolle Bilder von shiny happy Bundeskanzlern dabei spielen

Der Hamburger Stadtteil "Schanze" gehört zu den Prototypen jener Gegenden, die von Reiseführern und Stadtmarketing gerne als "Szeneviertel" bezeichnet werden: einst schmuddelig, nun hip, gerade noch wild genug, um als cool-alternativ durchzugehen, gentrifiziert genug, um mit ausreichend Soja-Latte aufwarten zu können. So kann man das Schanze-Viertel sehen.

Das ungarische öffentlich-rechtliche Fernsehen wollte das Schanze-Viertel im März 2018, knapp vor den Wahlen in Ungarn, gänzlich anders sehen: Es tauchte in der Hauptnachrichtensendung als Horrorgegend auf. Ein Anrainer klagte, dass er seine Wohnung habe aufgeben müssen, weil Migranten einquartiert wurden. Eine Frau berichtete, die Gegend sei dermaßen gefährlich, dass sie nur mehr mit Pfefferspray bewaffnet aus dem Haus gehe. Der Sukkus all der O-Töne und Bilder: Ungarn darf auf keinen Fall Deutschland werden! Da sei Viktor Orbán vor!

Peinlich bloß, dass sich die vermeintlich zufälligen Passanten in der Fernsehreportage als - Überraschung! - Lokalpolitiker der deutschen AfD entpuppten. Laiendarsteller von der extrem rechten "Alternative für Deutschland" als willkommene Stichwortgeber im ungarischen Staatsfernsehen: Das könnte als grottenschlechte Satire durchgehen. Wenn es nicht derart ernst wäre.

Fake News in Reinkultur, verbreitet von semioffizieller Stelle: Weit scheint Ungarn von Orbánistan nicht mehr entfernt zu sein. Die Medienlandschaft wurde, mit tatkräftiger Unterstützung finanzstarker Oligarchen, brutal zu Propaganda-Organen umgebaut. Was an Journalismus noch übrig ist und kritisch über Orbán zu berichten wagt, landet auf schwarzen Listen. Schaurig-schöne neue Medienwelt. Diese dystopische Entwicklung ist in Ungarn besonders weit fortgeschritten, in unterschiedlich stark ausgeprägten Vorstufen aber beileibe nicht nur dort zu besichtigen: Nicht ohne Grund gab im Mai 2018 eine hochrangige Konferenz "Alarmstufe Rot für die Medienfreiheit" in Europa. Ende Oktober 2018 richtete EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini einen flammenden Appell zur Verteidigung der freien Medien an die EU-Mitgliedsstaaten. Und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zeigte sich ausdrücklich besorgt über den Zustand der Pressefreiheit in einem europäischen Staat. Das dortige Staatsoberhaupt, ein ruhig-besonnener Mann, dem aufgeregtes Hyperventilieren fremd ist, hielt es ebenfalls für notwendig, das hehre Gut der Pressefreiheit zu betonen. Vor ein, zwei Jahren hätte wohl jeder bei derartigen Sätzen geglaubt: Da muss von Ungarn die Rede sein, oder vielleicht gar von Rumänien, jedenfalls von einem Staat, der schon länger auffällig geworden ist, was den Umgang mit Grundwerten anbelangt. Die besorgten Sätze galten aber Österreich.

Und staunende Beobachter reiben sich verdutzt die Augen und fragen bange: Probleme mit der Pressefreiheit? Mitten in der EU, der stolzen Trägerin des Friedensnobelpreises und erhabenen Wächterin über die Grundfreiheiten? In Staaten wie Österreich, die bisher vielleicht als etwas zauselig, aber durchaus als gefestigte Demokratien galten? Was passiert da gerade? Und, schier wichtiger noch, wo führt es hin?

Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 befeuerte den Aufstand der "Wutbürger" und den Siegeszug der Rechtspopulisten. Sie verbreiten in Paralleluniversen ihre Parallelwahrheiten: Mit eigenen Medienimperien, die eigene Wirklichkeiten entstehen lassen. Mit persönlichen Attacken auf Journalistinnen und Journalisten. Mit hyperventilierender Empörung über "unbotmäßige" Fragen. Mit Medienerlässen, die zum Faktenverdrehen auffordern.

Dieser Medienerlass aus dem Innenministerium war der konk

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