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Transit 47. Europäische Revue Russland Nacheuropa Religion von Schlögel, Karl (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.10.2015
  • Verlag: Verlag Neue Kritik
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Transit 47. Europäische Revue

"Die Auflösung von Imperien ist immer so etwas wie eine glückliche Katastrophe", beginnt Karl Schlögel seinen Parcours durch die Museumslandschaften Russlands nach dem Ende der Sowjetunion. Der damit einsetzende Umbruch bringt Gefahren für die fragile Institution Museum mit sich, aber auch Chancen für einen neuen Anfang. Die mögen inzwischen allerdings vertan sein, sind wir doch Zeugen brachialer Anstrengungen, den imperialen Anspruch Russlands zu restituieren. "Wir sind längst inmitten des Ringens um eine neue ?Meistererzählung? russischer Geschichte, vor allem der des 20. Jahrhunderts." Es ist zu befürchten, dass die russischen Museen künftig abermals einem Narrativ zu dienen haben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 175
    Erscheinungsdatum: 15.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783801505769
    Verlag: Verlag Neue Kritik
    Größe: 12764 kBytes
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Transit 47. Europäische Revue

Karl Schlögel

MUSEUMSWELTEN IM UMBRUCH

Russische Museen nach dem Ende der Sowjetunion 1

Die Auflösung von Imperien ist immer so etwas wie eine glückliche Katastrophe. Mit all ihren Unsicherheiten und Instabilitäten ist sie eine Gefahr für so sensible, über viele Generationen gewachsene und auf Ordnung angewiesene Institutionen, wie es Museen sind. Sie ist andererseits eine große Chance, weil ein neuer Anfang gemacht und der Museumskosmos neu geordnet werden kann, weil Geschichten erzählt werden können, die bisher nicht erzählt worden sind, weil neue Narrative formuliert, neue Objekte aus den Depots hervorgeholt, neue Parcours entwickelt werden können-ein "Dekorationswechsel" im buchstäblichen Sinne. Eine solche Situation ist mit der Auflösung des sowjetischen Imperiums eingetreten.

Erfahrungsraum Museum

Museumsbesuche stehen auf den Besichtigungslisten von Russlandreisenden nicht an erster Stelle. Natürlich gibt es die Highlights, die zum Pflichtprogramm gehören und die bei keinem Besuch fehlen dürfen: die Gemäldesammlungen, allen voran die Eremitage und das Russische Museum in Sankt Petersburg oder die Tretjakow-Galerie und die Rüstkammer im Kreml in Moskau. Aber wen verschlägt es schon einmal ins Eisenbahnmuseum in Sankt Petersburg oder ins Bachruschin-Museum für Theatergeschichte in Moskau, nicht zu reden von den vielen, schon dem Umfang der Sammlungen nach eindrucksvollen Museen, die man außerhalb der beiden russischen Metropolen besuchen könnte. Dorthin finden Experten, die auf der Suche nach etwas sind, das nur Sachkundige mit besonderen Interessen und Kenntnissen wissen können, etwa die Tatsache, dass bedeutende Kunstwerke der sowjetischen Moderne auch außerhalb der Hauptstadt in der sogenannten Provinz zu finden sind: in Samara an der Wolga oder in Nowosibirsk, wohin sie dank eines dem Erziehungsgedanken verpflichteten Volkskommissariats für Aufklärung einmal-nach dem Prinzip der gerechten Umverteilung und Dezentralisierung von Kulturgütern-gesandt worden waren. So kommt es, dass man Meisterwerke von Boris Kustodjew oder Kasimir Malewitsch auch an abgelegenen Orten findet, an denen man sie nicht vermutet hat. Experten und sachkundige Russlandreisende können so, jeder für seinen Geschmack oder sein Fach, eine Museumswelt entdecken, die in keinem Reiseangebot oder Reiseführer zu finden ist. 2

Aber die Museumswelt beschränkt sich nicht auf Kunstmuseen. Museen sind, wie eine inzwischen ins Riesenhafte angewachsene Literatur zum Museumswesen zeigt, viel mehr. 3 Sie sind Speicher des kulturellen Gedächtnisses-im Großen wie im Kleinen: von Familien, Stämmen, Nationen, Imperien, Unternehmen. An ihnen kann man nicht nur die ausgestellte Geschichte ablesen, sondern den Umgang der Gegenwart mit der je eigenen Vergangenheit. An ihren Exponaten und der Art, in der sie präsentiert werden, lässt sich Zeit vergegenwärtigen, die vergangene wie die, in der wir leben. So will eine Nation, eine Stadt sich selbst gesehen wissen. So soll ein Bild von sich in die Welt hinausgeschickt oder zumindest in den Köpfen der Besucher verankert werden. Museen können als Zeitkapseln fungieren, in denen geschichtliche Momente-wie die berühmte Fliege im Bernstein-festgebannt, stillgestellt sind oder aus der Vergangenheit in die Gegenwart des Betrachters katapultiert werden. Das kann in Kunstkabinetten, Wunderkammern, Galerien mit Vitrinen, viel Staub und Spinnweben geschehen, oder in Museen, die auf dem allerneuesten technischen Stand sind, mit laufenden Bildern, Audioguides und der Produktion von Lautwelten, die den Besucher wie in Zeitmaschinen an andere Orte oder in andere Epochen versetzen oder-etwas bescheidener-ihn in eine "interaktive" Be

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