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Peter Petersen 'Allgemeine Erziehungswissenschaft' I. Teil von Ofenbach, Birgit (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.02.2012
  • Verlag: WBG Academic
eBook (ePUB)
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Peter Petersen 'Allgemeine Erziehungswissenschaft'

Die ?Allgemeine Erziehungswissenschaft? (1924) ist die erste geschlossene theoretische Abhandlung der deutschen reformpädagogischen Bewegung zur Erziehungswissenschaft. In oppositioneller Haltung zur kulturwissenschaftlich-philosophischen Pädagogik seiner Zeit wie generell zur erziehungsphilosophischen Tradition war es Petersens Ziel, eine "illusionsfreie Erziehungswissenschaft" zu entwerfen und für eine neue Schul- und Erziehungspraxis zu sorgen, die einen neuen Geist im Menschen entstehen lassen wollte. Realistisch statt idealistisch sollte Erziehungswissenschaft sein. Erziehung sei in der Masse verankert und vollziehe sich auf funktionale Weise durch Gemeinschaft im wirklichen Leben. Aus heutiger Sicht ist Petersens ?Allgemeine Erziehungswissenschaft? der Vorläufer der realistischen und sozialwissenschaftlichen Wende innerhalb der Pädagogik in den 1960er-Jahren. Birgit Ofenbach, geb. 1957, ist seit 1995 Akademische Rätin/Oberrätin am Institut für Grundschulpädagogik an der Universität Koblenz-Landau; 2001 Lehrstuhlvertretung an der Universität Münster; seit 1988 Schriftleiterin der Fachzeitschrift ?Pädagogische Rundschau?.

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Peter Petersen 'Allgemeine Erziehungswissenschaft'

2. Der Einzelne und das Ich; Individualität und Persönlichkeit

Das Gefühl, im "Jahrhundert der Masse" zu leben, löst bei vielen heutzutage eine verzagte, resignierte, pessimistische Stimmung aus; denn "was kann da der Einzelne machen". Manch einer zieht sich zurück, oftmals verbittert, oder fast noch schlimmer, ein Leichtsinn macht sich breit, und "man läßt die Karre laufen". Ein seltsamer Gegensatz zum 18. Jahrhundert und noch zur Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts, ja so weit hinein in dieses Jahrhundert als die ungebrochene Kraft der Aufklärung reicht. Wie stark damals gerade der Glaube an die Kraft des Einzelnen! Wo noch die Vertragstheorie herrschte, da sah man im Staat eine willkürliche Schöpfung, ein durch freien Willensentschluß vieler Einzelner künstlich zusammengesetztes Gebilde, und ähnliche Vorstellungen wurden entwickelt, um den Ursprung solcher Gemeinschaftserzeugnisse wie Sprache, Religion und Sitte zu erklären. "Die Sprache gilt als willkürlich zum Zweck der Verständigung und des Gedankenaustausches ersonnenes System von Zeichen. Die Religionen sind von weisen Sittenlehrern gestiftet, oder sie sind, nach der von den radikalen Freidenkern des Revolutionszeitalters beliebten Umkehrung dieser Auffassung, die trügerische Erfindung schlauer Priester, mit Hilfe deren man die Völker in Finsternis und Abhängigkeit zu erhalten sucht. Ebenso sind Mythus und Sage Dichtung, die bald absichtlich zu lehrhaften Zwecken, bald ebenso absichtlich zur Verbreitung von Wahn und Täuschung erfunden wurden" 13 . In der Ethik wie der Gesellschaftslehre ist dieser einseitige Individualismus heute noch keineswegs verschwunden, so wenig wie in den naiven Volksvorstellungen und bei Volksführern primitiven Denkens.

Der Kampf der Meinungen entbrennt über folgende nicht zu umgehende Fragen. Was ist das Erste, das Ursprüngliche: der Einzelne oder die Gemeinschaft? und: beruhen die sozialen Formen und das Gemeinschaftsleben auf den Individuen oder die Einzelnen auf ihnen? Ferner: sind die sozialen und die Gemeinschaftsformen rein mechanische Bildungen aus Einzelnen oder sind sie etwas Eigenes, das nicht nur in seinem realen Einfluß, sondern in seiner metaphysischen Wesenheit etwas über den Einzelnen und außerhalb der Einzelnen bildet? An der Beantwortung dieser drei Fragen ist der Grundcharakter einer jeden Ethik und Gesellschaftslehre zu erkennen.

Der reine Individualismus, ausgeführt im Edelanarchismus, den Naturrechtstheorien, der Herrschaftstheorie Machiavellis und in vielen Systemen der Ethik sieht im Gesamtleben nichts weiter als eine besondere Form des Individuallebens. Die Beobachtung zeige nur für sich seiende Wesen, nirgends einen Gesamtwillen. Die Gesellschaft führe kein eigenes Leben, sondern lebe nur in den Individuen. Der Einzelne, nach Nietzsches Worten gleichsam die "einsam schweifende Bestie" des Urzustandes, ist nur noch wenig gezügelt. In der schärfsten Form verkündet ihn Max Stirner: "Mir geht nichts über mich!" Das ist die alte Sophistenweisheit: der Mensch das Maß aller Dinge. Nach dieser Auffassung ist das Individuum in seinem Wesen von vornherein in sich fertig und selbständig gedacht, bevor es irgendwelche gesellschaftlichen Bindungen eingeht und Gemeinschaften erlebt. Eine Wandlung, gar eine Neuerung und innere Fortentwicklung durch diese Formen und Verbindungen kann nicht stattfinden. Trotzdem leugnet selbstverständlich der Individualismus nicht den Bestand dieser Formen, allein sie sind nichts weiter als nützliche, mechanisch zustande gekommene Erfolge des selbständigen Handelns der Einzelnen. Wesenhaft nötig sind sie nicht für ihn und die Bildung seines Inneren. Nicht mit Unrecht hat man das Individuum dieser Theorie einen "geistigen Robinson" genannt.

Nach unserer Scheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft werden demnach vom Individualismus beide als Gebilde geleugnet, die selbständig auf das Innenleben der Einzelnen einwirken. Di

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