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Philosophie der Bildung und Erziehung Eine Einführung von Reichenbach, Roland (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.01.2007
  • Verlag: Kohlhammer
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Philosophie der Bildung und Erziehung

Erziehung- und Bildungsphilosophie gibt keine Antworten auf konkrete pädagogische Probleme. Aber sie stellt Perspektiven, Begriffe und Deutungen bereit, die es ermöglichen, sich im pädagogischen Denken und Nachdenken zu orientieren. Dieser Einführungsband vermittelt aus zehn philosophischen Perspektiven Einsichten in Grundfragen von Erziehung und Bildung. Diese Denktraditionen werden exemplarisch anhand eines Protagonisten, einer historischen Skizze und einer zentralen Metapher sowie hinsichtlich ihrer politisch-sozialen Bedeutung umrissen.

Prof. Dr. Roland Reichenbach lehrt an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Allgemeine und Systematische Erziehungswissenschaft.

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Philosophie der Bildung und Erziehung

"Wie viele Eier dürfen für ein ideales Omelette
(das es vielleicht nie geben wird) zerschlagen werden?"
1 Platonischer Idealismus und die Frage nach dem Preis des Guten

Umgangssprachlich bedeutet Idealismus nicht das Gleiche wie philosophisch bzw. erkenntnistheoretisch. Der "umgangssprachliche Idealist" zeichnet sich dadurch aus, dass er sein Leben oder wenigstens einen Großteil seiner Energie in die Verwirklichung von Idealen investiert, von deren Güte und Notwendigkeit er überzeugt ist. Die "erkenntnistheoretische Idealistin" hingegen glaubt, dass die geistige oder auch spirituelle Welt der Ideen gegenüber der materiellen Erscheinungswelt Vorrang hat und ursprünglich ist. Es handelt sich dabei allerdings nicht um Gegensätze, sondern nur um Unterschiede, und manch erkenntnistheoretischer Idealist mag auch in lebenspraktischer Hinsicht idealistisch eingestellt sein. Dies trifft schon für die Schlüsselfigur des Idealismus, Platon (427-347 v. Chr.), zu und ist freilich für pädagogisches Denken und Handeln auch in der heutigen Zeit - die wahrscheinlich mehr von beiden Idealismen durchdrungen und geprägt ist, als den meisten bewusst oder lieb sein mag - noch von Bedeutung.
1.1 Mit verdorbenen Augen wiedergekehrt

In Platons Staat, einem der welthistorisch bedeutsamen Werke, welches der Frage nach der Gerechtigkeit und der guten Staatsform gewidmet ist und in welchem Platon zugleich das dazu passende pädagogische Programm entwirft, wird im siebenten Buch das bekannte Höhlengleichnis präsentiert, das einen der ältesten abendländischen Texte über Bildung (und Unbildung) darstellt und auch noch den heutigen Leser zu faszinieren vermag.

Sokrates : "Und nun vergleiche Bildung und Unbildung in unserer Natur mit folgendem Zustand. Stelle dir Menschen vor in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnstätte mit lang nach aufwärts gestrecktem Eingang, entsprechend der Ausdehnung der Höhle. Von Kind auf sind sie in dieser Höhle festgebannt mit Fesseln an Schenkeln und Hals; sie bleiben also immer an der nämlichen Stelle und sehen nur geradeaus vor sich hin, denn durch die Fesseln werden sie gehindert, ihren Kopf zu herumzubewegen. Von oben her aber aus der Ferne leuchtet hinter ihnen das Licht eines Feuers. Zwischen dem Feuer aber und den Gefesselten läuft oben ein Weg hin, dem entlang eine niedrige Mauer errichtet ist (...). Längs dieser Mauer (...) tragen Menschen allerlei Geräte vorbei, die über die Mauer hinausragen, Statuen verschiedenster Art aus Stein und Holz von Menschen und anderen Lebewesen, wobei wie begreiflich, die Vorübergehenden teils reden, teils schweigen" (Platon 1979, S. 268 / 514a).

Man versteht, dass Glaukon, ein Freund von Sokrates, bemerkt: "Ein sonderbares Bild, das du da vorführst, und sonderbare Gefangene" (ebd.). Sokrates entgegnet: "Sie gleichen uns" (ebd.). Nicht den Gegenständen selbst, sondern nur den Schatten der Gegenstände kommt für diese Gefangenen, da sie ja nichts anderes kennen, Wirklichkeit zu. Sokrates führt fort:

"... wenn einer von ihnen aus den Fesseln befreit und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals umzuwenden, sich in Bewegung zu setzen und nach dem Licht emporzublicken und alles dies nur unter Schmerzen verrichten könnte und geblendet von dem Glanz nicht imstande wäre, jene Dinge zu erkennen, deren Schatten er vorher sah, was, glaubst du wohl, würde er sagen, wenn man ihn versicherte, er hätte damals lauter Nichtigkeiten gesehen, jetzt aber sei er dem Seienden näher gerückt und auf Dinge hingewandt, denen mehr Sein zukäme, und sehe deshalb richtiger?" (S. 269 / 515d).

Einer der interessanten Aspekte, der bei manchen Interpretationen dieses Gleichnisses gar nicht auftaucht, besteht im Umstand, dass der betreffende Gefangene zwar "befreit" wird, aber "genötigt" werden muss, aufzustehen, den Hals umzudrehen und

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