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Wilhelm von Humboldt: Anthropologie und Theorie der Menschenkenntnis von Wagner, Hans-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.02.2012
  • Verlag: WBG Academic
eBook (ePUB)
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Wilhelm von Humboldt: Anthropologie und Theorie der Menschenkenntnis

Im Zentrum von Humboldts bis in die Gegenwart wirksamem und heute als unzeitgemäß gescholtenem neuhumanistisch-bildungstheoretischen Denken steht die Möglichkeit von Menschbildung. Voraussetzung hierfür ist Menschenbeobachtung und philosophisch-empirische Menschenkenntnis. Mit seinem anthropologischen Grundlagenkonzept liefert Humboldt umfangreiche, auch tatsachengestützte Reflexionen als Hilfsmittel für eine philosophisch-praktische Menschenkenntnis und die Kenntnis individueller Charaktere. Sie werden in Form eines Zusammenwirkens von praktischem Beobachtungssinn und philosophierendem Geist vollzogen.

Dieter-Jürgen Löwisch, geb. 1936, war von 1970 bis 2001 Ordinarius für Allgemeine Pädagogik an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg. Wichtige Veröffentlichungen u.a.: Einführung in die pädagogische Ethik (1995); Kompetentes Handeln (2000).

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Wilhelm von Humboldt: Anthropologie und Theorie der Menschenkenntnis

Theorie der Menschenkenntnis. Aus der Schrift: Das 18. Jahrhundert.

An dem Schlusse eines vollendeten Jahrhunderts bietet sich unserm Nachdenken sehr natürlich die Frage dar: wo stehn wir? welchen Theil ihres langen und mühevollen Weges hat die Menschheit zurückgelegt? befindet sie sich in der Richtung, welche zum letzten Ziel hinführt? und wie weit ist es ihr gelungen, in dieser Richtung bereits fortzuschreiten?

Die Beantwortung dieser inhaltvollen Fragen fodert nichts Geringeres, als eine Charakteristik der Zeit, in der wir leben, verbunden mit einer pragmatischen Herleitung unsers Zustandes aus seinen in früheren Begebenheiten und Umständen verborgenen Ursachen, mithin eine Schilderung des Jahrhunderts, das wir zurückgelegt haben. Was wir sind, muss vollständig und bestimmt gezeichnet, aber wir müssen nicht als ein todtes Bild aus dem ganzen Gemählde der Zeit herausgerissen, wir müssen vorgestellt werden als ein lebendiges Glied einer zusammenhängenden Reihe gemeinschaftlich wirkender Ursachen, zugleich als das Product von Kräften, die vor uns thätig waren, und als eine Quelle andrer neuer, die es nach uns seyn werden.

Um diesen Gesichtspunkt genau im Auge zu behalten, und dem Bilde nichts von dem frischen Leben zu rauben, durch das es allein für die Betrachtung fruchtbar wird, ist es nothwendig den Charakter der Menschheit in seiner ganzen unzertrennten Totalität aufzufassen. Nicht bloss die Seiten, die wirklich ausgebildet sind, sollen geschildert werden, auch diejenigen, welche es seyn sollten oder seyn könnten. Nicht bloss die vorhandene Kraft will man geschätzt wissen; auch den Grad der Rüstigkeit und Stärke, mit der dieselbe weiter emporstrebt. Zwei Bedingungen werden daher durchaus unerlasslich seyn: einmal alles Einzelne immer unter wenigen abgesonderten Hauptpunkten zu Einer Gestalt zusammenzudrängen; dann jeden Grad und jede Modifikation der thätigen Kräfte als Theile einer unendlichen Grösse anzusehen, die in Gränzen, die auch einem feinen Auge entgehen, mit ihren Nachbarn zusammenstossen.

Es wird daher nicht nothwendig seyn, jeden einzelnen Zug mit mühsamem Fleiss ängstlich zusammenzutragen, aber auch nicht hinlänglich, durch eine solche Nachbildung der Aussenseite der Gegenstände ihren blossen Umriss zu zeichnen. Ihr Geist, ihr Charakter muss dargestellt seyn; aber es bedarf keines Pinselstrichs mehr, sobald er einmal dasteht. Dieser Endzweck bestimmt auch die Ordnung des Vortrags. Die am meisten charakteristische Eigenthümlichkeit muss vorangehn, und um sie müssen sich die andern versammeln. Das Gemählde muss zugleich Wahrheit mit Leben in sich vereinigen. Das letztere wird ihm nie mangeln, sobald es, statt bloss die todte Form der Natur nachzuahmen, ihren Geist athmet; die erstere muss sich dadurch bewähren, dass jeder aufgestellte Charakterzug auch unmittelbar einen Belag aus der Reihe der Thatsachen aufzuweisen hat. Der beobachtende Verstand und die dichtende Einbildungskraft müssen in harmonischem Bunde stehn. Jener muss nur darum Begriffe und Thatsachen sammeln, damit diese sie in ihre Form giessen, und zu einem Ganzen umschaffen möge; sie hingegen muss jedem Stoff, den nicht er herbeigeführt hat, ihr Gepräge versagen. Die Probe des Gelingens ist der Versuch, ob das entworfene Bild die Kraft begeisternd erweckt, und lenkend richtet, welches beides es nicht kann, wenn es nicht wahr und lebendig zugleich ist.

Die zweite Bedingung hängt genau mit dieser ersten zusammen. Das lebendige unterscheidet sich vorzüglich dadurch von dem Todten, dass es in sich und durch sich beweglich, wechselnd und vorschreitend ist, dass es nie aus einem einzelnen Zustand, nur aus der Kraft begriffen werden kann, welche jene alle begründet. Diess zeigt auch der äussere Anblick. Daher entsteht die weiche Biegsamkeit, der fliessende Glanz, das duftende Ansehn der grünenden Pflanze, des lebenden Thiers; dagegen die harte Rigidität, das Starre und Erloschene in dem Verwelk

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