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Der Mensch als Grenzgänger Distanz und Nähe in der negativen Anthropologie von Günther Anders von Schäfer, Jan-Philipp (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.10.2020
  • Verlag: WBG Academic
eBook
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Der Mensch als Grenzgänger

Bevor Günther Anders einer der präzisesten Kritiker moderner Technokratie wurde, beschäftigte er sich in seinen kürzlich veröffentlichten Frühschriften mit anthropologischen Fragestellungen. Wozu sind wir hier? Gibt es überhaupt eine Bestimmung des Menschen? In welchem Verhältnis steht der Mensch zur Welt? Dass der Mensch Fragen nach dem Menschsein stellt, ist für Anders schon ein erstes Indiz für ein spezifisches Weltverhältnis - ein Verhältnis in Distanz. Günther Anders fordert in einem phänomenologisch-dialektischen Zugriff heraus, sich erneut die Frage nach dem Menschsein zu stellen. In der systematischen Aufarbeitung der anthropologischen Schriften, verbindet Jan-Philipp Schäfer auch die Bildungsthematik mit Anders´ Konzept der negativen Anthropologie. Bleibt Bildung nicht stets provisorisch? Ist sie letztlich nicht die Einsicht in Anderes und Fremdes, statt in Erstes oder Letztes? Bildung ist eine Erfahrung der Unfertigkeit von Erkenntnis und damit auch des Menschseins.

Jan-Philipp Schäfer studierte Pädagogik (B.A.) sowie Bildungswissenschaft (M.A.) an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Hier ist er seit 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Bildungswissenschaft.

Produktinformationen

    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 104
    Erscheinungsdatum: 31.10.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783534402083
    Verlag: WBG Academic
    Größe: 1201 kBytes
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Der Mensch als Grenzgänger

1. Einleitung

In einer Zeit, in der nicht nur über die Verbesserung des Menschen nachgedacht wird, sondern darüber selbst die Gattung Mensch zu überwinden, so das erklärte Ziel einiger Transhumanisten, scheint eine Beschäftigung mit anthropologischen Fragen hochaktuell. Wissenschaft, die sich mit der expliziten Forderung nach einer Transformation des Menschlichen kritisch auseinandersetzen will, muss sich zunächst selbst fragen, von was für einem Menschenbild sie ausgeht.

Nach Bröckling liegen der Soziologie immer explizite oder implizite anthropologische Annahmen zugrunde (vgl. Bröckling 2017, S. 46). Sozialkritische Analysen zeichnen sich dabei vor allem durch eine negative Anthropologie aus, die das Bild des Menschen leer lässt. Stattdessen zielen sie auf eine Relativierung gesellschaftlicher Machtstrukturen, welche erst zu einem bestimmten Bild des Menschen geführt haben (vgl. ebd., S. 47ff.). Ebenso wie in der Soziologie, zeigt sich auch in der Pädagogik, dass "Erziehungs- und Bildungsvorstellungen gebunden sind an anthropologische Entwürfe" (Zirfas 2004, S. 7). Nicht zufällig sind die wissenschaftlichen Ursprünge von Pädagogik und Anthropologie gleichsam in der brüchig werdenden Alleinstellung christlicher Weltanschauung verankert. Daraufhin können sie als Versuch eines aufklärerischen Umbruchs gesehen werden, um die Frage nach dem Selbstbild des Menschen neu auszuloten (vgl. ebd., S. 8f.). Wenn pädagogische Anthropologie heutzutage die Aufgabe hat, "die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Erkenntnisse und [...] deren kulturellen, historischen und damit relativen Charakter" (ebd., S. 23) zu betonen, so sieht sie sich derselben Aufgabe verpflichtet, die auch die negative Anthropologie von Günther Anders bestimmt (vgl. Anders 1929, S. 141).

Gerade deshalb erscheint eine pädagogische Beschäftigung mit den anthropologischen Analysen von Günther Anders umso aufschlussreicher. Bisher findet die pädagogische Auseinandersetzung mit Günther Anders vor allem mit seinen Hauptwerken, den beiden Bänden der Antiquiertheit des Menschen, statt und fokussiert somit eine Kritik an der Entmenschlichung aufgrund moderner Technikimperative (vgl. Kluge 2014; Meyer-Drawe 2014). Doch von welchem Menschenbild geht die Pädagogik hierbei aus?

Die vorliegende Arbeit spricht sich dafür aus, dass eine Diskussion von Anders negativer Anthropologie für heutige Erziehungs- und Bildungsdiskurse fruchtbar sein kann, um ihre impliziten und expliziten Menschenbilder erneut zu hinterfragen. Deshalb geht die Arbeit einer Exegese der Frühschriften von Anders nach, um ein Fundament der Analyse zu legen.

Ziel der Arbeit ist es, in den anthropologischen Frühschriften von Günther Anders die Dialektik von Distanz und Nähe aufzuzeigen und diese als zentrales Charakteristikum seiner negativen Anthropologie auszuweisen. Dabei liegt auch der negativen Anthropologie von Anders die These zugrunde, dass das Wesen des Menschen letztlich nicht bestimmt werden kann und somit alle Bemühungen sein Wesen auf ein bestimmtes Kriterium festzulegen, scheitern müssen (vgl. Anders 1936/37, S. 81). Weder weiß der Mensch die Welt vorweg, noch weiß er von einer natürlichen Bestimmung seiner selbst. Vielmehr ist es gerade die Unbestimmtheit, welche die spezifische Freiheit des Menschen ausmacht. Freiheit ist hier also nicht gleichzusetzen mit Selbstbestimmung oder Autonomie - diese sind stattdessen bedingt dadurch, dass der Mensch frei ist (vgl. Anders 1930, S. 17; vgl. auch Anders 1929, S. 170). Die Freiheit des Menschen ergibt sich für Anders aus seiner Distanziertheit. Der Mensch ist also da frei, wo er nicht eingezwängt ist in vorgefertigte Selbst- und Weltbilder, nicht auf Bestimmtes zugeschnitten ist, sondern sich selbst im Bereich des Unbestimmten und Möglichen befindet (vgl. Anders 1936/37, S. 50).

Die Freiheit des Menschen verweist somit auf eine spezifische Stellung des Mensch

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