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Deutschland, deine Lehrer Warum sich die Zukunft unserer Kinder im Klassenzimmer entscheidet von Eichel, Christine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.03.2014
  • Verlag: Blessing
eBook (ePUB)
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Deutschland, deine Lehrer

Aufopferungsvolle Pädagogen, faule Beamte oder Sündenböcke einer verfehlten Bildungspolitik - was sind Lehrer heute?
Deutschlands Lehrer sind besser als ihr Ruf - aber sie werden von der Politik allein gelassen, von der übergroßen Anspruchshaltung der Eltern überfordert und an den Hochschulen mangelhaft auf die Praxis vorbereitet. Über die Hälfte der Lehrer steht stark unter Stress und klagt über von emotionale Erschöpfung. Auf der Basis neuer Konzepte von Pädagogen, Bildungsexperten und Hirnforschern zeigt Christine Eichel Wege auf, wie der Beruf des Lehrers - deren Wirken für den Lernerfolg der Schüler das wichtigste Moment überhaupt ist - neu bestimmt werden kann.

Christine Eichel, 1959 geboren, hat Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaft studiert und wurde mit einer Arbeit über Theodor W. Adorno promoviert. Sie war Fernsehregisseurin, Moderatorin, Gastprofessorin der Universität der Künste Berlin und leitete die Kulturressorts der Magazine Cicero und Focus. Sie hat zahlreiche Romane und Sachbücherveröffentlicht. Zuletzt erschienen 'Das deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht' (2012) und 'Deutschland, deine Lehrer' (2014). Christine Eichel lebt als Autorin und Publizistin in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 31.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641123703
    Verlag: Blessing
    Größe: 1179 kBytes
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Deutschland, deine Lehrer

Tatsächlich Liebe

Vier Stunden vor- und drei nachmittags gab unser Vater uns Unterricht, welcher darin bestand, dass er uns bloß auswendig lernen ließ, Sprüche, Katechismus, lateinische Wörter und Langens Grammatik. Wir mussten die langen Geschlechtregeln jeder Deklination samt den Ausnahmen, nebst der beigefügten lateinischen Beispiel-Zeile lernen, ohne sie zu verstehen. Ging er an schönen Sommer tagen über Land: so bekamen wir so verdammte Ausnahmen wie panis piscis zum Hersagen für den nächsten Morgen auf ... Nur werfe dieses bloße Auswendiglernenlassen kein falsches Licht auf meinen unverdrossnen und liebevollen Vater, der mit einem weichen warmen Vaterherzen an mir am meisten hing und leicht über kleine Zeichen meiner Anlagen oder Fortschritte in frohes Weinen ausbrach.

Jean Paul, Selberlebensbeschreibung, 1818/1819 geschrieben; leicht gekürzte Passage aus der Kritischen Ausgabe von Eduard Berend, Weimar 1927 ff.

Mit Rührung und Dankbarkeit erinnert sich Jean Paul an seinen Vater, den Pfarrer von Joditz. Erstaunlich ist es schon, dieses sympathisierende Denkmal, das der Schriftsteller seinem gestrengen Erzieher setzt. Das Pensum jedenfalls klingt nach sturer Paukerei. Ausschlaggebend für die Hommage ist offenbar die Erfahrung, dass die pädagogische Ambition des Vaters von starken Gefühlen begleitet war, von Vaterliebe und Vaterstolz. Als selbst ernannter Hauslehrer war er Bezugsperson und emotional leicht entflammbar – bis hin zu tränenreichen Gefühlsausbrüchen, wenn der Sohn Fortschritte zeigte. Und die waren in der Tat außergewöhnlich. Schon als Kind las sich Johann Paul Friedrich Richter, der sich später Jean Paul nannte, durch die väterliche Bibliothek. Im autobiografischen Fragment Selberlebensbeschreibung seufzt er: "Wie gern hätte ich mehr gelernt und wie leicht!" Natürlich blieb der Vater nicht die einzige Bildungsprägung des späteren Romanciers. Doch die Beziehungsqualität des letztlich stupiden ersten Unterrichts zeigt ein Urmodell des Lernens – den Impuls, lernen zu wollen, weil eine intensive Bindung zum Lehrenden die Motivation befeuert.

Eigentlich ist es eine Binsenweisheit: Menschen sind Beziehungswesen. Was wir denken, fühlen und tun, ereignet sich in sozialen Konstellationen, in einem Geflecht von Bedürfnissen, Erwartungen, Rückkopplungen. Wir suchen in Beziehungen Wertschätzung, wollen in unserer Individualität erkannt und anerkannt werden; andernfalls wenden wir uns enttäuscht ab. Dies gilt im Besonderen für die Beziehungen innerhalb der Schule. Für das Verhältnis von Lehrern und Schülern, von Schülern untereinander, von Lehrern im Kollegium, von Lehrern und Eltern. Deshalb ist die Beziehungskultur ein wichtiger Indika tor, wenn wir wissen wollen, warum Schule mittlerweile oft ein Synonym für das Scheitern ist – das Scheitern von Bildungskonzepten, Erziehungsaufträgen, Integrationszielen.

Doch seltsam genug, wenig ist davon die Rede, wenn heute über Schule gestritten wird. Die destruktiven Beziehungsmuster, die den Unterricht oft zur Qual machen, bleiben weithin ausgeblendet: der tägliche Kampf der Lehrer um Aufmerksamkeit und Respekt, das tägliche Ringen der Schüler um Beachtung und Bestätigung. Lieber betrachtet man die Schule aus der Vogelperspektive. Deshalb werden Reformen vorzugsweise von oben gedacht. All die ehrgeizigen Konzepte, die zurzeit Konjunktur haben, argumentieren mit systemischen Änderungen: Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems, neues Curriculum, veränderter Unterrichtsrhythmus, innovative Neurodidaktik. Dass schulisches Lernen wesentlich

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