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Erziehung und Geschlecht Eine Einführung von Rendtorff, Barbara (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.03.2006
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (PDF)
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Erziehung und Geschlecht

In welcher Weise - das ist die Ausgangsfrage dieses Buches - tragen Erziehungsprozesse dazu bei, die Selbst- und Weltbilder von Kindern und ihr Handeln geschlechtstypisch zu färben und zu beeinflussen? Um dies zu verstehen, müssen mehrere Ebenen bedacht werden: wie die Geschlechterordnung als politische und soziale Ordnung mit dem Denken einer Gesellschaft über sich selbst und ihr Menschenbild zusammenhängt; wie diese Geschlechterordnung in den Theoriekonzepten der Erziehungswissenschaft ihre Spuren hinterlassen hat; und wie das pädagogische Handeln mit seinen geschlechtstypisierenden Aspekten auf diesem Hintergrund verstanden werden kann. Das Buch geht in einem Dreischritt vor: Nach einer Bestandsaufnahme geschlechtstypischer Auffälligkeiten werden theoretische Grundlagen des Denkens über Geschlecht vorgestellt und zuletzt pädagogische Erwägungen zum Verhältnis von Geschlecht und Erziehung in Familien und Institutionen diskutiert.

PD Dr. Barbara Rendtorff lehrt an der Universität zu Köln mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik.

Produktinformationen

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Erziehung und Geschlecht

Teil II - Theoretische Grundlagen

Kap. 3 Geschlechterdimensionen in der erziehungswissenschaftlichen Theoriegeschichte

1. Weiblichkeit und Männlichkeit

2. Erziehung und Bildung - Mutter und Vater

3. Konsequenzen und weiterführende Überlegungen

Kap. 4 Die Bedeutung von Geschlecht

1. Theoriebezüge - soziologische und psychoanalytische Orientierungen

2. "sex" und "gender", Konstruktion und Phänomen

3. Die Geschlechterordnung und ihre Bedeutung

4. Differenz und Differenzen
Kapitel 3
Geschlechterdimensionen in der erziehungswissenschaftlichen Theoriegeschichte

1. Weiblichkeit und Männlichkeit

Historisch betrachtet ist die prominenteste Bezugsdisziplin der Erziehungswissenschaft natürlich die Philosophie, und darin v.a. die klassischen Teilbereiche der Erkenntnistheorie (Wie ist Erkenntnis möglich?), der Anthropologie (Was ist der Mensch?) und der Ethik (der Wissenschaft vom moralischen Handeln bzw. dem sittlichen Wollen der Menschen). Bevor sich die Pädagogik als eine eigenständige Wissenschaft etabliert hatte, gehörte sie als (gewissermaßen anwendungsbezogenes) Themengebiet zur Philosophie. Als eigenständige wissenschaftliche Denkweise über menschliche Entwicklung, Erziehung und die gesellschaftlichen Aufgaben des Einzelnen im Verhältnis zu Gemeinschaft und Staat entwickelt sie sich im Kontext der philosophischen Debatten über Aufklärung und die Französische Revolution mit ihren Reflexionen über die Art des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. Von hier aus zeigt sich schon, dass der Blick auf Geschlechterunterschiede in der Erziehung vor allem von dem unterschiedlichen Platz von Frauen in der Gesellschaft abgeleitet wird. Nach meinem Eindruck ist die anthropologische Begründung dieser Unterschiede eher eine Sekundärbildung - im Vordergrund steht die Art der Teilhabe am Staat und dem öffentlichen bürgerlichen Leben. Aus dieser Positionierung wird dann aber - und zwar m.E. bei allen Autoren - eine Naturanlage, ein weiblicher Charakter abgeleitet, der wiederum die Positionierung der Frauen als angemessen erscheinen lässt. Dieser Vorgang wird in der Literatur oft als "Naturalisierung" bezeichnet. Das ist aber vielleicht ein wenig irreführend, denn man muss im Auge behalten, dass die Möglichkeit, Verhaltensweisen als Ausdruck von Habitualisierungen aufzufassen, erst relativ jung ist und überhaupt erst mit der Aufklärung entstanden ist, die erst den Menschen als aus der Natur 'herausgetreten' auffassen und Geschichte und Gesellschaft als von Menschen gemacht, folglich beeinflussbar und planbar begreifen kann.

Den ersten großen Einfluss auch auf die Theoriebildung im deutschsprachigen Raum hatte hier sicherlich Jean-Jacques Rousseau zu verzeichnen, der dieses Verhältnis vor allem in seiner 1762 erschienen Schrift "Der Gesellschaftsvertrag oder die Prinzipien des Staatsrechts" diskutiert: "Alles Unwesentliche weggelassen, lässt sich der Gesellschaftsvertrag auf folgende Begriffe zurückführen: jeder von uns unterstellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft (puissance) der höchsten Leitung des Gemeinwillens (volonté générale), und wir empfangen als Körper jedes Glied als unzertrennlichen Teil des Ganzen " (zit. bei: Menck 1993, 129f.). Dieses Konzept, das aus der Bindung aller an das Gesetz die Freiheit aller entstehen lässt, setzt allerdings eine bürgerliche Gemeinschaft voraus, in der Besitzverhältnisse und Interessenlagen relativ gleich verteilt sind. Und so ist auch in Rousseaus unbestreitbar bekanntestem Werk "Emile. Oder über die Erziehung" (1762) das bürgerliche Umfeld eine unausgesprochene Bedingung: finanzielle Verhältnisse, in denen sich die Familie Erzieher und Gärtner usw. leisten kann, Freisetzen des Kindes von der Mitarbeit im elterlichen Gewerbe, Mittel für Bildungsreisen

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