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Einmal und nie wieder Lebenserinnerungen von Lessing, Theodor (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.03.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Einmal und nie wieder

Theodor Lessing (8.2.1872 - 31.8.1933) war ein deutsch-jüdischer Philosoph und politischer Publizist. Theodor Lessing (8.2.1872 - 31.8.1933) war ein deutsch-jüdischer Philosoph und politischer Publizist.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 552
    Erscheinungsdatum: 29.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783839113806
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 968 kBytes
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Einmal und nie wieder

Vorrede

Am Ende eines Lebens, das manche Länder gesehen, viel Menschliches durchdacht und viele Nöte, innere wie äußere, bestanden hat, am Ende eines tätigen Lebens, mit Narben bedeckt, wie kaum ein zweites, am Ende eines bewährten, erprobten Lebens also, darf ich schwerlich mehr erwarten, dass die Herausgabe von "Denkwürdigkeiten" am persönlichen Schicksal ihres Verfassers oder an den Vorurteilen der Mitwelt etwas ändern werde. Außer dass man vielleicht, mehr als schon zuvor, geneigt sein wird, einen unbequemen Zeitgenossen totzuschweigen und seine Schriften vorsichtiger zu tadeln, unverbindlicher zu loben, falls Lob und Tadel eben unvermeidlich würden.

Aber die Blätter dieses Buches sind nicht für Mitlebende und nicht in Hinblick auf die Gegenwart geschrieben worden. Sondern, wenn ich beim Schreiben je an Leser gedacht habe, so dachte ich an ferne Enkel und Urenkel oder an einen kleinen Kreis von Eingeweihten und Kennern. Wenig aber bekümmerte mich die sogenannte Weltgeschichte, dieser Totentanz der Machtwechselzufälle, dieser Ozean von Blut, Galle, Schweiß und Tränen und am wenigsten die unergründliche Dummheit der deutschen Zeitereignisse, von welchen ich so viele lehrreiche Proben miterlebt und vor Augen gehabt habe: Einen Bildersaal voll von Betrügern und Betrogenen, geltenden Strohpuppen, brüllenden Bullen, hohlen Nichtswissern. Überspannte unmenschliche Gesichter, die an mir, wie einst an den meinem Wege voranschreitenden Meistern, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, keine Vaterlandsschwärmer erzogen haben; haben wir uns doch zu oft schämen müssen, Deutsche zu sein.

Ich warf eine einsame Flaschenpost in das unermessliche Dunkel. Und selbst wenn sie nicht diejenigen Seelen erreicht haben sollte, für welche sie bestimmt gewesen ist, so darf ich wenigstens mit dem Spruche mich getrösten, den ich meiner Jugend der geliebteste Lehrer mir auf den Weg gab:

"Was du dir selber in dir selbst gewesen,
Das hat kein Buch gesagt, kein Freund gelesen."

Indes auch dann, wenn mein Glaube ein Wahn gewesen sein sollte, der Glaube, dass in hundert Jahren eine neue Jugend auf meinen Spuren wandern und meine Schriften suchen wird, ja wenn meine gesamte geistige Nachlassenschaft spurlos dahinschwinden sollte ("Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" - "Untergang der Erde am Geist" - "Wertaxiomatik" - "Philosophie als Tat" - "Naturtrilogie") - nun! so wird das hier vorliegende Buch zum mindesten fortdauern als eine einzigartige Geschichtsquelle für das Leben erfolgreicherer Zeitgenossen: für die Frühzeit von Stefan George, Max Scheler, Georg Simmel, vor allem aber für den Werdegang von Ludwig Klages, dessen Jugendgeschichte ich mitschreiben musste, wenn ich die meine schreiben wollte.

Wer je den Versuch gemacht hat, die wichtigsten Ereignisse seiner Tage zu Papier zu bringen, der muss mit Verwunderung entdecken, wie ungewiss, ja wie zweifelhaft alle Historik und Biographik ist, die nicht nur das Vergangene nach Lagen und Zuständen aus den Grüften hervorruft, sondern auch verwehte Worte neu tönen macht, ja sogar zu wissen scheint, ob zu jenen Worten von einst der Mond leuchtete oder die Sonne, ob die Amsel sang und welcher Wind die Rosenhecken durchwühlte; indes doch schon die einfache Selbstbeobachtung klar zeigt, dass wo immer wir erleiden und erleben, wir überhaupt nicht von Umwelt und Begleitumständen wissen, dass aber, indem wir beobachten und Wahrnehmungen feststellen, wir schon aus dem Element des Erlebens herausgetreten sind, weil ein Ergriffener nicht begreift und weil niemand zugleich sein kann die Harfe, darauf die Natur spielt und der Künstler, der die Harfe meistert. Ich habe diese Denkwürdigkeiten im Laufe von zwanzig Jahren (1912 bis 1932) dreimal vollständig neu geschrieben. Und habe dreimal sie vernichtet, immer in dem selben selbstquälerischen Zweifel, nicht unpersönlich, nicht redlich genug verfahren zu können. Sondern entweder übertreibend ode

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