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Ich hatte gehofft, wir können fliegen Die Geschichte einer tragischen Flucht im Frühling 1989 von Labusch, Caroline (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.05.2019
  • Verlag: Penguin Verlag
eBook (ePUB)
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Ich hatte gehofft, wir können fliegen

Ostberlin im Frühjahr 1989: Ein junges Paar will fliehen. Der Ingenieur Winfried Freudenberg und seine Frau, eine Chemikerin, fassen einen abenteuerlichen Plan - in einem selbst gebauten Ballon wollen sie über die Mauer in den Westen fliegen. In einer kalten Neumondnacht brechen sie auf. Am nächsten Morgen findet die Westberliner Polizei in einem Villengarten die Leiche des Mannes. Todesursache: Sturz aus großer Höhe. Von der Frau fehlt jede Spur. Die Ermittlungsbehörden auf beiden Seiten der Mauer stehen vor einem Rätsel. Was ist in jener Nacht geschehen? 25 Jahre später wird die Autorin Caroline Labusch von einem Freund auf diesen wahren Fall aufmerksam gemacht. Gemeinsam begeben sie sich auf die Spuren des letzten Berliner Mauertoten. Dabei stoßen sie auf die bewegende Liebesgeschichte eines ungleichen Paars. Das Buch enthält zahlreiche Farbfotografien. Nach ihrem Studium der Soziologie, Bildenden Kunst und Fotografie arbeitete Caroline Labusch viele Jahre als Drehbuchautorin, Konzepterin und Evaluatorin für TV-Produktionen. Heute lebt sie als freie Autorin und Künstlerin in Berlin. Die aufwendigen Recherchen zum Fall des letzten Mauertoten Winfried Freudenberg begannen im Rahmen einer Theaterproduktion des !KF Berlin, die 2016 mit dem "RBB Kulturradio" für ein preisgekröntes Hörspiel adaptiert wurde.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 13.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641240394
    Verlag: Penguin Verlag
    Serie: Penguin Taschenbuch 10411
    Größe: 9049 kBytes
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Ich hatte gehofft, wir können fliegen

2

Ein Mann fällt vom Himmel

Mai. Es ist einer dieser ersten warmen Tage, die man im April so sehnsüchtig vermisst. Ich fädele mein wendiges neues Klapprad durch den Feierabendverkehr in der Friedrichstraße, radle mit geradezu ignoranter Selbstverständlichkeit von Ost-Berlin nach West-Berlin, am Kanzleramt vorbei zur Straße des 17. Juni, durchkreuze den zart blühenden Tiergarten zwischen Joggern, Strichern, Obdachlosen, Studenten und fröhlichen Großfamilien zum Zoo rüber, wo mir träge Linienbusse den Weg nach Wilmersdorf versperren.

Ernst will etwas mit mir besprechen. Bei sich zu Hause. Es gehe weder um ihn noch um mich.

Wir treffen uns selten. Unsere Freundschaft ist eine Reliquie aus den Wendejahren. Damals waren wir beide unlängst nach Berlin-Mitte gezogen - ich aus Niedersachsen, er aus West-Berlin. Neue Wessis im wilden Osten: selbst ernannte Lifestyle-Pioniere, die DDR -Möbel von den Sperrmüllbergen zerrten, um ihre WG -Küchen damit einzurichten. Morgens im Bademantel zum Bäcker; DDR -Münztelefone knacken und Ferngespräche nach Amerika führen; Cocktails trinken in Kellerbars unter Ruinen - ich im Secondhand-Lackmantel, Schlaghosen zu goldenen Sandalen; Ernst, als Wirtschaftsstudent, damals schon im Anzug. Für billige Mieten und das Aufbruch-Ost-Gefühl nahmen wir lange Wege zur Uni, zum Arzt oder Supermarkt in Kauf. Mehr Freiheitsgefühl ging nicht.

Die Stadt veränderte sich rasant: Lenin wurde in Friedrichshain geköpft, aus Filterkaffee wurde Cappuccino, aus dem staubigen Kohleofen eine knackende Zentralheizung.

Ernst wohnt längst wieder im Westteil der Stadt, wo er als Partner einer großen Beraterfirma arbeitet. Ich blieb dem Künstlerleben im metamorphischen Ost-Berliner Zentrum treu, blicke heute aus dem Küchenfenster meiner sanierten Altbauwohnung auf unbewohnte Luxus-Penthäuser und kann auf der anderen Seite zuschauen, wie sich uniformierte Privatschulkinder auf dem Spielplatz die Knie aufschlagen. Keine Spur mehr vom "Berlin, Hauptstadt der DDR ".

"Du bist zu spät ..."

Angedeutete Küsse links, rechts. Ernst, in dunkler Anzughose zum gebügelten weißen Hemd, macht sich hervorragend vor der groß gemusterten Edeltapete im Wohnzimmer. Stünde da nicht wandfüllend das vollgestopfte Bücherregal und wüsste ich nicht, dass hinter dem Wohnzimmer eine selbst gebaute Küche liegt, in der ich schon Krümel gesehen habe, wäre mir Ernst suspekt. Die Krawatte hat er für mich abgelegt.

"'tschuldigung", sage ich. "Die Busse in der Kantstraße ..."

Faule Ausrede. Er überspringt sowieso den Small Talk, holt alkoholfreies Bier aus der Küche und will, dass ich mich gleich an den großen Tisch im Wohnzimmer setze, wo eine verblichene Schnappgummi-Mappe bereitliegt.

"Ich hab eine Geschichte gefunden", sagt er. "In meiner Schublade."

Er öffnet die Mappe mit Samtfingern und schiebt sie zu mir rüber.

"Vorsicht ..."

Frechheit.

"... die bröseln schon."

In der Mappe liegt ein Stapel vergilbter Zeitungsseiten, obenauf eine B.Z. vom 9. März 1989. Ich falte sie vorsichtig auseinander:

Der Ballontote!

"Da geht's um eine Flucht. März 89. Ahnte man damals nicht, aber das war der letzte Berliner Mauertote. Du wirst den nicht erinnern."

"Nie gehört."

Es gab eine Familie in den Siebzigern, auch im Ballon geflohen. Mit Kindern in meinem Alter. Das weiß ich noch. Ich mochte den bunten Stoff, aus dem er genäht war. Und das Happy End. Ernst breitet die Artikel auf dem Tisch aus:

"Dieser Mann hatte es in der Nacht vom 7. auf den 8. März 1989 in seinem selbst gebauten Ballon über die Mauer geschafft. Erst mal unbemerkt. Der muss über die ganze Stadt gefahren sein. Und dann ist er abgestürzt. Das war's. Acht Monate vor Mauerfall."

"Tragisch", sage ich, obwohl ich das nicht empfinde. Zu we

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