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Jahrgang 1936 Spurensuche in einer bösen Zeit von Strehl, Reinhard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.07.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Jahrgang 1936

Der Autor, Jahrgang 1936, beschreibt in anschaulichen Bildern seine Kindheit als Sohn eines NSDAP-Ortsgruppenleiters in Wittenberg und seine Jugendjahre während der frühen Adenauer-Zeit im katholischen Aachen. Was geschah in jenem bösen November 1938 in Wittenberg? Und wie kann man - nicht zuletzt dank klugen Lehrern - frei werden von der Enge eines Elternhauses, das die Denkmuster des Dritten Reiches nie überwunden hat?

Reinhard Strehl studierte Musik und Mathematik und war nach Promotion sowie einer Zeit im Schuldienst Professor für Didaktik der Mathematik in Freiburg, Berlin und Lüneburg. Er war Stipendiat des Evangelischen Studienwerks, gehörte der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche an und ist seit 1970 Mitglied der SPD.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 180
    Erscheinungsdatum: 04.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783741257780
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 516kBytes
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Jahrgang 1936

Krieg und erste Flucht

Von den Luftangriffen der Alliierten war Wittenberg nicht betroffen. Nur ganz vereinzelt fiel eine Bombe in die Stadt, wenn ein verirrtes Flugzeug, vielleicht vom Einsatz über Berlin zurückkehrend noch restliche "Last" abwarf. Ein Haus in unserer Straße, schräg gegenüber, war ausgebrannt, und ich hatte es nicht einmal bemerkt. Wir Kinder kletterten verbotenerweise in der Ruine herum, doch ich war ängstlich und traute mich nicht über die halb erhaltenen Treppen in die oberen Etagen.

Restlos zerstört war der Bahnhof, denn der war als wichtiger Verkehrsknotenpunkt am Elbübergang auf der Strecke Leipzig-Berlin ein Ziel der Bomber. Doch der Bahnhof lag weit außerhalb. Schon bis zur Luther-Eiche war es für mich ein weiter Weg. - Ich mochte den knorrigen Baum mit dem ruhigen kleinen Platz mit zwei oder drei Parkbänken, eingefasst von einer niedrigen Natursteinmauer. Was Luther hier getan hatte oder getan haben soll, war mir durchaus schon bekannt, auch wenn ich seine Bedeutung nicht verstand. Alles "Heldenhafte" wurde bei uns in Ehren gehalten. - Bald danach kam eine mächtige Unterführung, und dann lief die Straße noch lange immer den Bahngleisen entlang gerade auf den Bahnhof zu. Dort war kaum ein Stein auf dem anderen geblieben, aber die Stadt, das historische Wittenberg, blieb verschont.

Ziele waren auch die chemische Industrie auf der anderen Elbseite und die Wittenberger Arado-Flugzeugwerke. Die waren aber weit vom Zentrum der Stadt entfernt, und man sprach nicht viel von ihnen, vielleicht weil dort in großer Zahl Zwangsarbeiter für die deutsche Luftwaffe eingesetzt wurden. Vielleicht aber war das der Ort, wo ich gelegentlich im Dunkeln jene sonderbaren "Weihnachtsbäume" am schwarzen Himmel gesehen habe, Leuchtraketen am unsichtbaren Fallschirm, die den angreifenden Flugzeugen als Zielmarkierung dienten.

Und doch habe ich als vier- bis achtjähriges Kind sehr unmittelbar den Wahnsinn dieser Zeit erlebt - wenn auch mit glücklichem Ende für mich. Nacht für Nacht wurde ich geweckt, und ging in den zum provisorischen Bunker ausgebauten Keller. Alles war verdunkelt. Ich kannte gut das Motorengeräusch der anfliegenden Bombergeschwader. Sie waren auf dem Weg nach Berlin, und der ging über Wittenberg. Anfangs hörte man noch die Salven der FlaK, und ich wusste als kleiner Junge natürlich auch schon, dass das "Flugabwehrkanone" heißt und war stolz darauf. Dass die Firma Krupp, Zierde auch unserer heutigen Industrie, von dieser schon bei Ende des ersten Weltkriegs entwickelten, danach am Verbot der Siegermächte vorbei weiterentwickelten Waffe bis zum Ende des Dritten Reichs mehr als 20.000 Stück produziert hat, konnte ich natürlich nicht wissen. Die Luftabwehr ließ im Laufe der Zeit immer mehr nach, das Brummen der Bomber blieb.

Der Keller des Hauses hatte keine gegossene Sohle, wie es heute selbstverständlich ist. Es gab nur ein Streifenfundament unter den tragenden Wänden des Hauses. Der Boden fest gestampftes Erdreich, die Keller der einzelnen Wohnungen durch Lattenwände voneinander abgetrennt. So kam etwas Licht von den kleinen Kellerfenstern, durch die Kartoffeln und Kohlen angeliefert wurden, auch bis in den Mittelgang zwischen den Kellern. Am Ende dieses Ganges, zum Nachbarhaus hin lag der große, durch zusätzliche Balken besonders gesicherte, gemeinsame Luftschutzraum für das ganze Haus, der auch einen Licht- und Luftschacht zur Hofseite hatte und vor allem einen "Durchbruch" zum Nachbarhaus. Das war eine dünne Stelle in der Trennwand zum ebenso gebauten Nachbarhaus, brandsicher zwar, aber so dünn, dass man mit einem schweren Hammer leicht einen Fluchtweg zum Nachbarhaus schaffen konnte, falls bei einem Bombenangriff die Ausgänge des eigenen Hauses durch Einsturz oder Brand versperrt wären. In allen deutschen Städten war das so während des Bombenkrieges, und jedes kleine Kind wusste das. Der schwere Hammer lag bereit, und auch wir Kinder hatten einmal pr

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