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Karl Marx beim Barbier Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs von Wittstock, Uwe (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.03.2018
  • Verlag: Blessing
eBook (ePUB)
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Karl Marx beim Barbier

Am 18. Februar 1882 besteigt Karl Marx in Marseille den Dampfer "Said" und verlässt zum ersten Mal in seinem Leben Europa. Am Kai von Algier nimmt ihn Albert Fermé in Empfang, der sich in der Pariser Kommune engagiert hatte. Doch an politische Kämpfe ist für Marx nicht mehr zu denken. Den Tod seiner Frau Jenny drei Monate zuvor hat er nicht verwunden, und das wärmere Klima kann seine chronische Rippenfellentzündung nicht kurieren. Karl Marx lässt sich ein letztes Mal fotografieren, bevor er beim Barbier Haarpracht und Bart opfert. Ein Akt, der ihm selbst beinahe symbolisch vorkommt. Seine größte Sorge gilt dem Wohlergehen seiner Töchter. Während er die Eindrücke einer ihm ganz neuen Kultur auf sich wirken lässt, zieht er unsentimental eine Art Resümee seines Lebens und Wirkens: der liberale Vater mit jüdischen Wurzeln, die wilden Studienjahre in Bonn und Berlin, seine frühen poetischen Ambitionen, seine seltsam bremsende Rolle im Revolutionsjahr 1848, dann das ewige Exil, die Zumutungen der Armut. Der renommierte Autor Uwe Wittstock erzählt eine bisher wenig beachtete Episode des späten Karl Marx und beleuchtet aus ihr heraus das Leben und Wirken dieses großen, aber auch zutiefst widersprüchlichen Geistes. Uwe Wittstock, 1955 in Leipzig geboren, war von 1980 bis 1989 unter der Ägide von Marcel Reich-Ranicki Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 1989 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für Journalismus ausgezeichnet. Anschließend war er Lektor im S. Fischer Verlag und Kulturkorrespondent der Welt. 2005 veröffentlichte er eine viel gelobte Marcel-Reich-Ranicki-Biografie, die er 2015 aktualisiert und erweitert neu herausbrachte (beide im Blessing Verlag). Von 2010-2017 war er Literaturredakteur des Nachrichtenmagazins Focus. 2018 erschien seine biographische Studie 'Karl Marx beim Barbier: Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 05.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641220112
    Verlag: Blessing
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Karl Marx beim Barbier

Algier I: Kalte Stadt

A ls das Dröhnen der Maschine nachließ, atmete er auf. Aber die Dunkelheit blieb undurchdringlich. Es war kalt in der Kabine, von der Wärme Afrikas war nichts zu spüren. Wie schon in der Nacht zuvor hatte er kaum geschlafen, der Lärm aus dem Kesselraum war diabolisch, dazu der Wind, der Seegang und immer wieder sein störrischer Husten. Einen Schlaf, der dieses Wort verdiente, hatte er zum letzten Mal vor vier Tagen finden können, bevor er den Zug nach Marseille bestieg.

Er blieb in seiner Koje liegen, er wollte erst an Deck, wenn es hell wurde. Das Rumoren auf der Said , die Geräusche aus dem Laderaum, die Schritte, die Rufe drangen nur gedämpft zu ihm. Das Schiff wiegte sich kaum merklich, es war halb vier Uhr morgens. Aber er würde jetzt nicht mehr einschlafen. Die Gedanken an seine Frau und der Husten ließen ihn nicht los. Er konnte nur warten.

Als sich das erste graue Tageslicht hinter seiner Luke zeigte, stand er auf, zog sich an, wählte, verfroren, wie er war, die Kleider, die er auch in England getragen hatte, samt seinem Rhinozerosüberrock, den er gekauft hatte, um sich gegen den nassen Londoner Winter zu schützen. Sobald er vor die Kabinentür trat, drängten Männer laut rufend auf ihn zu, die vom Festland an Bord gekommen waren und sich in schwer verständlichem Französisch als Träger für sein Handgepäck anpriesen. Manche waren arabisch gekleidet, andere europäisch, aber die Armut war ihnen allen anzusehen. Nachdem er sich für einen der Helfer entschieden hatte, wandten sich die übrigen wortlos ab, um nach anderen Passagieren Ausschau zu halten, die ihre Dienste benötigen könnten.

Er hob den Blick und sah jenseits der Reling das Häusermeer Algiers die steile Küste hinaufsteigen. Schon der Uferboulevard, das Prunkstück der Stadt, an dem sich die Renommierbauten reihten, lag erheblich höher als der Strand und war vom Hafen aus nur über Treppen oder eine lange Rampe zu erreichen. Das Häusergewirr dahinter dämmerte noch unter einem feinen Dunstschleier. Keine Kuppeln oder Türme waren auszumachen, nur verschachtelte, kreideweiße Kästen schoben sich ineinander wie ein Haufen Bauklötze, alle flach, nirgends ein Spitzdach, meist auch ohne Fenster, nur mit vergitterten Löchern in den Mauern. Im diesigen Morgenlicht wirkte der obere Teil der Stadt wie ein Kalkfelsen, wie ein riesiger, von wenig Palmengrün belebter Steinbruch. Algier, die weiße Stadt. Darüber breitete sich der Schattenriss eines mächtigen Höhenzugs aus. Auf den höchsten Gipfeln waren schmutzig weiße Flecken zu sehen, dort schien Schnee zu liegen.

Im Durcheinander auf Deck entdeckte er Lieutenant Macé, den Kommandanten der Said , der Frau und Kind mit an Bord hatte. Während der Überfahrt waren sie miteinander ins Gespräch gekommen, er mochte den Kapitän, also ging er auf ihn zu, um sich mit ein paar Worten zu verabschieden. Danach folgte er seinem Träger zum Fallreep. Der Tiefgang der Said war zu groß, als dass sie direkt am Kai hätte anlegen können. Barken mit Ruderern umschwärmten das Schiff, übernahmen Ladung, Gepäck oder Fahrgäste und setzten sie ans Ufer über.

Die Schiffstreppe war steil und feucht. Er griff zu dem Tau, das an der Bordwand hinablief. Von unten sah ihm der Ruderer entgegen, vor ihm tänzelte der Mann mit seinen Taschen hinunter, verstaute sie rasch in dem schwankenden Kahn, fasste dann nach seiner Hand und gab ihm Halt, als der heikle Schritt von der letzten Stufe ins Boot fällig wurde. Im Grunde war der Aufwand lächerlich, die beiden Männer brauchten nur ein paar Dutzend Ruderschläge, schon konnten sie vor dem Zollhaus festmachen, Taschen und Gast an Land setzen und die verdienten Münzen in Empfang nehmen.

Wieder drängten rufende und gestikulierende Männer auf ihn zu, die sich anboten, ihm beim Zoll behilflich zu sein und sein Gepäck die Treppen hinauf zur Promenade und in die Stadt zu bringen, zu seinem

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