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Mutanfall Mein Leben ohne Ernst von Marti, Lisa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2016
  • Verlag: Wörterseh Verlag
eBook (PDF)
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Mutanfall

In ihrem Buch 'Mutanfall' blickt die Glarnerin Lisa Marti auf ein Leben zurück, das spannender und tragischer, letztlich aber auch optimistischer und zufriedener nicht sein könnte. Unterstützt von der Ghostwriterin Franziska K. Müller, erzählt sie von ihrem immensen Verlust, als ihr Mann Ernst spurlos verschwindet, von großer Einsamkeit, tiefster Verzweiflung und einer bis heute brennenden Ungewissheit über seinen Verbleib. Sie erzählt aber auch von einem dunklen Kapitel Schweizer Geschichte, das sie am eigenen Leib erfahren musste - dem Verdingkindwesen. Und davon, wie sie zum Leben zurückfand. Lisa Martis heutiger Zufriedenheit und Strahlkraft liegt eine Selbstbefreiung zugrunde, die für eine Frau ihrer Generation nicht selbstverständlich ist. Lisas Geschichte berührt und wühlt auf und - sie macht Mut. Mut, sich seinem Schicksal zu stellen. Mut, weiterzumachen. Mut, erneut glücklich zu werden. Lisa Marti, geb. 1933, wuchs im Emmental auf. Als sie vier Jahre alt war, starb ihr Vater. Vom reichen Großvater verstoßen, wurde sie verdingt. Die Jahre bis zu ihrer Volljährigkeit waren geprägt von Schmerz, Einsamkeit und der Entschlossenheit, später ein freies und großzügiges Leben führen zu wollen. 23-jährig heiratete sie Ernst und wurde Mutter von drei Kindern. Als ihr Mann in einer Winternacht 1975 spurlos verschwand und später für tot erklärt wurde, stand sie vor dem Nichts und rappelte sich - ganz Lisa - wieder auf. Mutig begann sie ihre Träume zu realisieren. Aus der ehemaligen Magd wurde eine erfolgreiche Unternehmerin, aus der braven Glarner Hausfrau eine weit gereiste Abenteurerin, die bei der Königsfamilie von Bhutan ein- und ausgeht, unzählige Hilfsprojekte unterstützt und Berggipfel erstürmt. Lisa fand den Mut, sich nochmals zu verlieben. In einen viel jüngeren Fremdenlegionär. Aber Ernst vergaß sie nie. Er bleibt, wie sie heute sagt, spürbar vorhanden.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 01.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783037635582
    Verlag: Wörterseh Verlag
    Größe: 878 kBytes
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Mutanfall

Schwimmen lernen

Ich lief den Weg zurück, den ich mit meiner Mutter vor zwölf Jahren gegangen war, stand auf einer fremden Straße und gelangte zum Bahnhof. Die Zugreise war ein Abenteuer, von dem ich nicht genau wusste, wie es funktionierte, jedoch, wohin es mich führen würde: ins Welschland. Auf den nächsten Hof. Dort hatte ich mir einen einjährigen Aufenthalt organisiert. Der Genfersee lag als kaltblaue Eisenplatte vor mir, die bald berglose und blasse Weite riesiger Ackerbauflächen irritierte mich, ebenso wie ein elegant gekleideter Herr, der im Abteil saß, eine Zigarette rauchte, die er einer silbernen Schachtel mit eingraviertem Monogramm entnahm, und mich mit "Mademoiselle" ansprach. Ich blickte wortlos und ohne Zeitgefühl in die fremde Landschaft, stieg in den frühen Abendstunden aus und gelangte nach einem längeren Fußmarsch zu einem gedehnten Gebäude mit modernen Stallungen. Mein neues Zuhause. Ich war für den umfangreichen Haushalt zuständig und wurde im Spätherbst den Erntearbeiten in den Weinbergen zugeteilt. Die anderen Arbeiter beklagten während der Pflückarbeit im Schatten blättriger Reben die Hitze und die langen Arbeitsstunden, die schmerzenden Knochen, den kargen Lohn.

Ich wusste zwar nicht, was Ferien sind, aber die Monate in der französischen Schweiz kamen mir unbeschwert und geruhsam vor. Genau genommen, herrschten paradiesische Zustände: Ich verdiente fünfzig Franken pro Monat, hatte am Abend und an den Wochenenden freie Stunden zur Verfügung, musste keine Schläge und Bösartigkeiten fürchten. Das Leben war unerwartet schön und verheißungsvoll. In meiner mitgebrachten Sparbüchse klimperten die von meinem Patenonkel geschickten weihnachtlichen Fünfliber, die ich jahrelang gespart hatte, und so beschloss ich bereits am ersten Sonntag einen Ausflug nach Morges.

Elegante Stadthäuser reihten sich aneinander, sogar das Kopfsteinpflaster war sauber, hin und wieder fuhr ein glänzendes Automobil an mir vorbei, dem auch die flanierenden Passanten nachblickten. Die Frauen trugen Glockenröcke, ondulierte Frisuren, rote Lippen und spitzes Schuhwerk. Lachend hakten sie sich bei jungen Männern ein, an denen alles schmal und blass schien: Anzüge, Schuhe, Silhouette, Gesichtszüge. Aus einer schweigsamen bäuerischen Welt stammend, in der bereits der Neuanstrich eines Fuhrwerkes als unanständige Eitelkeit galt, erschien mir das städtische Treiben unwirklich und exotisch. Die extrovertierte Lebensart ließ sich nicht deuten, ahnungslos und unbedarft, wusste ich nicht einmal, was mir an Erlebnissen zustehen könnte, und konkrete Wünsche hegte ich bis auf einen einzigen – schwimmen lernen – keine.

Den Blick ließ ich in den Auslagen der Schaufenster ruhen: Seidentücher in allen Farben. Bunte Plastikketten und Ringe. Sonnenbrillen. Elektrische Bügeleisen. Zwischen weichledrigen Pumps und purpurfarbenen Pantöffelchen entdeckte ich weiße Riemchensandaletten mit dünnen Sohlen. Ich entschied, meinen ersten Lohn in die exorbitant teuren Sommerschuhe zu investieren, die knapp fünfzig Franken kosteten.

Eine halbe Stunde später stand ich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Konditorei: Puppenhausmobiliar und Porzellangeschirr. Spitzenpapier. Goldfarbene Schriftzüge. Geschliffene Spiegel. Das hübsche Verkaufspersonal trug gerüschte Halbschürzen und farblich assortierte Häubchen. In unserer Dorfbäckerei hatte es Frau Bolliger gegeben. Ein Küchentuch am massigen Leib befestigt, verkaufte sie drei verschiedene Sorten Brot, Paniermehl und für die Verschwendungssüchtigen mit Hagelzucker bestreute Bu

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