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Rudi und ich von Dutschke, Hosea (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.10.2013
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Rudi und ich

"Ich komme mit einem Schrei zur Welt. Im selben Moment wird mein Vater mit einem Stock niedergeschlagen, einem kräftigen Stock, aus einem alten, schweren Stück Eiche gedrechselt." Rudi Dutschke war eine Ikone der deutschen Studentenbewegung. Aber auch als Vater war er außergewöhnlich. In diesem Buch wagt sein Sohn Hosea eine sehr persönliche Annäherung. Er erzählt von seiner Zeit mit Rudi Dutschke, von der Trauer über dessen Tod und vom Versuch, seinen eigenen Weg zu finden. Hosea Dutschke wurde 1968 in Berlin geboren. Er studierte u.a. Politologie an der FU Berlin und lebt heute mit seiner Familie als Verwaltungsdirektor für Pflege und Gesundheit in Aarhus, Dänemark.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 18.10.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843706261
    Verlag: Ullstein
    Größe: 4876 kBytes
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Rudi und ich

Die Reise

Auf dem Gymnasium habe ich die Odyssee gelesen. Der Krieger Odysseus gebraucht Trug und List, bricht Versprechen und beschließt sein Leben dennoch als größter Held aller Zeiten. Er überwindet alle Gefahren, bis er schließlich nach einer heroischen Irrfahrt durch die ganze bekannte Welt nach zehn Jahren heimkehrt. Er tötet alle Freier seiner Gattin Penelope, wirft sich in ihre Arme und lebt glücklich bis ans Ende seiner Tage. Satt an Jahren scheidet er aus der Welt. Satt. Und mit sich selbst im Reinen, klingt sein Leben sanft aus. Sanft.

Es ist einer dieser Tage, an denen ich zu nichts Lust habe. An denen ich mich nach dem Aufwachen nur wieder im Bett umdrehen und mich unter der Decke verkriechen möchte. Ich bin teilnahmslos. Wie im Koma. Schwermütig. Meine körperliche Hülle ist da, aber meine Seele hat Schutz gesucht. Wie ein Wesen ohne Kraft stehe ich auf. Faul. Nehme mir etwas zu essen - Milchbrötchen, Butter und Käse. Ich kaue stumpf drauflos.

Ich bin traurig, allein und verkrieche mich wieder unter der Decke, ja, wühle mich geradezu in sie hinein. Suche Geborgenheit. Meine Seele igelt sich ein. Der Mittagsdämon hat Besitz von mir ergriffen. Ich starre apathisch ins Zimmer. Es ist ein geistiger Verfall, ein Defekt. Meine Gedanken sind versunken, als hätte es sie nie gegeben.

Beherrsche deinen Leib. Beherrsche deinen Leib. Bewahre deine Seele gut. Ehre deinen Leib. Die Augen sind der Spiegel der Seele. Die Entscheidung liegt im Bewusstsein.

Der freie Wille will mehr. Er will Entscheidungen, die nicht schon im Voraus getroffen wurden. Aber gibt es ein sicheres Wissen, das nicht schon im Voraus entschieden wurde?

Eines weiß ich - das ich ein Zweifler bin. Was bin ich? Als was bin ich? Als ein denkendes Ding? Ein erlebendes Wesen? Ein Subjekt des Bewusstseins?

Ich weiß nicht, ob ich nur träume. Oder ist es Wirklichkeit? Während wir träumen, ist uns nicht bewusst, dass wir träumen.

Wo sind meine Gedanken verortet? Ich kann meine Gedanken mit niemandem teilen. Sie sind streng privat. An keinen Raum gebunden. Sind nur in mir. Ich bin eine Synthese aus Körper und Seele, aus Materie und Geist.

Ich bin ein Inneres. Ich bin ein Äußeres. Eine seelische Realität korreliert mit einer körperlichen. Aber wie können sie in Wechselwirkung zueinander treten?

Die Wirklichkeit, in der ich mich befinde, ist eine gesellschaftliche Konstruktion. In ihr befinde ich mich.

Die Sprache lässt mich werden, während ich spreche, und während ich spreche, bin ich.

Berlin, 1968

Meine Reise beginnt schon im Krankenhaus. Ich liege auf dem kalten Boden. Der Kopf meines Vaters ist rundum bandagiert und an Schläuche angeschlossen. Die Haare fallen ihm nicht mehr ins Gesicht. Nur die Apparate sind im Zimmer zu hören. Laufend wird sein Herzrhythmus gemessen. Er ist schwach. Er liegt im Koma.

Ich liege auf dem Bauch. Stärke meine Nacken- und Rückenmuskulatur und trainiere meinen Gleichgewichtssinn. Ich sehe, sehe immer mehr. Meine Mutter sitzt neben mir und beugt und streckt meine Arme, Beine und Finger. Ich entspanne mich. Greife nach ihrem Finger. Lasse ihn wieder los.

Meine Reflexe funktionieren. Der Greifreflex. Der Saugreflex. Ich reagiere auf die Stimme meiner Mutter. Möchte gestillt werden. Sie stillt mich. Ich nehme das Geräusch ihres Herzschlags wahr. Drehe mich in seine Richtung. Ich sauge, bis ich satt bin. Stecke meine geballten Fäuste in den Mund und sauge an ihnen.

Ich sehe etwas. Stemme mich auf die Ellenbogen hoch. Verändere mich von Tag zu Tag. Bei meinem Vater verändert sich nichts. Er liegt im Koma. Ich sehe das Flimmern auf dem Bildschirm, verfolge die Kurve des Herzrhythmus, wende meinen Blick nicht davon ab, kann Umrisse erkennen und Farben voneinander unterscheiden. Ich will meinem Vater etwas sagen. Er sagt nichts.

Meine Mutter und ich können nicht mehr in unserer W

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