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WestEnd 2014/2: Neuroenhancement - Fantasien der Selbstoptimierung Neue Zeitschrift für Sozialforschung

  • Erscheinungsdatum: 06.11.2014
  • Verlag: Campus Verlag
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WestEnd 2014/2: Neuroenhancement - Fantasien der Selbstoptimierung

In Anlehnung an die berühmte "Zeitschrift für Sozialforschung" (1932 - 1941) verfolgt auch ihre seit 2004 halbjährlich erscheinende Nachfolgerin "WestEnd" den Anspruch einer kritischen Gesellschaftsanalyse. Zur Veröffentlichung kommen Aufsätze und Essays aus Soziologie, Philosophie, politischer Theorie, Ästhetik, Geschichte, Entwicklungspsychologie, Rechtswissenschaft und politischer Ökonomie. Neben den Rubriken "Studien" und "Eingriffe" behandelt jedes Heft ein Schwerpunktthema.
Die Debatte über "Neuroenhancement" offenbart sowohl eine Faszination für leistungssteigernde Medikamente wie Ritalin als auch eine Kritik an der Wachstumsdynamik unserer Zeit. Der Konsum von Substanzen, die Motivation und Wachheit steigern, ist eine verlockende Vorstellung, wenn Deadlines eingehalten werden müssen. Doch kaum jemand möchte in einer tablettenabhängigen Gesellschaft leben. Die aktuelle Ausgabe von "WestEnd" erörtert Fantasien der Selbstoptimierung sowie die Kritik an Neuroenhancement aus historischer, philosophischer und soziologischer Perspektive.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 166
    Erscheinungsdatum: 06.11.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593425696
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 1991 kBytes
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WestEnd 2014/2: Neuroenhancement - Fantasien der Selbstoptimierung

Talbot Brewer
Entfremdete Emotionen
Emotionen liefern uns das Material, das wir benötigen, um einen eigenen Bewertungsstandpunkt zu entwickeln.1 Drücken unsere Emotionen unsere jeweilige Haltung manchmal auch beredt und präzise aus, so wallen sie doch meistens auf nur halb artikulierte Weise in uns auf. In solchen Fällen stehen wir vor der Aufgabe, uns diese unfertige Haltung eindeutiger und transparenter zu machen. Emotionen stehen dabei in einer zweifachen Beziehung zum Selbst. Sie drücken seine präreflexive bewertende Haltung zur Welt aus und liefern unverzichtbares Rohmaterial für die lebenslange Aufgabe, diese erste Haltung zu einer reifen, differenzierten Perspektive auf die Werte auszuarbeiten, die in unseren sich verändernden Lebensumständen zum Tragen kommen.
Mein Ziel ist es, Wesen und Einsatz der Trennung des Selbst von seinen Emotionen zu beleuchten, zu der es kommt, wenn die Emotionen ihm als etwas Fremdes gegenüberstehen. Fremd können Emotionen entweder in einem objektiven oder einem subjektiven Sinn sein. Objektiv fremd sind sie, wenn sie nicht die Bewertungsperspektive der Person ausdrücken, in der sie entstehen, sondern die eines anderen. Subjektiv fremd sind sie, wenn die Person, in der sie entstehen, sich weigert, die darin implizierte Bewertungsperspektive als die eigene anzuerkennen. Wenngleich entfremdete Emotionen in vielen verschiedenen Kontexten auftreten können, werde ich mich besonders auf diejenigen konzentrieren, die durch Arbeit im Dienstleistungssektor ausgelöst werden. Das tue ich deshalb, weil das Anwachsen des Dienstleistungsgewerbes die Zahl der Angestellten ungemein vergrößert hat, die den Ausdruck ihrer Gefühle - oder sogar ihre Emotionen selbst - tagtäglich Zwecken und Interessen unterordnen müssen, die nicht die ihren sind. Ich hoffe, etwas Licht darauf zu werfen, was es bedeuten kann, diese persönlichste aller Arbeitsformen - Emotionsarbeit, wie man sie inzwischen nennt - für Geld zu verkaufen. Ich behaupte, dass diese Form der Entfremdung eine lebenslange, für ein gelungenes Leben wesentliche Aufgabe tendenziell unterbricht oder entstellt: die Aufgabe der Selbstausarbeitung.
Entfremdete Arbeit in der industriellen Produktion
Bevor wir in der Untersuchung entfremdeter Emotionsarbeit voranschreiten, sollten wir uns zunächst den allgemeineren Begriff entfremdeter Arbeit etwas klarer machen, der erstmals im Frühwerk von Karl Marx auftaucht. Es ist banal festzustellen, Arbeiter_innen in einer kapitalistischen Wirtschaft seien von ihrer Arbeit insofern entfremdet, als sie deren Nutzung für bestimmte Zeitspannen an ihre Arbeitgeber_innen verkaufen. Marx erkannte aber, dass diese einfache Form der Entfremdung im Kontext industrieller kapitalistischer Arbeit noch eine ganze Reihe anderer, schwierigerer Formen mit sich bringt. So wird der Arbeiter nicht nur von seiner täglichen Arbeit und den damit hergestellten Gütern entfremdet, sondern auch von dem, was Marx sein Gattungswesen nennt.2
Marx zufolge verwirklichen Menschen ihr Gattungswesen nur, wenn sie frei und selbstbewusst zur Schaffung eines angemessenen Umfelds für menschliches Leben beitragen. Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die auf nichtorganische Natur einwirken, um für sich eine geeignete Umwelt herzustellen. Auch Bienen, Biber und Ameisen tun das. Doch diese anderen Lebewesen, so stellt Marx fest, vollbringen solche Arbeit nur gemäß eines instinkthaft festgelegten Plans, während Menschen in der Lage sind, die Art und Weise, wie sie die Welt umbilden, abzuändern, um neue Lebensformen auszuprobieren (vgl. Marx 1968 [1932]: 517). Ein dramatisches Beispiel für diesen Prozess ist der Aufstieg des Internets: Es verdankt seine Existenz einer breitangelegten, koordinierten Anstrengung, unsere Umwelt auf eine Weise umzugestalten, die den Menschen dauerhafteren und produktiveren Austausch untereinander ermöglicht. Es bietet seinen Nutzer_innen eine Art geistige Prothese, die eine nie dagewesen

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