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Arbeiten in der Kreativindustrie Eine multilokale Ethnografie der Entgrenzung von Arbeits- und Lebenswelt von Huber, Birgit (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.01.2013
  • Verlag: Campus Verlag
eBook (PDF)
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Arbeiten in der Kreativindustrie

Die sogenannte Kreativindustrie, die einen Großteil der Medieninhalte produziert, beruht ganz wesentlich auf flexiblen Arbeitsverhältnissen. Arbeit ist hier dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten nicht länger an einen Ort gebunden und die Grenzen zwischen Job und Privatleben sind oftmals fließend. Birgit Huber folgt in ihrer Ethnografie den Produzenten an ihre Wohn- und Arbeitsorte in der Großstadt und auf dem Land und untersucht die virtuellen sozialen Informationsräume, in denen ihre Zusammenarbeit stattfindet. Sie bildet damit die Praktiken und Milieus eines Beschäftigungszweiges ab, der, jenseits vom vermeintlichen Glamour der 'Kreativen', in Klein- und Kleinstunternehmen produziert. Birgit Huber ist Mitarbeiterin am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) in Dresden und war von 2006 bis 2009 Research Fellow am Institute for Social Anthropology in Halle (Saale).

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 299
    Erscheinungsdatum: 16.01.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593409665
    Verlag: Campus Verlag
    Serie: Arbeit und Alltag Bd.2
    Größe: 8299 kBytes
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Arbeiten in der Kreativindustrie

1 Computer-aided Design als Erwerbstätigkeit, Designmöbelschreinerei als Lebenstätigkeit - Vignette 1

Diese Reise in den Schwarzwald beginnt mit dem Ratschlag, mich nicht irritieren zu lassen. Wenn ich mehrere Firmenschilder an der Hofeinfahrt sähe, solle ich mich nicht aufhalten lassen, einfach den Hof überqueren und klingeln, erklärt Christopher am Telefon. Die verschiedenen Firmen, das sei alles er. Als ich um 7.30 Uhr ankomme, heißt mich Christopher voller Elan über die Gegensprechanlage willkommen. Auf dem ersten Treppenabsatz drücke ich eine schwere Metalltür auf und Sägemehl schwebt mir entgegen. Sägen, Bandschleifmaschinen, andere schwere Geräte, die ich nicht identifizieren kann. Entwickelt Christopher nicht als freier Mitarbeiter per Computer die Messekonzeptionen für eine kleine Design-Agentur, die ich hier in diesem Schwarzwälder Ort schon mehrmals besucht habe? Nun bin ich doch etwas irritiert. Eine Stimme kommt von oben: "Noch eins höher. Aber nicht zu weit. Sonst stehst du bei uns im Esszimmer." Auf dem nächsten Treppenabsatz betrete ich einen weiteren großen Raum. Lang gestreckt und hell, eine Fensterreihe, die auf einen stattlichen Bau aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließen lässt. An der Wand lehnen klobige Holzski, den Raum teilen offene Holzregale, die nur auf den ersten Blick an IKEA erinnern, auf den zweiten Blick offenbaren sie massives Eichenholz, Regalplatten aus Naturstroh und raffinierte Details.

Christopher sitzt vor dem Computer und hantiert mit einer Art elektronischem Zeichenbrett. Mit Hilfe der Computer-aided-Design-Software verrückt er auf dem Bildschirm in Sekundenschnelle virtuell dreidimensional Raumteiler und Präsentationstafeln einer lokalen Maschinenbaufirma für hochmoderne Planetengetriebe mit globalem Vertrieb. Nächste Woche, wenn sich die Messetore in Barcelona öffnen werden, muss das, was ich vor mir auf dem Bildschirm sehe, alles live und greifbar dort stehen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Schnell eine telefonische Rückfrage bei der Druckvorstufe, ob die Folien für die Präsentationstafeln schon geplottet sind, hoffentlich hat der Fachjournalist aus dem Schwäbischen die letzten fehlenden Textteile für den Firmenprospekt direkt in die Datei eingearbeitet, auf die sie alle gleichzeitig Zugriff haben - egal, ob es sich um den Webdesigner in Köln oder den Gebrauchsgrafiker im Markgräfler Land, einer Weinregion bei Freiburg, handelt. Und wenn die Maschinenbaufirma nur endlich die Daten für ihren Internetauftritt liefern würde, nach monatelanger Verspätung - "typisch Kunde", so Christopher -, dann wäre der Messeauftritt perfekt. Die ganze Aktion findet im Rahmen einer Komplettbetreuung des Kunden durch eine kleine Agentur für Unternehmenskommunikation und Design statt, die am selben Ort angesiedelt ist wie Christopher. Meine Reisen in den Schwarzwald dienen dazu, die Zusammenarbeit innerhalb der Agentur und die Kontakte zu ihren freiberuflichen Mitarbeitern, wie Christopher einer ist, ethnografisch zu erfassen.

Viel Zeit für Erklärungen meinerseits bleibt nicht, schon läutet wieder das Telefon. Mein Gastgeber hebt den Hörer ab und meldet sich mit "Christopher Schwarz, Agentur CI". Ich bin verdutzt. Schließlich befindet sich CI, die Agentur, nicht hier im Haus von Christopher am Rande des Ortes, sondern im Stadtinneren. Beim nächsten Anruf begrüßt Christopher den Kunden am Telefon mit "Christopher Schwarz, Firma Formstabil". Christopher findet seine unterschiedlichen Namensnennungen am Telefon logisch und keineswegs verwirrend. Ob mir noch nicht aufgefallen sei, dass hier in seinem Büro zwei Telefone nebeneinander stehen, fragt er mich. Am weißen Telefon melde er sich stets als Teil der Agentur CI, am schwarzen Telefon sei er "seine eigene Firma", Firma Formstabil eben.

Im nächsten Moment klingelt das schwarze Telefon. "Oh nein, die Chinesen", flüstert Christopher mir zu, "die wollen meine Entwürfe i

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