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Seine Toten kann man sich nicht aussuchen Eine Polizistin erzählt von Binder, Janine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.11.2011
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Seine Toten kann man sich nicht aussuchen

Einsatzstichwort "hilflose Person". Ein dunkles Treppenhaus, leises Wimmern und keine Ahnung, welches Schreckensszenario sich hinter der Wohnungstür verbirgt. Einsatzstichwort "gefährliche Körperverletzung". 30 Männer schlagen sich betrunken die Köpfe ein. Ausgang ungewiss, nur eins ist klar: Unverletzt wird Janine Binder heute nicht nach Hause gehen. Seit sie 16 ist, ist die 30-Jährige als Polizistin im Einsatz und kann heute schon nicht mehr zählen, wie viele Tote sie gesehen hat. Trotzdem würde sie mit niemandem tauschen wollen. Ihr Job ist hart aber unverzichtbar.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 08.11.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492954181
    Verlag: Piper
    Größe: 2509 kBytes
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Seine Toten kann man sich nicht aussuchen

Schnell erwachsen werden

1998

Ich beuge mich über die Tastatur, presse mir ein Taschentuch unter die Nase und tippe mit einer Hand eine Strafanzeige in den Computer. Mir gegenüber sitzt mein Kollege, mit dem ich heute meinen letzten Praktikumsdienst in Aachen absolviert habe. Ab morgen werde ich wieder im Ausbildungsinstitut in Linnich Gesetze pauken, den Umgang mit der Waffe verfeinern, abends kleine Partys auf den Stuben feiern, an der Ruhr entlangjoggen und eine Menge Spaß haben.

Doch jetzt habe ich dafür keinen Gedanken übrig. Meine Nase fühlt sich an, als wäre sie groß wie eine Aubergine, und pocht schrecklich. Sobald ich das Taschentuch wegnehme, tropft Blut auf die Tischplatte, und im Spiegel habe ich gesehen, dass ich bereits jetzt unter beiden Augen zwei herrliche Veilchen habe.

Die Leichtigkeit und Unbedarftheit, mit denen ich bisher an unsere Einsätze herangegangen war, sind verflogen. Klar war mir eingetrichtert worden, vorsichtig zu sein, die Eigensicherung standüber allem. Aber irgendwie war bisher immer noch alles gut gegangen. In den Trainings in Linnich hatte man halt das vorher vereinbarte Zauberwort gebrüllt, wenn man die Situation nicht mehr unter Kontrolle hatte, und sofort ließ der Schauspieler, der den wütenden Aggressor mimte, von einem ab.

Heute Nacht war das nicht so. Mit mehreren Streifenwagen waren wir zu einer Schlägerei gefahren. Es ist Karneval, und während meine Freunde selbst feiern sind, bin ich im Nachtdienst und versuche mit meinen Kollegen, wenigstens ein wenig Ordnung im karnevalistischen Chaos zu wahren.

Noch bevor wir aus den Autos ausstiegen, zogen wir die Handschuhe an und funkten nach Verstärkung, denn die ungefähr vierzig Typen, die sich hier prügelten, waren ganz eindeutig zu viel für uns. Trotzdem hieß es handeln. Schließlich kann man als Polizist nicht im Auto sitzen bleiben und die Knöpfe runterdrücken, während man abwartet, bis die Herrschaften mit ihrer Keilerei fertig sind.

Also hatten wir, zu sechst ganz klar in der Unterzahl, uns ins Getümmel gestürzt. Hatten Kontrahenten getrennt, Streithähne voneinander weggerissen, selbst Schläge ausgeteilt, waren peinlich darauf bedacht gewesen, dass im Gewühl niemand nach unseren Waffen greifen konnte, und hatten Menschen gefesselt.

Als es schien, dass wir die Situation in den Griff bekämen – ich hing gerade am Arm eines der Türsteher der Party und versuchte mit meinem Kollegen, den Kerl zu Boden zu drücken –, zerrte jemand von hinten an meiner Schulter. Ich wurde herumgerissen und hatte das Gefühl, gegen eine Betonwand zu knallen.

Ich versuchte verzweifelt, nicht vor Schmerz ohnmächtig zu werden und zu Boden zu gehen, als ich sah, wie die Faust, die mich gerade mitten ins Gesicht getroffen hatte, erneut ausholte. Einer meiner Kollegen konnte den Schlag gerade noch mit einem gezielten Haken von mir ablenken. Ich schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können, fing einen besorgten Blick meines Partners auf, nickte ihm unter Schmerzen zu, und im nächsten Moment lag der Schläger unter uns am Boden und trug meine silbern glänzenden Handfesseln. Mein Blut tropfte auf seinen Rücken, während er brüllte: "Du dumme Fotze, mach die Dinger los, dann besorg ich's dir direkt noch mal!"

Mit unseren Einsatzübungen hatte das hier wenig zu tun, doch am Ende hatten wir gewonnen: Zwanzig Männer saßen gefesselt an einem Zaun aufgereiht und warteten auf den Gefangenentransporter. Die andere Hälfte der Herren hatte sich klammheimlich vom Acker gemacht. Zwei Kollegen hatten Kratzer und Schrammen im Gesicht, einer hatte sich das Handgelenk gebrochen, und ich ahnte bereits, dass mit meiner Nase irge

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