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Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung von Butler, Judith (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.10.2016
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung

Die "Politik der Straße" hat Hochkonjunktur, wirft aber auch Fragen auf. Sind Versammlungen als Ausdruck der Souveränität des Volkes aus radikaldemokratischer Perspektive zu begrüßen oder geben sie Anlass zur Sorge vor der Herrschaft des "Mobs"? Und wer ist überhaupt "das Volk"? Judith Butler geht den Dynamiken und Taktiken öffentlicher Versammlungen unter den derzeit herrschenden ökonomischen und politischen Bedingungen auf den Grund. Fluchtpunkt dieses hochpolitischen Buches ist eine Ethik des gewaltlosen Widerstands in einer gefährdeten Welt, in der die Grundlagen solidarischen Handelns allmählich zerfallen oder zerstört werden.

Judith Butler, geboren 1956, lehrt Rhetorik, Komparatistik und Gender Studies in Berkeley, Kalifornien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 350
    Erscheinungsdatum: 10.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518748145
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Notes Toward a Performative Theory of Assembly
    Größe: 1420 kBytes
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Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung

1.
Geschlechterpolitik und
das Recht zu erscheinen

"Körperallianzen" [ Bodies in Alliance ] war ursprünglich der "Titel" einer Vorlesungsreihe, die ich 2011 am Bryn Mawr College in Pennsylvania gehalten habe und die diesem Text als Vorlage dient. Es war ein passender Titel, wie sich zeigt, dabei konnte ich in dem Augenblick, als er mir einfiel, noch nicht ahnen, wie sich seine Bedeutung im Laufe der Zeit entwickeln und welche neue Gestalt und Kraft er erlangen würde. Während wir in unserem akademischen Rahmen beisammensaßen, versammelten sich überall in den Vereinigten Staaten und in mehreren anderen Ländern Menschen, um verschiedene Sachverhalte in Frage zu stellen, etwa despotische Herrschaft oder wirtschaftliche Ungerechtigkeit, manchmal auch den Kapitalismus selbst oder einige seiner aktuellen Erscheinungsformen; dabei kamen oft große Menschenmassen in der Öffentlichkeit zusammen, um als plurale politische Präsenz und Kraft gesehen und gehört zu werden.

Wir könnten in solchen Massendemonstrationen eine kollektive Ablehnung der gesellschaftlich und wirtschaftlich bedingten Prekarität sehen. Was wir aber vor allem sehen, wenn Körper auf Straßen, Plätzen oder an anderen öffentlichen Orten zusammenkommen, ist die - wenn man so will, performative - Ausübung des Rechts zu erscheinen, eine körperliche Forderung nach besseren Lebensbedingungen.

Auch wenn die Idee der Verantwortlichkeit in problematischer Weise für neoliberale Zwecke vereinnahmt worden ist, spielt der Begriff eine entscheidende Rolle für die Kritik der zunehmenden Ungleichheit. Nach der neoliberalen Moralvorstellung ist jeder nur für sich selbst und nicht für andere verantwortlich, und diese Verantwortung richtet sich in erster Linie darauf, unter Bedingungen, unter denen die Autarkie strukturell unterminiert wird, wirtschaftlich unabhängig zu werden. Diejenigen, die sich keine medizinische Versorgung leisten können, sind nur ein Beispiel dafür, dass Teile der Bevölkerung als frei verfügbar betrachtet werden. Und wer die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich wahrnimmt, wer das Gefühl hat, Sicherheiten und Hoffnungen verloren zu haben, sieht sich auch als jemand, der von einer Regierung und einer Volkswirtschaft im Stich gelassen worden ist, die eindeutig den Wohlstand einiger weniger auf Kosten der breiten Bevölkerung vermehrt. Eine Implikation der Tatsache, dass sich Menschenmassen auf den Straßen versammeln, scheint daher klar: Es gibt sie noch und sie sind noch da; sie lassen nicht locker; sie versammeln sich und bekunden damit die Einsicht oder zumindest den Beginn der Einsicht, dass ihre Situation etwas Gemeinsames ist. Und auch wenn sie nicht sprechen und keine verhandelbaren Forderungen vorbringen, wird hier ein Ruf nach Gerechtigkeit laut: Die versammelten Körper "sagen": "Wir sind nicht frei verfügbar", ob sie dazu Worte benutzen oder nicht. Was sie sagen, ist gleichsam: "Wir sind noch hier, wir harren aus, wir fordern mehr Gerechtigkeit, die Befreiung aus der Prekarität und die Aussicht auf ein lebbares Leben."

Gerechtigkeit ist natürlich ein großes Wort und sie zu fordern stellt jede Aktivistin und jeden Aktivisten vor ein philosophisches Problem: Was ist Gerechtigkeit und mit welchen Mitteln kann die Forderung nach Gerechtigkeit aufgestellt, verstanden und angenommen werden? Dass es manchmal heißt, es gebe "keine Forderungen", wenn sich Körper auf diese Weise und zu diesem Zweck versammeln, liegt daran, dass die Liste der Forderungen nicht die ganze Bedeutung der geforderten Gerechtigkeit ausschöpfen würde. Natürlich können wir uns alle gerechte Lösungen für das Gesundheitssystem, die öffentliche Bildung, das Wohnungswesen oder die Verteilung und Verfügbarkeit von Nahrung vorstellen - wir könnten also die Ungerechtigkeiten einzeln auflisten und als eine Reihe von spezifischen Forderungen vorbringen. Doch vielleicht ist die Forderung nach Gerechtigkeit ebenso in jeder dieser Ei

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