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Chile in Bewegung Reportagen aus einem Land der Gegensätze von Keppeler, Toni (eBook)

  • Verlag: Rotpunktverlag
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Chile in Bewegung

Chile ist in Bewegung. Chile bewegt sich in Richtung Demokratie. In Chile kann man eindrücklich sehen, wie schwierig es ist, eine verlorene Demokratie zurückzuerobern und dass es nicht damit getan ist, einen Präsidenten und ein Parlament zu wählen. Es geht um Zugang für alle zu Bildung, um die Schaffung eines Arbeitsrechts, das die Gewerkschaften wieder handlungsfähig macht, um Schutz für Minderheiten und um die Reform eines Wahlrechts, das kleineren Parteien eine Chance gibt. All das passiert im heutigen Chile. Die Militärdiktatur, die 1990 formal beendet war, hat lange nachgewirkt. Doch jetzt ist die Angst vorbei. Toni Keppeler erzählt von Menschen und ihren Kämpfen, von Gegenwart und Vergangenheit, von Fluch und Segen der Salpeterwüste, von den 'chaotischen Jahren der Hoffnung' unter dem sozialistischen Präsidenten Allende, von der langen Nacht der Pinochet-Diktatur, die das Land unter anderem zu einem der ersten Experimentierfelder einer neoliberalen Ökonomie machte, vom Übergang als Dauerzustand, von der Studentenbewegung der letzten Jahre. Aber auch vom langen Leiden der Mapuche-Indianer und wie deutsche und schweizerische Einwanderer den chilenischen Süden eroberten. Toni Keppeler, geboren 1956, schreibt seit über drei Jahrzehnten über Lateinamerika. Er war Korrespondent verschiedener deutschsprachiger Medien und lehrte Journalismus an der Zentralamerikanischen Universität von San Salvador. Heute ist er freier Journalist in Tübingen und bereist jährlich verschiedene Länder Lateinamerikas. Er arbeitet regelmäßig für Le Monde diplomatique, Frankfurter Rundschau, WOZ und Schweizer Radio SRF.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 232
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783858696991
    Verlag: Rotpunktverlag
    Größe: 1032 kBytes
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Chile in Bewegung

Kapitel 2

SEGEN UND FLUCH DER WÜSTE

Salpeter, Kupfer, Lithium. Die Eroberung des Nordens und die Abhängigkeit Chiles von Bodenschätzen.

Chacabuco hat eine traurige Geschichte. Die Stadt wurde gebaut, als ihre Zeit eigentlich schon abgelaufen war. Und doch war sie die größte ihrer Art: Siebentausend Menschen wohnten dort, mitten in der Atacama-Wüste. Die Bewohner des chilenischen Nordens nennen diese Einöde La Pampa, ein Begriff, der ursprünglich für die weiten Steppenlandschaften Argentiniens geprägt worden ist: eine endlose Ebene aus wogendem Gras. Auch die Pampa im Norden von Chile ist über Hunderte von Kilometern eintönig. Aber da ist kein Gras. Die Atacama-Wüste gilt als eine der trockensten Gegenden der Welt. Am Tag steigt die Hitze schnell über vierzig Grad, in der Nacht ist es empfindlich kalt, manchmal weit unter null Grad. Und kein Wasser weit und breit. Chacabuco war eine der größten sogenannten Oficinas. Wörtlich übersetzt heißt das eigentlich Büros, doch in den Oficinas der Atacama-Wüste wurden keine Akten gewälzt. Sie waren Produktionsdörfer für Salpeter und in der Zeit des großen Booms gab es 136 solche Siedlungen in der Wüste. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, sind sie längst zu Geisterstädten geworden.

Chacabuco wurde in den Jahren 1922 bis 1924 von der britischen Firma The Lautaro Nitrate Co. Ltda. errichtet; damals war der Salpeterboom eigentlich schon vorbei. 1910 hatte die in Ludwigshafen ansässige Chemiefabrik BASF ein Patent für das Haber-Bosch-Verfahren angemeldet: Die Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch hatten eine in industriellem Maßstab einsetzbare Methode entwickelt, mit der aus den Elementen Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak gewonnen werden konnte. Salpeter, der vorher als Stickstoff-Düngemittel genauso unabdingbar war wie als Bestandteil des damals üblichen Sprengstoffs, hatte eine billigere synthetische Konkurrenz bekommen, die zudem überall auf der Welt verfügbar war. So hatte Chacabuco von Anfang an eigentlich keine Zukunft, sondern nur eine Vergangenheit.

Die Produktion wurde mitten in einer schweren Salpeterkrise aufgenommen: Die billige sythetische Konkurrenz aus Deutschland war schon spürbar, zudem hatte mit dem Ende des Ersten Weltkriegs die Nachfrage nach Salpeter zur Herstellung von Schwarzpulver rapide nachgelassen. Die Hälfte der sechzigtausend Salpeterarbeiter in der Atacama-Wüste waren entlassen worden. Doch The Lautaro Nitrate Co. Ltda. hoffte, mit der neuen Megaoficina trotzdem Gewinne zu machen. Chacabuco war damals die modernste Produktionsstadt zur Salpetergewinnung. Mit der damals besten Auslaugmethode - dem nach dem britischen Erfinder James Shank benannten Shank-System - sollten die Effizienz gesteigert und die Kosten gesenkt werden. Auch unter sozialen Aspekten war Chacabuco vorbildhaft: Eine in sich geschlossene städtische Anlage zur Selbstversorgung, mit Krankenhaus, Theater, Tanzsaal und Kirche, mit Hotel und Schule, Kaufläden und Markthalle, mit Turnhalle, Schwimmbecken und Fußballfeldern. Die Anlagen waren für die Produktion von fünfzehntausend Tonnen Salpeter im Monat ausgelegt. Zu besten Zeiten wurden gerade acht- bis zehntausend Tonnen erreicht, die Nachfrage war zu schwach. Schon 1938 wurde die Produktion wieder eingestellt.

Chacabuco liegt rund hundert Kilometer nordöstlich der Hafenstadt Antofagasta, ein paar Kilometer abseits der Straße, die nach Calama führt. Schnell steigt man vom schmalen pazifischen Küstenstreifen hinauf auf die gut zweitausend Meter Höhe der Atacama-Ebene, die keine Sandwüste mit Dünen ist, sondern eine wellige rotbraune Landschaft aus Stein und festgebackener nackter Erde. Man sieht ihr bis heute an, dass sie industriell genutzt wurde: Über Hunderte von Kilometern ist der Boden aufgebrochen, als hätten Myriaden von riesigen Wühlmäusen die unwirtliche Gegend durchpflügt. Bisweilen schimmert die Erde weiß - das kann Salpeter sein oder auch Salz -, bisweilen auch g

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