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Das deutsche Europa Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise von Beck, Ulrich (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.10.2012
  • Verlag: Suhrkamp
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Das deutsche Europa

1953 warnte Thomas Mann die Deutschen in seiner berühmten Hamburger Rede davor, jemals wieder nach einem "deutschen Europa" zu streben. Im Zuge der Euro-Krise ist nun jedoch genau das Realität geworden: Die stärkste Wirtschaftsmacht des Kontinents kann notleidenden Euro-Staaten die Bedingungen für weitere Kredite diktieren - bis hin zur Aushöhlung der demokratischen Mitbestimmungsrechte des griechischen, italienischen, spanischen - letztlich auch des deutschen Parlaments. Welche Folgen die umstrittene deutsche Sparpolitik für die europäische Machtlandschaft hat, welche Lösungen im Konflikt zwischen Europaarchitekten und Nationalstaatsorthodoxen möglich sind und wie sich die Imperative der Krisenbewältigung und der Demokratie angesichts des Europa-Risikos versöhnen lassen - diesen Fragen geht Ulrich Beck in diesem leidenschaftlichen Essay nach. Er kommt zu dem Ergebnis, daß wir endlich einen Europäischen Gesellschaftsvertrag brauchen, einen Vertrag für mehr Freiheit, mehr soziale Sicherheit und mehr Demokratie - durch Europa.

Ulrich Beck ist einer der weltweit anerkannten Soziologen. Sein 1986 erstmals veröffentlichtes Buch Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne brachte ein neues Zeitalter auf den Begriff. Dieses Konzept machte ihn international und weit über akademische Kreise hinaus bekannt. Zwanzig Jahre später erneuerte und erweiterte er seine Zeitdiagnostik in Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit im Zeichen von Terrorismus, Klimakatastrophen und Finanzkrisen. Er war zwischen 1997 und 2002 Herausgeber der Reihe Edition Zweite Moderne im Suhrkamp Verlag. Zwischen 1992 und 2009 war Beck Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 1999 bis 2009 fungierte Ulrich Beck als Sprecher des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Sonderforschungsbereichs Reflexive Modernisierung. Vom Europäischen Forschungsrat wurde Ulrich Beck 2012 ein Projekt zum Thema Methodologischer Kosmopolitismus am Beispiel des Klimawandels mit fünfjähriger Laufzeit bewilligt. Beim Weltkongress für Soziologie 2014 in Yokohama erhielt Ulrich Beck den Lifetime Achievement Award – For Most Distinguished Contribution to Futures Research der International Sociological Association.

Ulrich Beck wurde am 15. Mai 1944 in Stolp in Hinterpommern geboren. Nach seinem Studium der Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft in München promovierte er dort im Jahr 1972. Sieben Jahre später wurde er im Fach Soziologie habilitiert. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse galt dem Grundlagenwandel moderner Gesellschaften. Diese grundlegenden Veränderungen faßte er, neben dem Begriff des Risikos, unter anderem mit Konzepten wie Reflexiver Modernisierung, Zweite Moderne, unbeabsichtigte Nebenfolgen und Kosmopolitismus.

Ihm wurden mehrere Ehrendoktorwürden europäischer Universitäten und zahlreiche Preise verliehen.

Er starb am 1. Januar 2015.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 80
    Erscheinungsdatum: 13.10.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518737958
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1189kBytes
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Das deutsche Europa

II. Europas neue Koordinaten der Macht: Wie es zum deutschen Europa kommt

1. Das bedrohte Europa und die Krise des Politischen

Angesichts weltpolitischer Verwerfungen, die eingespielte Erwartungen ins Leere laufen und die vertrauten Instrumente der Theorie sowie der Politik versagen lassen, ist unter Intellektuellen heute oft eine Art Fluchtreflex zu beobachten. Dies gilt nicht zuletzt für die Sozialwissenschaften, die in ihren Theorien und empirischen Studien zumeist nach der Reproduktion der gesellschaftlichen und politischen Ordnung fragen, nicht aber nach ihrer Transformation . 22 Selbstverständlich ist auch in diesen Ansätzen so etwas vorgesehen wie sozialer Wandel, allerdings wird dabei durch alle Umbrüche hindurch immer wieder gefragt, wie sich trotz aller Veränderungen die nationalstaatliche Ordnung der Gesellschaft und Politik reproduziert. 23

Betrachtet man allerdings die einschneidenden Ereignisse und Trends der letzten Jahrzehnte - die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, den Zusammenbruch der Sowjetunion, die Anschläge des 11. September, den Klimawandel, die Finanz- und Euro-Krise - , fällt auf, daß ihnen zwei Merkmale gemeinsam sind: Zum einen waren sie vor ihrem Eintritt unvorstellbar ; zum anderen sind sie in ihrem Charakter und ihren Folgen global . Es handelt sich im wörtlichen Sinn um Weltereignisse, welche die immer engere Vernetzung der Handlungs- und Lebensräume erfahrbar machen und nicht länger mit den Instrumenten und Kategorien des nationalstaatlichen Denkens und Handelns erfaßt werden können. Im Kontext des Paradigmas der Reproduktion der nationalstaatlichen Ordnung waren sie nicht nur praktisch unvorstellbar, sondern sie fallen grundsätzlich aus diesem Bezugsrahmen heraus und stellen ihn somit in Frage. Demgegenüber setzt die Theorie der Risikogesellschaft bewußt bei den Selbstgefährdungen der Moderne an und stellt die Frage ins Zentrum, wie angesichts drohender Katastrophen die nationalstaatliche Ordnung brüchig wird und wie sich das Verständnis von Macht, von sozialer Ungleichheit und vom Politischen als solchem verändert. In bezug auf die Europa-Krise lassen sich in diesem Horizont drei Thesen formulieren:

Erstens : Wir erleben heute eine Inflation der drohenden Katastrophen und Zusammenbrüche. Allerdings muß an dieser Stelle klar unterschieden werden zwischen der Katastrophe und der Rhetorik der Katastrophe. Genau das meint der Risikobegriff in der Theorie der Risikogesellschaft: Die Rede von Risiken bezieht sich stets auf in der Zukunft drohende Katastrophen, die es in der Gegenwart zu antizipieren und zu verhindern gilt. 24 Im Rahmen der Euro-Krise heißt das: Zwar gibt es schon jetzt dramatische persönliche und soziale Katastrophen (viele Griechen können sich keine Arztbesuche oder Krankenhausaufenthalte mehr leisten; etwa die Hälfte der spanischen Jugendlichen ist arbeitslos), doch was die Schlüsselinstitutionen des Euro und der Europäischen Union betrifft, befinden wir uns immer noch im Zustand des Risikos. 25 Die eigentliche Katastrophe, die an die Wand gemalt wird, wäre der Zerfall der Währungsunion, die in einer Kettenreaktion möglicherweise die Europäische Union als Ganzes und die Weltwirtschaft in den Abgrund reißen könnte. An dieser Stelle begegnen wir also wieder dem katastrophischen Konjunktiv, der den Interpretationsrahmen dieses Essays bildet.

Viele verwechseln die Risiko gesellschaft mit einer Katastrophen gesellschaft. Letztere wäre so etwas wie die Titanic-Gesellschaft: In ihr regiert das "Zu spät", der schicksalhafte Untergang, die Panik der Aussichtslosigkeit. In meinem Ansatz geht es - um im Bild zu bleiben - darum, daß di

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