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Das Imaginäre und die Revolution Tunesien in revolutionären Zeiten von Abbas, Nabila (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.10.2019
  • Verlag: Campus Verlag
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Das Imaginäre und die Revolution

Im Jahr 2011 bricht die tunesische Revolution aus. Bürgerinnen und Bürger besetzen im ganzen Land öffentliche Plätze, fordern politische Freiheits- und Gleichheitsrechte und soziale Gerechtigkeit. In dieser Studie kommen die Akteurinnen und Akteure der Revolution zu Wort. So werden ihre Motive und ihre politischen Vorstellungen sichtbar. Das Buch gibt Aufschluss über die ideellen Wurzeln der Revolution und fragt nach den Entstehungsbedingungen politischer Praxis und Vorstellungskraft in Kontexten von Protesten. Nabila Abbas ist Politikwissenschaftlerin und hat an der Université de Paris 8 Vincennes-Saint-Denis und an der Universität Gießen promoviert. Sie lehrt an Sciences Po Paris.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 486
    Erscheinungsdatum: 09.10.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593443171
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 6653 kBytes
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Das Imaginäre und die Revolution

1. Einleitung "Öffnet die Türen den milden Seelen, vom Wahnsinn entflammt wartend [...] Gefängnis-Unglück, Gefängnis-Gefängnis Oh, wie viele Fremde haben den bitteren Geschmack gekannt die Steine der Mauern sind geschmolzen Und wir sind alle Gefängnisinsassen geworden [...] Werft die Gefängnisse ins Gefängnis Die Rede wird sich befreien der Gesang der Überlebenden wird sich erheben Eine Sintflut wird kommen Die Rede ist fesselnd Eine Sintflut wird kommen." Basset Ben Hassan, Öffnet die Türen, 10. Mai 2010, Tunis "Präsident des Landes, heute spreche ich dich in meinem Namen und im Namen des Volkes an, das vom Gewicht der Ungerechtigkeit erdrückt wird. [...] Es gibt Leute, die vor Hunger sterben, sie wollen arbeiten, um zu leben, aber ihre Stimme wird nicht gehört! [...] Die Hälfte des Landes wird erniedrigt. Schau, was in dem Land passiert! [...] Bis wann sollen die Tunesier in ihren Träumen leben? Wo ist die Meinungsfreiheit? Ich sehe sie nur auf dem Papier. [...] Das Volk hat so viel zu sagen, aber seine Stimme trägt nicht." Mit diesen Worten klagt der 22-jährige tunesische Rapper El General in seinem Lied Rais el bled (Präsident des Landes) Ben Ali zum 23. Jahrestag seiner Herrschaft im November 2010 an. Einen Monat später entfachen im Zuge der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi die Proteste der tunesischen Bürger innen in Sidi Bouzid. Sie verbreiten sich von dort aus in aller Eile über das ganze Land und inspirieren schließlich auch andere arabische und südeuropäische Bürger innen, sich gegen politisch unterdrückende, entmündigende und ausbeuterische Verhältnisse zu erheben. Die Erzählungen und die Träume der tunesischen Bürger innen, die unter der Diktatur Ben Alis, wie uns El General lehrt, kein Gehör finden, faszinierten mich von der Geburtsstunde des tunesischen Revolutionspro-zesses an. Sie schienen mir, den in den westeuropäischen und nordameri-kanischen Ländern dominanten Diskurs über die vermeintlich "demokratie-unwilligen", apolitischen und fatalistischen Bürger innen der arabischen Welten fundamental infrage zu stellen. Chimamanda Ngozi Adichie, nigerianische Schriftstellerin, warnt vor solchen stereotypisierenden Diskursen: "So that is how to create a single story, show a people as one thing, as only one thing, over and over again, and that is what they become. [...] The single story creates stereotypes, and the problem with stereotypes is not that they are untrue, but that they are incomplete. They make one story become the only story." (Ngozi Adichie 2009) Von der Notwendigkeit vielfältiger Geschichten überzeugt, begebe ich mich auf die Suche nach den Erzählungen der tunesischen Bürger innen. Während ich 2010 den Eindruck hatte, Zeugin eines wichtigen historischen Ereignisses zu werden, sahen viele wissenschaftliche und journalistische Beobachter innen in den Ereignissen vor allem Hungerrevolten und spontane Unruhen oder befürchteten einen Sieg von Extremisten. Mich hingegen berührten die Demonstrant innen in Sidi Bouzid, Kasserine, Thala und Tunis, die sich den Snipern und Panzern des Regimes entgegenstellten, um soziale Gerechtigkeit, Freiheitsrechte und politische Teilhabe zu fordern. Meine Neugier und mein Wille, zu verstehen, warum die Menschen in Tunesien revoltieren, war geweckt. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich intensiv mit radikalen Demokratietheorien. Radikale Demokratietheorien schienen mir besonders dafür geeignet, revolutionäre Momente zu erfassen. Schließlich betonen sie die agonale Verfasstheit des Politischen als Kraft der kollektiven Selbstinstituierung einer Gesellschaft. Der Ausgangspunkt demokratischer Praxis liegt demnach in Konflikt, Differenz und Dissens. Anstatt die politische Dimension des tunesischen Revolutionsprozesses ausgehend von den Theorien von Jacques Rancière, Claude Lefort, Etienne Balibar und Ernesto Laclau zu erfassen, entschied ich mich dazu, von der Empirie auszugehen und sie anschließend mit

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