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Der moderne Staat Grundlagen der politologischen Analyse von Benz, Arthur (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.12.2011
  • Verlag: De Gruyter Oldenbourg
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Der moderne Staat

Verliert der Staat an Bedeutung? Sind die Globalisierung der Ökonomie, die Internationalisierung bzw. Europäisierung der Politik, die Überlastung wohlfahrtsstaatlicher Verteilungspolitik, die Grenzen hoheitlich-hierarchischer Steuerung in der funktional differenzierten Gesellschaft sowie die Diskrepanz zwischen dem Legitimationsbedarf und den Leistungen des demokratischen Staates dafür verantwortlich? Hat der Staat an innerer Souveränität gegenüber der eigenen Wirtschaft wie an äußerer Souveränität durch Einbindung in internationale Organisationen verloren? Kann man gar von einem Niedergang des Staates sprechen? Das Buch stellt aus dem Blickwinkel des akteurszentrierten Institutionalismus ein analytisches Instrumentarium für Politikwissenschaftler bereit, die sich mit dem Staat befassen wollen. Eine solche Herangehensweise hat den Vorteil, dass sie der empirischen Forschung nur wenige theoretische Prämissen voranstellt. Aber auch andere Staatstheorien werden berücksichtigt. Das Buch stellt aus dem Blickwinkel des akteurszentrierten Institutionalismus ein analytisches Instrumentarium für Politikwissenschaftler bereit, die sich mit dem Staat befassen wollen. Eine solche Herangehensweise hat den Vorteil, dass sie der empirischen Forschung nur wenige theoretische Prämissen voranstellt. Aber auch andere Staatstheorien werden berücksichtigt. Einer Etymologie und Geschichte des Staates schließt sich die Definiton seiner Akteursqualitäten an. In diesem Teil werden auch Begriffe wie Nation, Gesellschaft oder Verfassung zum Staat in Bezug gesetzt. In einem dritten Schritt stellt der Autor die Akteure im Staat vor, um im Schlusskapitel den auch vom Handeln sub- und suprastaatlicher Akteure beförderten Wandel der Staatlichkeit zu beschreiben. Somit stellt der Band alle für die politikwissenschaftliche Analyse des Staates relevanten Kategorien und Analyseelemente zusammen. Ergänzt um ein umfangreiches Literaturverzeichnis, eignet sich der Band für alle an Staatstheorie Interessierten, Politikwissenschaftler wie wissbegierige Laien. Zur Neuauflage: Für die zweite Auflage wurde der gesamte Text revidiert. Dabei wurden Fehler korri-giert und neuere Literatur eingearbeitet. Darüber hinaus wurde das erste Kapitel stark über-arbeitet. Die Darstellung zur historischen Entwicklung ist um einen Abschnitt zur besonde-ren Entwicklung in Mitteleuropa erweitert worden. Völlig neu gefasst wurde Abschnitt 1.3 zu Staatstheorien, der nunmehr darauf zielt, nicht nur die jeweiligen Theorien klarer darzu-stellen, sondern auch die dieses Buch leitende Perspektive deutlicher zu machen.

Produktinformationen

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Der moderne Staat

1.2 Vergleichende Perspektive - Varianten von Staatstraditionen (S. 42)

Der moderne Staat - darauf wies vor allem Max Weber hin - entstand zuerst im Okzident (Weber [1921] 1976: 815). Dessen besondere Merkmale wurden seit dem 19. Jahrhundert mit dem "Kollektivsingular" (Koselleck 2006) Staat bezeichnet, einem Begriff also, der einerseits die durch Gebiet, Nation und Verfassung konstituierte Einheit erfassen und andererseits die komplexer werdende Wirklichkeit des Politischen auf einer hohen Abstraktionsebene zusammenfassen sollte.

Staatenbildung und -entwicklung variierten aber in den einzelnen Territorien Europas (Ertman 1997, Finer 1997, Gerstenberger 1990, Mann 1986, 1993, Reinhard 1999, Rokkan 1999, Tilly 1990) und führten zu unterschiedlichen "Staatstraditionen", die auch das Verständnis von "Staatlichkeit" und die politische Praxis in der Gegenwart noch prägen.

Auf die Vielfalt der Ergebnisse historischer Prozesse wurde im vorangehenden Abschnitt bereits hingewiesen. Diese werden in "state traditions" oder "families of nations" eingeteilt, wobei die Klassifikationen variieren. Kenneth Dyson (1980) etwa unterscheidet zwischen den angelsächsischen, germanischen und napoleonischen Staaten, denen John Loughlin (2001) ein skandinavisches Modell hinzufügte. Andere Autoren betonen die Besonderheit der südeuropäischen Staaten.

Die Niederlande und die Schweiz repräsentieren wiederum ein spezifisches Modell, weil sich hier konsoziale Demokratien aus dezentralen Föderationen entwickelt haben. Auch in Osteuropa finden wir eigene Entwicklungspfade. Ferner haben sich mit der globalen Ausbreitung des Staates weitere Formen ergeben. Diese kamen zunächst durch den Imperialismus zustande, mit dem die Kolonialmächte ihre spezifischen Institutionen und Praktiken auf die von ihnen beherrschten Kolonien übertrugen.

Die Länder des britischen Commonwealth unterscheiden sich deshalb von den Ländern in Afrika oder Südamerika, in denen kontinentaleuropäische Staatenmodelle (Frankreich bzw. Spanien) einflussreich waren. Sie wurden später nicht nur durch kulturelle Traditionen in diesen Ländern überformt, die mit der Unabhängigkeit an Bedeutung gewannen, sondern auch durch unterschiedliche Modernisierungsprozesse bzw. marxistische Revolutionen.

Eine eigenständige Staatstradition finden wir in Asien, wobei sich Japan mit dem radikalen Umbruch in der Meji-Ära dem kontinentaleuropäischen Modell des modernen Staates angenähert hat (dazu Finer 1997). Im Folgenden geht es nicht um einen auch nur annähernd umfassenden Vergleich. Ich werde vielmehr - in Anlehnung an Dyson (1980) - die Unterschiede zwischen der angelsächsischen und der kontinentaleuropäischen Staatstradition darstellen, weil sich in ihnen markante Divergenzen im Staatsverständnis zeigen: Das Konzept des Staates war der britischen und amerikanischen Auffassung von Politik lange Zeit fremd.

Während zu Zeiten von Hobbes und Locke noch die Bezeichnung "commonwealth" benutzt wurde (im Sinne eines Gemeinwesens), setzte sich später der Begriff "government" durch. Dies bedeutet nicht, dass es in diesen Gesellschaften keinen Staat gibt - insofern ist die Bezeichnung als "nicht staatlich verfasste" Gesellschaften (Nettl 1968: 562) irreführend. Tatsächlich gilt in der neueren Literatur England als einer der ersten vollständig entwickelten Staaten. Wir finden hier aber ein anderes Verständnis und eine andere Ausprägung von Staatlichkeit als etwa in Frankreich oder in Deutschland. Der Vergleich zwischen diesen Varianten von Staatlichkeit kann unser Verständnis des modernen Staates schärfen.

(a) Die kontinentaleuropäische Staatstradition (Frankreich, Deutschland)

Die Entwicklung des Staates, die im vorhergehenden Abschnitt skizziert wurde, spielte sich in dieser Form vor allem auf dem europäischen Kontinent ab. Auch hier sind aber Unterschiede zu beachten.

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