text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Schwankender Westen Wie sich ein Gesellschaftsmodell neu erfinden muss von Di Fabio, Udo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.09.2015
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Schwankender Westen

Udo Di Fabios Buch analysiert die Fundamente der westlichen Gesellschaft, zeigt deren Gefährdungen auf und plädiert für ein neues Gesellschaftsmodell. Untersucht werden die Auswirkungen, die instabile Finanzmärkte, die Griechenlandkrise oder der Islamische Staat auf den Westen haben und Europa aus dem Tritt bringen. Das fundierte Werk zeigt auf, - welches Bild vom Menschen und der Welt uns leitet, - warum westliche Errungenschaften wie die Würde und Freiheit der Person und Institutionen wie Demokratie, Rechtsstaat und soziale Marktwirtschaft in Gefahr sind - und wie wir das Bewusstsein für die Stärken des Westens und die Rolle Europas schärfen und die Vision eines neuen Gesellschaftsmodells verwirklichen können. Udo Di Fabio ist einer der renommiertesten Verfassungsrechtler und Gesellschaftsanalytiker. Er ist Professor an der Universität Bonn und war zwölf Jahre Richter des Bundesverfassungsgerichts. Unter anderem ist von ihm erschienen Die Kultur der Freiheit.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 261
    Erscheinungsdatum: 16.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406687365
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 922 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Schwankender Westen

46 3. KAPITEL
REFLEKTIERTE KRISENWAHRNEHMUNG - AMBIVALENZ UND KONTINGENZ

Zwangsläufiger Abstieg oder behebbare Fehlentwicklung?

Das soeben skizzierte Krisenpanorama ist keine Diagnose, die unzweideutig Abstieg und Verfall des westlichen Gesellschaftsmodells belegt. Es ist ein erstes Angebot, bestimmte Fehlentwicklungen vielleicht schärfer wahrzunehmen als das üblich ist, jedenfalls aber in einem größeren Zusammenhang. Wer den Westen in der Krise sieht, sollte das reflektiert und informiert begründen, vor allem tatsächliche Krisenindikatoren und tagespolitischen Alarmismus kritisch unterscheiden. Um Aufmerksamkeit zu erringen, arbeiten manche Autoren mit plakativen Untergangszenarien und pflegen damit eine sich selbst verstärkende pessimistische Grundstimmung oder nähern sich den einfachen Erklärungen von Verschwörungstheorien. Steter Alarmismus stumpft ab und leitet inhaltlich auf falsche Fährten. Auf der anderen Seite gibt es allerdings auch eine gegenläufige Neigung zum Wegschauen und technischen Kleinreden von Entwicklungen, die in Wirklichkeit Symptome einer Umwälzung sind.

Der Westen ist nach wie vor stark und er sollte von keinem Gegner unterschätzt werden. Aber ökonomische, wissenschaftlich-kognitive und technisch-militärische Kraft kann sich auf Dauer nur entfalten, 47 wenn sie auf einer starken ideellen und sittlichen Grundlage beruht. Die sittliche Grundlage wiederum hängt von einer angemessenen Identität ab, sowohl in persönlicher Hinsicht als auch die sozialen Kollektive betreffend. Es geht darum, ob eine Gesellschaft weiß, wer sie ist, und wie sie ihre Mittel einzusetzen hat, damit ihre Identität gewahrt und wirksam verteidigt wird. Hieran fehlt es dem Westen inzwischen. Vieles deutet sogar darauf hin, dass Europa und Nordamerika intellektuell fehlprogrammiert sind, dass die einstmals so kraftvollen selbstexpansiven Tugenden der Persönlichkeitsentfaltung 46 nicht mehr hinreichend gepflegt, dass ihre durchdachten Institutionen vernachlässigt werden, die Alltagskultur sich vom Identitätsfundament abgekoppelt und deformiert zeigt.

Der peruanische Wirtschaftswissenschaftler Hernando de Soto hat in der französischen Zeitschrift "Le Point" 47 zu den Thesen Thomas Pikettys zur Ungleichverteilung von Kapital 48 ganz bemerkenswerte Einwände formuliert. Für ihn ist europäische Wirtschaftswissenschaft und die der amerikanischen Ostküste im Stile Pikettys eine mitunter ideologisch geprägte Veranstaltung gutmeinender Menschen, ohne ausreichende empirisch valide Basis, die nicht genug weiß von Lebensverhältnissen in Ländern wie Ägypten mit ihrer geradezu dominanten Schattenwirtschaft, die mit gängigen Datensätzen statistisch nicht erschließbar ist. Am bemerkenswertesten aber ist de Sotos Identifizierung "des Westens" mit alten antikapitalistischen Klischees: "Für die meisten von uns, welche nicht in der Denkweise des Westens und in europäischen Kategorisierungen gefangen sind, sind Kapital und Arbeit nicht natürliche Feinde, sondern miteinander verbundene Facetten ein und desselben Kontinuums."

Warum steht in dieser Sichtweise die Meinung Pikettys für den europäisch-nordamerikanischen Westen und warum nicht die Einwände de Sotos , der sich viel deutlicher am neuzeitlich westlichen Weltbild orientiert? Hat der Westen sich in seinen Kernregionen vielleicht selbst entwestlicht?
48 Starker oder schwacher Westen?

Die westliche Welt sollte ihren scharfen Blick bewahren, sonst verpasst sie die Ungleichzeitigkeiten fragmentierter Weltwahrnehmungen, die einen Zeiten- und Epochenumbruch ankündigen. Jenseits des westlichen Wertesystems, das jeden einzelnen Menschen mit seiner angeborenen Würde und Befähigung zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit in die Mitte der legitimen Ordnung rückt, enden

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen