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Allah ist groß, die Hoffnung klein Begegnungen im Nahen Osten von Aders, Thomas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.03.2015
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Allah ist groß, die Hoffnung klein

Auf den Spuren des IS in Syrien, unterwegs in Ägypten, Saudi-Arabien oder dem Irak - als ARD-Korrespondent berichtet Thomas Aders aus dem Nahen Osten. Seine Beiträge über Menschen, ihre Schicksale und ihre Lebenswelt dauern maximal zwei Minuten und dreißig Sekunden. Erstmals erzählt er ausführlich von bewegenden und grausamen Momenten, die jenseits des Nachrichtenalltags stattfinden. Thomas Aders zeichnet sehr persönliche Porträts von Menschen und Orten, von Terroristen und Opfern. Er lässt Augenblicke der Recherche aufleben, die sich mit der Kamera kaum einfangen lassen. Die Erzählungen führen an entlegene Orte - auf einen Dorfplatz im Südsudan, in die weltgrößte Molkerei in Saudi-Arabien oder in ein Krankenhaus im Jemen. Sie lassen Unterstützer von Baschar al-Assad in Syrien oder fastende Muslimbrüder in Kairo zu Wort kommen. In Bagdad begegnet Aders Saher und ihren beiden Söhnen. Die Mutter versteckt sie 1980 im Kinderzimmer vor dem mordenden Regime Saddam Husseins, erst 2003 können sie das Haus wieder verlassen. Aders ist dabei, als sie auf die Straßen gehen, taumelnd angesichts der Eindrücke, die nichts mehr mit ihrer kindlichen Lebenswirklichkeit zu tun haben. Mit einem Vorwort von Jörg Armbruster.

Thomas Aders, Jahrgang 1961, ist promovierter Historiker und Journalist. Für die ARD war er als Korrespondent im Nahen Osten, im südlichen Afrika und in Südamerika tätig. Seit Anfang 2012 ist er ARD-Sonderkorrespondent für den arabischen Raum. Thomas Aders lebt auf einer Nilinsel in Kairo.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 260
    Erscheinungsdatum: 11.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455851441
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 874kBytes
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Allah ist groß, die Hoffnung klein

Zum ersten Mal am Nil

Kairo und Luxor, Mai 1998

Ich habe die Augen geschlossen. Der heiße Wind auf meinen Armen und dem Hals. Die Sonnenstrahlen greifen an, wo sie können, beißen sich auf dem Oberarm fest, treiben Wasser aus dem Körper, der sich kühlen will - vergeblich. Nach all den Treppen, die jetzt hinter mir liegen, atme ich noch schwer. Nebenan, einen Schritt entfernt, in den Wandelgängen neben den Säulen, steht wie ein kühler Block der Schatten, man kann ihn durch das Hemd spüren. Ich rieche die Wüste.

Ich bin am Totentempel der Pharaonin Hatschepsut vor dem steil aufragenden Felsmassiv, hinter dem das Tal der Könige liegt. Doch ich kann die vollkommene Schönheit dieser wunderbar erhaltenen Anlage nicht genießen, vor einem halben Jahr hatte der Tempel im Fokus der Weltöffentlichkeit gestanden, denn sechs Aktivisten der radikalen Gamaa al-Islamiya hatten hier am Morgen des 17 . November 1997 insgesamt 62 Menschen umgebracht, um dem Tourismus den Todesstoß zu versetzen und dadurch das verhasste Regime Mubarak zu treffen. 36 der Getöteten stammten aus der Schweiz, auch zehn Japaner und vier Deutsche gehörten zu den Opfern. Ich hatte als zuständiger Ersatzberichterstatter in Stuttgart mehrere Nachrichtenfilme über dieses Massaker produziert, mit den wenigen aussagekräftigen Bildern, darunter den Punkten, die durch die Wüste rennen, weg von dem Ort, wo die Männer gerade unschuldige Menschen umgebracht haben. Was sind das für Menschen? Was denken sie? Wie denken sie?

Im Mai 1998 bin ich zum ersten Mal für die Auslandsredaktion des SWR unterwegs, zum ersten Mal am Nil, als Vertreter des Korrespondenten im ARD -Studio für die arabische Welt in Kairo. Von dort aus bin ich - auch dies eine Premiere für mich - nach Oberägypten geflogen, nach Luxor, um einen Beitrag über die pharaonische Mumifizierungskunst zu produzieren. Jetzt stehe ich mit geschlossenen Augen auf der ersten Ebene des Tempels, dem Tal zugewandt und der Rampe. Über diesen langgezogenen Zugang vor mir waren die Touristen gekommen, zu Fuß, den Bus hatte der Fahrer abseits auf dem Parkplatz stehen lassen. Genau hier waren die Terroristen in den Tempel vorgedrungen, hatten ihr grausames Werk vollbracht und waren dann geflüchtet, bis die Polizei sie schließlich irgendwo in der sandigen Ebene mit der Hilfe von Anwohnern stellte und erschoss. Seit diesem Attentat befasse ich mich mit dem islamistischen Extremismus und den Menschen, die ihn verinnerlicht haben. Wie waren sie so geworden? War es ihnen egal, dass sie sterben würden? Hätten sie sich selbst Terroristen genannt? Woher kam ihr Hass, woher kamen sie?

Heutzutage kommen die Extremisten aus der ganzen islamischen Welt, von Somalia bis Marokko, vom Libanon bis zum Jemen, von Afghanistan bis Indonesien - und neuerdings verstärkt auch aus Europa. Sie sind so unterschiedlich wie ihre Nationalitäten, aber es gibt eine Art Grundkonsens: die Feindseligkeit gegenüber "dem Westen" und seinen Werten, die radikale Fokussierung auf den genauen Wortlaut des Koran, die Ablehnung jedes Liberalismus. Wer für ein friedliches Zusammenleben der Religionen ist, der zieht sich ihren Hass zu. Ich werde an späterer Stelle noch thematisieren, wie wichtig Saudi-Arabien für die Entwicklung des islamischen Extremismus war, aber in der Neuzeit hat er seine Wurzeln tief im Sande Ägyptens.

Zu Beginn des 20 . Jahrhunderts war der Bedeutungsverlust dieses Landes in vollem Gange. Dass Kairo "Umm id-Dunya" genannt worden war, "Mutter der Welt", traf schon lange nicht mehr zu. Heute ist davon nur übrig geblieben, dass Kairo eine der größten Städte in Afrika ist und Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land. Ende der zwanziger Jahre aber strahlten die politischen, kulturellen und gesellschaftli

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