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Am Anfang war Heimat Auf den Spuren eines deutschen Gefühls von Rathgeb, Eberhard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.03.2016
  • Verlag: Blessing
eBook (ePUB)
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Am Anfang war Heimat

Heimat als Gedanke und Gefühl.
Wie kommt es, dass ein Mensch sich in Deutschland zu Hause fühlt? Dass er sagt: Hier ist meine Heimat? Die Antwort darauf führt durch die Verschlingungen eines komplizierten Gefühls. Und sie zeigt, was Heimat heute bedeutet und wie man dennoch offen für die Fremde bleiben kann.
Am Faden der Lebensgeschichte seines Vaters erzählt Eberhard Rathgeb von Erfahrungen, die mit dem Tag beginnen, an dem einer auf die Welt kommt. Die individuell sind und dennoch in den Biografien berühmter Künstler und Denker ihren Widerhall finden. Vom Aufwachsen im Kleinen, dort, wo einer Verbundenheit fühlt, von Prägungen, die Seele, Geist und Gemüt erfahren, von Flucht, Exil und Tod, von der Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat, von heimatlichen Fantasien und vertrauten Gedanken, von Nähe und Fremde.
Bei der Suche nach der deutschen Heimat und deren Bedeutung für ein Leben helfen unter anderem auch Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Albrecht Dürer, Tilman Riemenschneider, Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Stefan Zweig, ein Wolfsjunge und namenlose Flüchtlinge, die eines Tages im Nachbardorf auftauchen.

Eberhard Rathgeb, 1959 als Sohn deutscher Einwanderer in Buenos Aires geboren, übersiedelte als Kind 1963 mit seiner Familie nach Deutschland. Er war Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ihrer Berliner Sonntagsausgabe. 2013 erhielt er den Aspekte-Literaturpreis für seinen Debütroman Kein Paar wie wir. 2016 erschien bei Blessing sein viel gelobtes Sachbuch Am Anfang war Heimat. Auf den Spuren eines deutschen Gefühls.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 08.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641183288
    Verlag: Blessing
    Größe: 685 kBytes
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Am Anfang war Heimat

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EIN GEFÜHL FÜR DEUTSCHLAND

Deutschland ist ein gutes Land, dachte mein Vater ohne jede Leidenschaft, und er sagte das nicht, weil es sich von selbst verstand, und wenn da einer gewesen wäre, dem er das erst hätte sagen und erklären müssen, mit dem hätte er nicht lange geredet. Wer das nicht sah und nicht merkte, wo lebte der, dachte er und schwieg, erfüllt von der Ruhe eines jahrzehntelangen Einverständnisses, vom Gefühl der Zugehörigkeit. Unmöglich oder ungeheuerlich wäre es für ihn, wenn einer schlecht über das Land redete, und sobald er darüber nachdachte, regte er sich auf, aber dann sagte er bloß: Ach, und winkte mit der Hand ab. Und wir Kinder dachten, er führt wieder Selbstgespräche, jetzt bricht er die Diskussion ab, gleich steht er auf und geht, weil es sich nicht lohnt, mit so einem, der nichts versteht, weiterzureden. Auch der Blick aus dem Fenster weckte in ihm keinen Zweifel am Leben in Deutschland. Weder die monotonen Einfamilienhäuser noch ihre Vorgärten und die Supermärkte, noch die Menschen, die hier wohnten, irritierten ihn, von einigen Ausnahmen abgesehen. Auch die Kinder störten sich nicht daran und spielten im Garten Fußball, gingen die Straße hinunter zur Schule, den Ranzen auf dem Rücken, fuhren mit dem Fahrrad zum Schwimmbad, und wenn ein Einkauf im Supermarkt anstand, waren sie sofort dabei und drängelten sich zwischen den Regalen und holten sich ihre Tüten mit Süßigkeiten.

Mein Vater ertrug das Leben stoisch, als sei es gut so, wie es war, oder als hätte er keine Wahl, als sei das Leben, wie es sich ihm zeigte, nicht zu ändern. Und wie ihm erging es den anderen auch, sie machten allesamt einen zufriedenen Eindruck: Familie, Arbeit, Haus, Garten, Auto. Er setzte voraus und forderte, dass Gesetze, Regeln und Konventionen eingehalten wurden und nannte das: sich benehmen können. Selten hörte er Musik, am liebsten Beethoven, und dann konnte es passieren, dass er mitten im Wohnzimmer stand, den Kopf nach vorne gebeugt, den einen Arm angewinkelt, die Finger der Hand ausgestreckt, und diese Gerade ging im Takt auf und ab, und er sagte dazu leise, Tack, tack, tack, er dirigierte ein unsichtbares Orchester, er ordnete seine Welt und vergaß die Politik, die ihn immerzu auf Trab hielt, ging es doch um sein Land.

Nur auf dem Sterbebett dachte er nicht mehr daran, dass die Regierung sich des Landes als würdig erweisen und das Richtige tun sollte. Die Verantwortlichen müssten nur vernünftig sein, dachte er, dann wäre alles einfach und das Land würde nicht kaputt gehen, nicht zerstört werden wie ein Haus, das zusammenfiel, weil die Bewohner es verrotten ließen. Diese Sorge trieb über mehrere Flüsse bis an die Landesgrenzen und darüber hinaus. Der Satz, der sich anschloss und als halbe Portion in der Luft hängen blieb, lautete: Wenn die Menschheit nur vernünftig wäre ... Darauf schwieg er, weil die Annahme keinen Sinn machte, und die Folgen aufzuzählen erübrigte sich für ihn, er war kein Träumer, der glaubte, dass es irgendwann keine Kriege mehr geben werde, keinen Hunger, kein Leid und keine Not.

Er hielt die Zeitung in den Händen aufgeschlagen vor sich, ein Dach, ein Zelt, unter dem er für Stunden verschwand, zur Hälfte unsichtbar geworden, ein Denkmal des informierten Bürgers, und las jeden Satz, aus Interesse an der Gegenwart, um ein Teil von etwas Größerem zu werden, und weil er wissen wollte, was um ihn herum geschah, mit ihm und in seinem Sinne oder gegen seine Vorstellungen. Er vertiefte sich in die Zeitung auch, um die Zeit bis zum Mittagessen totzuschlagen und der Enge zu entkommen, in die das Alter ohne Beruf ihn geführt hatte. Diese Stunden waren für ihn die besten am Tag. Auf sie freute er sich, er verließ das Haus, ohne sich bewegen zu müssen, er kam durch die Welt, er traf auf Menschen, die wichtig genug waren, dass über sie berichtet wurde. Er vergaß sich selbst, wo er war und wie alt er war. Wenn er die Zeitung s

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