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Arthur und Lilly Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende - Zwei Leben, eine Geschichte von Maier, Lilly (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2018
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
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Arthur und Lilly

Was uns die Vergangenheit zu erzählen hat 'Ich hatte ein tolles Leben', erzählt Arthur Kern und meint seine Kindheit in Wien - bis zu jenem Moment, als er 1939, gerade mal zehn Jahre alt, jäh von seiner Familie getrennt wird. In der Hoffnung, ihn vor dem Holocaust zu bewahren, schicken ihn seine jüdischen Eltern mit einem Kindertransport in die Fremde - ein traumatisches Erlebnis für den Zehnjährigen. Zwar kann er sich über Frankreich nach Amerika retten, doch seine Familie wird er nicht mehr wiedersehen. 60 Jahre später: Bei einem Besuch der Wiener Wohnung seiner Kindertage lernt Arthur die elfjährige Lilly Maier kennen. Eine schicksalhafte Begegnung für beide, die nicht nur Lillys weiteres Leben prägt, sondern auch dazu führt, dass Arthur ein spätes Vermächtnis seiner Eltern zuteil wird ... Lilly Maier, Jahrgang 1992, studierte in München Geschichte und an der New York University in Amerika Journalismus. Ihre Abschlussarbeit über die langfristigen Nachwirkungen der Kindertransporte, wurde mit dem 'Forscherpreis für exzellente Studierende 2014' ausgezeichnet. Sie arbeitet als Referentin in der KZ-Gedenkstätte Dachau und stellt ihre Forschung regelmäßig in Vorträgen vor. Als freiberufliche Journalistin schreibt sie u. a. für FOCUS Online, Kurier, The Forward, The Columbus Dispatch, Die StadtSpionin und PolitiFact.com.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 12.11.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641228644
    Verlag: Heyne
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Arthur und Lilly

Prolog

Ich schreibe dieses Buch fast fünfzehn Jahre nach meinem ersten Treffen mit Arthur und Trudie Kern. Von Zeit zu Zeit denke ich gerne an jenen Märztag zurück, an dem die Vögel sangen und die Knospen an den Bäumen den Frühling ankündigten. Niemand von uns wusste damals, wie sehr diese Begegnung unser aller Leben beeinflussen würde - und wie eine Wohnung in Wien unsere Familien für immer verbinden würde.

Arthur nannte unser erstes Treffen später "eines der Highlights seines Lebens". Im Englischen gibt es die nostalgische Redewendung " you can never go home again ", du kannst niemals wieder nach Hause gehen. Gemeint ist damit nicht eine örtliche Beschreibung, sondern ein Gefühl von Vergänglichkeit, das es uns nicht erlaubt, in unsere Vergangenheit zurückzukehren. "Aber ich kehrte zurück", erzählte Arthur mir vor einigen Jahren mit einem Strahlen im Gesicht. "Und es war wunderbar."

Die Gussenbauergasse in Wien ist eine verschlafene, kleine Straße im Alsergrund, dem 9. Gemeindebezirk. Selbst die Taxler, wie man Taxifahrer in Wien nennt, kennen die nach dem Chirurgen Carl Gussenbauer benannte Gasse nur selten. In wenigen Minuten geht man von hier zu Fuß zum Donaukanal oder zum Palais Liechtenstein, einem der vielen Prachtbauten, die Wien seinen imperialen Charme verleihen. Die Gussenbauergasse selbst besteht nur aus sechs Häusern, fünf von ihnen wurden um die Jahrhundertwende erbaut, in den 1920ern folgte dann noch ein großer Gemeindebau, der Sigmund-Freud-Hof. Von außen betrachtet am prunkvollsten ist die Gussenbauergasse 1, ein 1911 erbautes Eckhaus mit steinernen Verzierungen. Wie in alten Wiener Häusern üblich, heißt der erste Stock hier Mezzanin, sodass das fünfstöckige Gebäude offiziell nur vier Etagen zählt und die Erbauer bei der um 1900 gängigen Stockwerksteuer sparen konnten. Das Haus hat schon bessere Tage gesehen, aber die Wohnungen protzen noch immer mit hohen Wänden, weitläufigen Räumen und stuckverzierten Decken.

Von 1999 bis 2011 - meine gesamte Schulzeit über - habe ich gemeinsam mit meiner Mutter im Mezzanin in der Gussenbauergasse 1 gewohnt. Am Anfang war unser Zuhause eine ganz normale Wohnung - doch all das änderte sich am 30. März 2003, dem Tag, als uns Arthur und Trudie Kern besuchten.

Der 30. März 2003 war ein Sonntag und einer der ersten warmen Frühlingstage des Jahres. Wohin man auch blickte, unsere ganze Wohnung glänzte - bis hin zu meinem Kinderzimmer, das ich in langwieriger Arbeit vom Chaos einer Elfjährigen in ein Paradebeispiel an Ordentlichkeit verwandelt hatte. All meine Bücher standen gerade in meinem Regal, meine Kuscheltiere saßen aufgereiht auf meinem Stockbett, und die frisch gewaschenen roten Leinenvorhänge verströmten einen feinen Geruch nach Waschmittel. Meine Mutter und ich waren gerade auf dem Weg in die Küche, da läutete es auch schon: Trudie und Arthur Kern standen vor der Tür.

Arthur sah aus wie ein typischer 75-jähriger Amerikaner: Ein kurzer weißer Haarkranz umrundete seine Halbglatze, er trug eine marineblaue Hose, eine Brille mit großen runden Gläsern und ein grau gestreiftes Poloshirt, das seine kalifornische Bräune zur Geltung brachte. Dass er gerade einen Transkontinentalflug hinter sich hatte, merkte man dem pensionierten Raketentechniker überhaupt nicht an. Stattdessen leuchteten seine Augen, als er kurz nach der Begrüßung mit kräftigen Schritten durch unsere Wohnung ging. "Das war das Klavierzimmer!", rief er begeistert, als er mein Kinderzimmer betrat.

Mein Kinderzimmer war tatsächlich einmal ein Klavierzimmer gewesen - in den 1930er-Jahren. Als kleiner Junge wuchs Arthur in derselben Wohnung auf, in die meine Mutter und ich Jahrzehnte später zogen. Und nach über sechzig Jahren sah er die Räume nun zum ersten Mal wieder!

Für den Amerikaner stellte der Besuch seiner alten Wohnung eine Reise in die Vergangenheit dar, eine Erinnerung an eine

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