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Augen auf und durch Gebrauchsanweisung für unruhige Zeiten von Laczynski, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.03.2018
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Augen auf und durch

Wirtschaftskrisen, Erfolge populistischer Parteien, die Wiederkehr nationalistischer Reflexe, die rasant fortschreitende Digitalisierung von Alltag und Berufswelt geben genug Anlass für Pessimismus. Diskussionen werden zunehmend aggressiv geführt, offensiv zur Schau gestellte Ignoranz beherrscht die virtuellen und realen Stammtische. Es wirkt, als ob alle eine Meinung hätten, aber niemand eine Ahnung, wohin die gesellschaftspolitische Reise geht. Grund genug für einen Leitfaden zum Leben in diesen unruhigen Zeiten - inhaltlich fundiert, doch mit viel Witz und Ironie. Ein Buch, das auf amüsante Weise die großen Themen der Gegenwart angeht: Populismus, Abstiegsangst und Leistungsdruck, Verrohung der Kommunikation, 'Führer'- Sehnsucht, Zukunftssorgen. Michael Laczynski, geboren 1973 in Warschau, war bis März 2017 EU-Korrespondent der Tageszeitung 'Die Presse' in Brüssel und berichtet derzeit aus der Wiener 'Presse'-Redaktion über Europa-Themen. Er studierte Wirtschaft und Japanologie in Wien und Tokio, berichtete für die 'Austria Presse Agentur' aus Japan, war Mitbegründer des Kulturmagazins 'Touristen' und leitete das Osteuroparessort des 'Wirtschaftsblatts'. 2015 wurde er mit dem Europa-Staatspreis der österreichischen Bundesregierung ausgezeichnet. Zuletzt erschienen: 'Fürchtet euch und folgt uns' (2017).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 06.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701745746
    Verlag: Residenz Verlag
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Augen auf und durch

1

Willkommen in unruhigen Zeiten

"Die Zukunft ist nicht mehr das, was sie einmal war."

YOGI BERRA

An einem klaren Frühlingsmorgen, am 18. April 2017, machte die 73-jährige Pensionistin Brenda gerade einen Spaziergang durch ihre Nachbarschaft in der südwestenglischen Stadt Bristol, als in London Premierministerin Theresa May vor die Tür ihrer Residenz trat, um die Ausrufung vorgezogener Neuwahlen zu verkünden. May, die von der innenpolitischen Sturmflut nach dem britischen EU-Austrittsvotum im Juni 2016 eher zufällig in die Downing Street 10 gespült wurde, erhoffte sich von der Neuwahl eine persönliche Bestätigung und ein Mandat, um mit jenen Querulanten innerhalb der Regierungspartei kurzen Prozess machen zu können, die nicht genug Enthusiasmus für den bevorstehenden Brexit an den Tag legten. "Die Saboteure müssen dran glauben!", urteilten die Scharfrichter des Boulevardblatts "Daily Mail", während sich auf den Regierungsbänken die Befürworter eines harten Bruchs mit Europa im Glauben wiegten, Mays zu erwartender Blitzsieg würde das perfide Brüssel in die Knie zwingen. Sobald die Wahl gewonnen sei, werde die EU den Briten all das gewähren, was sie ihnen bisher vorenthalten habe - nämlich alle Vorteile einer EU-Mitgliedschaft ohne lästige Pflichten wie Mitgliedsbeiträge oder Reisefreiheit für unliebsame Ausländer. Man werde sich endlich an dem ewig reichhaltigen Kuchenbüfett laben können, das Außenminister Boris Johnson den Briten im Vorfeld des Brexit-Referendums versprochen hatte.

Noch bevor May mit ihrer Rede an die Nation fertig war, schwärmten überall im Vereinigten Königreich die Reporter aus, um die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die überraschende Ankündigung der Regierungschefin einzuholen. Wie würden die Menschen zehn Monate nach der aufwühlenden Abstimmung über die Mitgliedschaft ihres Landes in der Europäischen Union auf einen neuerlichen Urnengang reagieren? Für die BBC war in den Straßen von Bristol der Fernsehjournalist Jon Kay unterwegs. Er stieß auf eine dunkel gekleidete, ältere Dame mit gepflegtem, silbergrauem Kurzhaarschnitt und fragte sie vor laufender Kamera nach ihrer Meinung zu Mays Vabanquespiel.

Jon Kay: "Madam, Premierministerin Theresa May hat soeben vorgezogene Neuwahlen beschlossen."

Brenda aus Bristol: "Das ist doch ein Scherz, oder? ( fassungslos ) Schon wieder eine Wahl? Lieber Gott, ich halte das nicht mehr aus ... Es gibt zu viel Politik in diesem Land! Warum um Himmels Willen muss sie das ausgerechnet jetzt tun?" 1

Warum bloß? Diese nicht gänzlich aus der Luft gegriffene Frage stellte man sich an diesem Tag nicht nur in Bristol. Im Lauf der nächsten Stunden avancierte das BBC-Interview mit der pensionierten Sekretärin zu einem der meistgesehenen Videoclips in Großbritannien. Im sozialen Netzwerk Twitter wurde #Brenda zum Synonym für den Überdruss der Briten an den nicht enden wollenden Grabenkämpfen zwischen den politischen Eliten des Landes, deren Interessen mit den Bedürfnissen der Bevölkerung immer weniger deckungsgleich zu sein schienen. Und als am Wahltag knapp zwei Monate später die Stimmen der "kleinen Leute von der Straße" ausgezählt waren, erhielten die Tories die Quittung: Anstatt zu triumphieren, verlor die Regierungspartei ihre Parlamentsmehrheit. Ihren Posten konnte Theresa May zwar durch einen Deal mit der nordirischen Regionalpartei DUP retten, ihre Reputation aber war irreparabel beschädigt. Und kein einziges Problem war gelöst. Die britische Gesellschaft war gespaltener, die Verhandlungen mit der EU über die Modalitäten des Austritts wurden schwieriger, die Zeit knapper und die Gräben zwischen Europafreunden und -feinden tiefer.

Der einzige, wenn auch schwache Trost: Das Image der politischen Ents

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