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Das Licht, das erlosch Eine Abrechnung von Krastev, Ivan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.11.2019
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Das Licht, das erlosch

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde das liberal-demokratische Modell westlicher Prägung alternativlos. Heute zerbrechen weltweit Demokratien vor unseren Augen, zersetzt von Populismus, Nationalismus und der Abkehr von freiheitlichen Werten - gerade auch in Osteuropa. Warum hat der Westen seine Strahlkraft verloren? In ihrer brillanten Analyse zeigen Ivan Krastev und Stephen Holmes, dass das seinerzeit ausgerufene "Ende der Geschichte" in Wahrheit ein Zeitalter der Nachahmung einläutete. Drei Jahrzehnte lang sah sich der Osten gezwungen, den Westen zu imitieren, und versank in Gefühlen der Unzulänglichkeit, Abhängigkeit und des Identitätsverlusts. Inzwischen hat das Vorbild seine moralische Glaubwürdigkeit verloren - und ein gefährliches Wertevakuum geschaffen. "Ein bahnbrechendes Werk über die Politik seit dem Ende des Kalten Kriegs, das uns zwingt, bisherige Überzeugungen infrage zu stellen und die komplexe Dialektik aus Liberalismus und Antiliberalismus neu zu bewerten." George Soros "Es ist ein Buch, das einen dazu verführt, fast auf jeder Seite etwas zu unterstreichen und sich Anmerkungen zu machen. Mit dem Nachahmungsparadigma haben die Autoren ein anregendes Instrumentarium gefunden, um die massenpsychologischen Prozesse unserer Gegenwart offenzulegen. Die Fülle an überraschenden Einsichten und Beobachtungen ist beträchtlich, der detaillierte Blick auf Mentalitätsverschiebungen nicht durch die immer gleichen antifaschistischen Großbegriffe und Ismen verstellt." Die Zeit , Adam Soboczynski "Ivan Krastev ist einer dieser Philosophen, die auch Geschichtenerzähler sind; seine Pointen, Witze, Anekdoten sind Wegweiser, während er von einem Gedanken zum nächsten wandert...Zusammen mit dem New Yorker Rechtsphilosophen Stephen Holmes hat er gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung". Und was für eine." Der Spiegel , Lothar Gorris "Ivan Krastev ist einer der großen europäischen Denker unserer Zeit." Timothy Snyder "Krastev zu lesen ist ein Genuss, denn in seiner stilistischen Kunst finden die Liebe zur Literatur, die politische Illusionslosigkeit und die Schönheit des Gedankens zusammen." Die Zeit , Elisabeth von Thadden "Stephen Holmes ist einer der brillantesten politischen Philosophen Amerikas." Tzvetan Todorov Ivan Krastev, 1965 in Bulgarien, ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, wo er den Schwerpunkt Die Zukunft der Demokratie leitet. Er schreibt für die internationale Ausgabe der New York Times. 2017 erschien sein Essay Europadämmerung.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 309
    Erscheinungsdatum: 04.11.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843721561
    Verlag: Ullstein
    Originaltitel: The Light that Failed
    Größe: 2547 kBytes
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Das Licht, das erlosch

Das Unbehagen
an der Nachahmung

Wir sind alle als Originale geboren - wie kommt es,
dass so viele von uns als Kopien sterben? Edward Young
Gestern war die Zukunft besser. Wir glaubten, das Jahr 1989 habe "die Vergangenheit fast so klar von der Zukunft geschieden wie die Berliner Mauer den Osten vom Westen", 1 und wir konnten uns "nur schwer eine Welt vorstellen, die von Grund auf besser ist als die, in der wir leben, oder uns eine Zukunft ausmalen, die nicht demokratisch und kapitalistisch geprägt ist". 2 Heute denken wir anders. Die meisten von uns haben jetzt sogar Schwierigkeiten, sich im Westen eine Zukunft vorzustellen, die stabil demokratisch und liberal bleibt.

Nach dem Ende des Kalten Krieges war die Hoffnung groß, dass die liberale kapitalistische Demokratie weltweit Verbreitung finden werde. 3 Die geopolitische Bühne schien für ein optimistisches Lehrstück wie George Bernard Shaws Pygmalion bereitet, in dem ein Professor für Sprachwissenschaften einem armen Blumenmädchen innerhalb kurzer Zeit beibringt, wie die Queen zu sprechen und sich in vornehmer Gesellschaft wie zu Hause zu fühlen.

Nachdem sie voreilig die Integration des Ostens in den Westen gefeiert hatten, erkannten interessierte Beobachter irgendwann, dass das Spektakel, dem sie gerade beiwohnten, ganz und gar nicht so ablief wie geplant. 4 Statt einer Vorstellung von Pygmalion bekam die Welt eine Bühnenfassung von Mary Shelleys Roman Frankenstein zu sehen, einem pessimistischen Lehrstück über einen Mann, der beschließt, Gott zu spielen, indem er nachgebaute Körperteile zu einem menschenähnlichen Geschöpf zusammensetzt. Das entstellte Ungeheuer, das sich zu Einsamkeit, Unsichtbarkeit und Ablehnung verurteilt sieht, ist neidisch auf das unerreichbare Glück seines Schöpfers. Es wendet sich gewalttätig gegen dessen Freunde und Familienangehörige, legt ihre Welt in Schutt und Asche und hinterlässt als Vermächtnis eines fehlgeleiteten Experiments zur menschlichen Selbstreproduktion nichts als Reue und tiefen Kummer.

Dieses Buch zeigt auf, wie der Liberalismus zum Opfer seines im Kalten Krieg vorausgesagten Erfolgs wurde. Oberflächlich kann man eine Reihe politischer Ereignisse dafür verantwortlich machen, die die Welt in ihren Grundfesten erschütterten: der Angriff vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York; der zweite Irakkrieg; die Finanzkrise von 2008; Russlands Annexion der Krim und der Einmarsch in die Ostukraine; die Ohnmacht des Westens, als Syrien einen humanitären Albtraum erlebte; die Flüchtlingskrise 2015 in Europa; das Brexit-Referendum und die Wahl von Donald Trump. Das leuchtende Abendrot der liberalen Demokratie wurde nach dem Kalten Krieg auch vom chinesischen Wirtschaftswunder entzaubert, das einer politischen Führung zu verdanken ist, die sich ganz unmissverständlich weder liberal noch demokratisch gibt. Versuche, den guten Namen der liberalen Demokratie zu retten, indem man sie positiv von der nicht westlichen Autokratie abhebt, untergrub der Westen, indem er sinnlos liberale Normen verletzte, also etwa Gefangene folterte oder zuließ, dass seine demokratischen Institutionen ganz augenfällig versagten. Bezeichnenderweise schlagen sich liberale Wissenschaftler heute vor allem mit der Frage herum, wie Demokratien verkümmern und sterben. 5

Selbst das Ideal einer "offenen Gesellschaft" hat seinen einst bejubelten Glanz verloren. 6 Bei vielen desillusionierten Bürgern weckt das Stichwort Weltoffenheit heute eher Angst als Hoffnung. Als die Berliner Mauer fiel, gab es nur sechzehn Grenzzäune weltweit. Heute sind fünfundsechzig befestigte Grenzen fertiggestellt oder im Bau. Den Forschungen von Élisabeth Vallet (Quebec University) zufolge errichtet gerade fast ein Drittel aller Länder der Welt Absperrungen entlang ihrer Grenzen. 7 Die drei Jahrzehnte nach 1989 erweisen sich im Nachhinein als

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