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Denken in einer schlechten Welt von De Lagasnerie, Geoffroy (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.04.2018
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Denken in einer schlechten Welt

Wir sind Zeuge eines politischen Rollbacks, den viele noch immer nicht richtig fassen können: Bei Wahlen triumphieren Rechtspopulisten und Rassismus, Homophobie und religiöser Fundamentalismus sind auf dem Vormarsch. Angesichts einer schlechten Welt müssen auch die Intellektuellen die Umstände ihres Tuns einer kritischen Analyse unterziehen. Geoffroy de Lagasnerie fordert, die Bequemlichkeit des Rückzugs hinter die Wertfreiheit der Wissenschaft und die Autonomie der Kunst infrage zu stellen und sich unangenehme Fragen zu stellen: Rechtfertigt ein schön geschriebener Satz eine rassistische Aussage? Wem nützt die Wissenschaft? Nur wenn wir gegenüber diesen Problemen Stellung beziehen, können wir zu einem wirklich kritischen Denken beitragen. Geoffroy de Lagasnerie, 1982 geboren, ist Philosoph und Soziologe und lehrt als Professor an der École nationale supérieure d'arts de Cergy-Pontoise. Zusammen mit dem Soziologen Didier Eribon und dem Schriftsteller Édouard Louis engagiert er sich immer wieder in politischen Fragen in der französischen Öffentlichkeit. Auf Deutsch erschienen die Titel Die Kunst der Revolte und Verurteilen (Suhrkamp Verlag).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 120
    Erscheinungsdatum: 18.04.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957575982
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Originaltitel: Penser dans un monde mauvais
    Größe: 152 kBytes
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Denken in einer schlechten Welt

I.
Die Kultur mit der Gesellschaft konfrontieren

Die Frage des Verhältnisses von Kultur und Politik, der gesellschaftlichen Einmischung oder auch der Aufgabe des Intellektuellen lässt die Philosophie, die Theorie und die Sozialwissenschaften nicht los. Es gibt keine Denktradition, Schule oder Lehre, die nicht zu irgendeinem Zeitpunkt gezwungen gewesen wäre, zu dieser Debatte Stellung zu beziehen und das eigene Verständnis von Theorie und Wissen sowie von der Verantwortung des Autors darzulegen; zweifellos deshalb, weil man sich als Wissenschaftler oder Intellektueller nicht der notwendigen Auseinandersetzung mit dem Problem entziehen kann, worin der eigene Nutzen besteht und wie er zu bestimmen ist - und sei es mitunter auch nur, um die Relevanz solcher Fragen zurückzuweisen.

Die Ergründung des Verhältnisses geistiger Tätigkeit zur Welt ist keine Frage unter anderen. Sie ist irritierend und unbequem, denn implizit oder explizit führt sie immer dazu, dass wir uns einem Problem stellen müssen, mit dem wir uns - sei es als Leser oder als Autor - lieber nicht befassen würden: dem Problem des Werts und der Bedeutung der Tätigkeit, der wir unser Leben widmen. Es nötigt uns, Distanz zu uns selbst einzunehmen und unser spontanes Einverständnis mit der eigenen Existenz aufzugeben, um uns zu fragen: Wozu ist das, was wir tun, eigentlich gut? Wozu ist das, was ich tue, gut? Warum schreiben? Warum publizieren? Welchen Sinn hat diese Praxis? Wozu Kolloquien, Veranstaltungen, Bücher? Welche Dispositive oder Normen stützen die Bedeutung der von uns praktizierten Wissenschaft, Literatur oder Kunst? Und vor allem: Wie lässt sich das Verfassen theoretischer Literatur mit oppositioneller Praxis in Einklang bringen? Man kann unmöglich Autor, Intellektueller, Wissenschaftler, ja überhaupt Produzent symbolischer Güter sein, ohne von solchen Fragen umgetrieben zu werden und eine gewisse Angst vor den Ansprüchen zu spüren, die sie an einen stellen.

Wenn man von einer Frage verfolgt wird, muss man sich deshalb noch lange nicht direkt und umfassend mit ihr auseinandersetzen. Man kann sie auch verdrängen, auf Abstand halten, man kann sich Mühe geben, sie nicht zu stellen oder ihre Stichhaltigkeit zu bestreiten, um sich ihrer verunsichernden Kraft zu entziehen. Zwischen den Fragen selbst und der Art der Befragung ist sorgfältig zu unterscheiden: Bestimmte Arten der Problematisierung stellen in Wirklichkeit ein Ablenkungsmanöver und eine Entledigung von realen Problemen dar, denen eigentlich nachzugehen wäre.

Doch nur weil eine Frage nicht ausdrücklich gestellt wird, heißt das nicht, dass sie nicht in den Köpfen präsent ist. Sie kann durchaus im Bewusstsein vorhanden sein, es beschäftigen und plagen - und zugleich unterdrückt werden. Man weicht ihr mithilfe von individuellen und kollektiven Techniken aus, damit man sein Leben weiterführen kann, als wäre nichts gewesen; man erfindet Gründe - die uns die Gesellschaft häufig nahelegt und zur Verfügung stellt -, um sich einzureden, es sei gut, wenn alles so bleibt, wie es ist.

In der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Literatur wird das Verhältnis von Wissenschaft und Politik seit dem späten 19. Jahrhundert zumeist aus einem erkenntnistheoretischen oder methodologischen Blickwinkel thematisiert, so in Debatten über Auffassungen von Wahrheit, Normativität, das Verhältnis zu Werten und über den möglichen Zusammenhang von "Wissen" und "Einmischung", von Methoden der Objektivierung und Voreingenommenheit in der Sozialforschung, über das Verhältnis von Wahrheit, Meinung und Objektivität etc.

Solche Fragen sind selbstverständlich keineswegs unzulässig. Das Problem von Wissen und Politik aus einem strikt erkenntnistheoretischen und methodologischen Blickwinkel anzugehen, heißt jedoch zunächst, dass man es in den üblichen Formen und Formaten behandelt - obwohl es g

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